Referent Manfred Böhm (c) bss

"Arbeit ist das halbe Leben?"

Referent Manfred Böhm
Di 4. Feb 2020
Michael Ohlemüller

Ingrid Reidt und Michael Ohlemüller, Betriebsseelsorger/in für den Bereich Südhessen, freuten sich, viele Gäste bei ihrem diesjährigen Neujahrsempfang begrüßen zu dürfen. Über 90 Besucher sind der Einladung nach Rüsselsheim gefolgt.

Hauptreferent an diesem Abend war Dr. Manfred Böhm, Leiter der Betriebsseelsorge Bamberg. Basis seines Vortrags über sozialethische Herausforderungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft, war eine Reihe von Karikaturen aus einem Buch:
"Karikaturen zu Mensch, Maschinen und Moneten".

Die Karikaturen werfen einen Blick auf die Arbeitswelt, „bösartig-realistischen“, gleichzeitig lustig und ernst – und auch auf die, die diese Welt unfreiwillig verlassen müssen.

Rund 85 Prozent der Bevölkerung sind dazu gezwungen, sich durch den Verkauf ihrer Arbeitskraft ihren Lebensunterhalt zu sichern. Daher sei die Erwerbsarbeit im Leben der meisten Menschen ein wichtiger Faktor, um den herum sie ihre private Lebensgestaltung planen, so Böhm. Arbeit werde nicht selten als unangenehm empfunden, da sie mit Mühe, Anstrengung und Schweiß verbunden sei. Dennoch ist sie unumgänglich für den Lebensunterhalt. Ohne Arbeit lasse sich nicht gut leben. Auch, weil sie dazu beitrage, mit der Welt und Mitmenschen in Beziehung zu treten. Selbst Gott werde im Schöpfungstext des Alten Testaments als arbeitender Gott dargestellt, der sechs Tage arbeite und am siebten Tage ruhe, so Böhm.

"Über Geld werden in unserer Gesellschaft Lebenschancen verteilt", kritisiert Böhm. Niedrige Löhne, die auf Dauer ganze Schichten in die Armut treiben, sind ein Angriff auf die menschliche Würde. "Der letzte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (2017) muss sogar eingestehen, dass die unteren 40% der Einkommen heute real weniger Kaufkraft zur Verfügung haben als in den 90er Jahren."

gut besuchter Neujahrsempfang (c) bss
gut besuchter Neujahrsempfang

Arbeit braucht auch menschengemäße Arbeitsbedingungen. Der Druck der Finanzmärkte strebt an, immer mehr mit immer weniger Kosten in immer kürzerer Zeit zu erledigen oder zu produzieren. "Effizienz heißt das Leitbild, nach dem wir alle funktionieren sollen. Die dazugehörige Kultur ist die des Eigeninteresses und der Konkurrenz." Erwerbsarbeit werde immer übergriffiger, da sie die Menschen auch immer häufiger in ihrer Freizeit beansprucht. Dies führe zu Dauerstress, dem viele nicht mehr standhalten können, sagte Böhm.
Die Ungleichverteilung fördert Egoismus. Böhm wies darauf hin, dass die imperiale Lebensweise der Reichen und Mächtigen deutlich zeige, es reicht nicht für alle, also müssen einige ausgeschlossen werden. Wesentliche Gründe für den weltweiten Zulauf bei den Populisten sei deren Vorgehensweise. Wenn es nicht für alle reicht, dann wenigstens für "unsere Leute". Doch statt Ausschluss sei eine faire Verteilung notwendig, so Böhm.

Im Anschluss an den Impulsvortrag waren Vertreter unterschiedlicher Arbeitsbereiche dazu aufgefordert, ihre eigenen Erfahrungen und Gedanken zu einigen Karikaturen, die sie sich ausgesucht hatten, zu formulieren:
Karin Puschmann, Erwerbsloseninitiative Kompass-Erbach;
Ulrike Leipold, ver.di Bezirksfrauenrat;
Manuela Awiszus, BR Vorsitz real Groß Gerau;
Dr. Michael Vollmer, Arbeitsmediziner und
Tanja Breuhan, JAV Opel.

Am Ende stand der Wunsch, dass wir trotz der bestehenden Schwierigkeiten nicht den Mut verlieren, weiter für eine Arbeits-Welt zu kämpfen, die wenigstens ein kleines bisschen menschlicher wird.

 

03.02.2020, Michael Ohlemüller