Schmerlenbach 2020 (c) BSS

Arbeitslos in Zeiten von Corona

Schmerlenbach 2020
Datum:
Fr. 6. Aug. 2021
Von:
Michael Ohlemüller

Denkanstöße der Bundesarbeitsgemeinschaft Arbeitslosenpastoral

Wir sind ein Zusammenschluss von Betriebs- und Arbeitslosenseelsorger*innen, Verantwortliche von Beschäftigungs- und Qualifizierungseinrichtungen, sowie von Sozialverbänden in 10 Diözesen. Wir arbeiten seit sehr vielen Jahren für und mit arbeitslosen Menschen - aus diesem Engagement heraus nehmen wir Stellung.

Arbeit ist Ausdruck der Würde des Menschen. Arbeit ist identitäts- und sinnstiftend und – vor allem in Form der Erwerbsarbeit – ein Schlüssel zu sozialer Gerechtigkeit. Für viele, wenn nicht die meisten Menschen, ist die berufliche Arbeit die Grundlage ihres Selbstwertgefühls, ihres Rückgrats. Geht der Arbeitsplatz verloren, verliert man den Boden unter den Füßen. Das Selbstbewusstsein wird mit jeder vergeblichen Bewerbung kleiner. Nicht genutzte Fähigkeiten verkümmern. Wir stimmen mit Papst Franziskus überein: "Es gibt keine schlimmere materielle Armut als die, sich das tägliche Brot nicht zu verdienen und der Würde der Arbeit beraubt zu sein“.

Im zweiten Jahr mit Corona scheint manchmal ein neues, anders konditioniertes Bewusstsein gefragt. Eigenschaften, die vorher für ein soziales Gelingen notwendig waren, werden überflüssig, ja, vielleicht sogar gefährlich. Spontanität, Hilfsbereitschaft, Kontaktfreude stellen eher ein Risiko dar. Kirchen, soziale Einrichtungen, Ämter, etc. blieben lange Zeit geschlossen.

Grundsätzliches

  • Die neue Arbeitslosigkeit wurde maßgeblich durch die Corona-Pandemie ausgelöst. Arbeitslose und Menschen in der Grundsicherung sind die großen Verlierer. 
  • Regierungen und Parlamente von Bund und Ländern haben die Tragweite der Krise früh erkannt und unverzüglich Hilfen in Form von „Kurzarbeitergeld“ in einem bisher nicht für möglich gehaltenen Umfang bereitgestellt.
  • Nicht nachvollziehbar ist, dass es trotz der offensichtlichen Mehrbedarfe der arbeitslosen Menschen, die auf Grundsicherung angewiesen sind, bislang an einer gezielten Unterstützung ausgerechnet für sie fehlt.
  • Arbeitslose und Menschen in der Grundsicherung verfügten in der Regel über keinerlei Rücklagen und viele von ihnen zählen zu den sogenannten Risikogruppen.
  • Beziehende von Hartz IV und Altersgrundsicherung kamen schon vor Corona kaum über den Monat und lebten teilweise unterhalb des soziokulturellen Existenzminimums. Mit der Corona-Pandemie hat sich die Situation für die Betroffenen noch einmal verschärft.
  • Das Kurzarbeitergeld wird zu Recht mit zunehmender Dauer aufgestockt, damit die Menschen unbeschadet durch die Corona-Pandemie kommen. Wer das Kurzarbeitergeld aufstockt, der müsste auch das Arbeitslosengeld und die Grundsicherung aufstocken.

Beobachtungen

Viele arbeitslose Frauen und Männer haben sich ganz zurückgezogen, kommen wenig vor die Tür, Kommunikation findet kaum statt. Sie kämpfen mit Depression und ziehen sich zurück. Aufgrund der fehlenden Kontakte und Begegnungen leiden viele unter großer Unzufrieden-heit und extremer Einsamkeit – entsprechend groß ist die Nachfrage nach analogen Hilfs-angeboten wie z.B. „walk & talk“ („spazieren und reden“). Wir beobachten in der Pandemie eine Mehrfachbelastung von Frauen in den Berufssparten Erziehung, Schule, Pflege sowie im Familienmanagement zuhause (Kinder und Großeltern). Gerechtigkeitsdefizite zwischen den Geschlechtern und niedrige Entlohnungen werden erneut offenbar.

Jugend & Auszubildende

Schon vor Corona waren ca. 5% der SchulabgängerInnen ohne adäquate Lese- und
Schreibkompetenz. Die Gründe dafür sind vielfältig. Meist ist es nicht der Mangel an Begabung, vielmehr sind es meist soziale und/oder Lerndefizite. Hier ist die Corona-Pandemie nicht die Ursache, aber sie verstärkt das Problem. Die „Bildungsschere“ geht noch weiter auseinander, Schüler*innen aus bildungsfernen Schichten fallen leistungsmäßig noch weiter zurück. Zudem sind Kontakte zu Sozialarbeiter*innen durch Corona reduziert. Es gibt kaum Praktikums- und zu wenig passende Ausbildungsplätze.
Neben dem Zugang zur notwendigen Hardware für das Lernen zu Hause sind persönliche Kontakte und die praktische Unterstützung dieser Jugendlichen wichtig.

Ebenfalls bereits vor der Krise hat die Zahl der Ausbildungsabbrüche kontinuierlich zugenommen. Zuletzt lag sie bei über 25 Prozent. Viel zu viele Jugendliche befinden sich im sogenannten Übergangssystem, einem Maßnahmensystem, das für die Betroffenen meist nicht in Arbeit endet. Viele Betriebe haben sich während der Krise vom Ausbildungsmarkt zurückgezogen. Auf der Strecke bleiben vor allem diejenigen, die es schon vor der Krise sehr schwer hatten. Mögliche Hilfen wären ein stärkeres personelles Unterstützungsangebot sowie die Schaffung einer Ausbildungsplatzgarantie. Zudem sollten niedrigschwellige Ausbildungsgänge (Fachwerker*in / Fachpraktiker*in) angeboten werden in den Branchen, in denen es möglich ist und die Ermöglichung einer Ausbildung trotz fehlender Berufsreife (Nachholen der Prüfung während der Ausbildungszeit).

Prekär Beschäftigte & Neu-Arbeitslose

Prekär Beschäftigte – insbes. Minijober*innen, Leiharbeiter*innen, Scheinselbstständige,
Studierende und vorwiegend von Frauen ausgeübte Berufe sind stark betroffen.
Für Qualifizierte und Menschen aus Branchen, die noch nie von Arbeitslosigkeit betroffen oder auf staatliche Unterstützung angewiesen waren, war die derzeitige Situation nicht vorstellbar. (Selbstständige, Wirte, Künstler*innen, Kleinunternehmer*innen, Ingenieur*innen und Mitarbeitende in der Automobilindustrie; Mitarbeiter*innen bei den Fluggesellschaften usw.) Zwar werden bei den Gewinnern der Krise auch neue Jobs geschaffen, beispielsweise in der Logistikbranche, aber diese sind durchschnittlich deutlich schlechter bezahlt als die in der Industrie verloren gegangenen.

Unsere Sicht, Ideen und Vorschläge

  • Wir sind besorgt um die Menschen, die zu den Verlierern der Krise gehören. Gerade sie dürfen nicht aus den Augen verloren werden. Die zunehmende Spaltung in Arm und Reich, Hochqualifizierte und prekär Beschäftigte und die Entstehung von Parallelgesellschaften in der Arbeitswelt verlangt den weiteren Ausbau eines Arbeitsmarkts, der auch weniger leistungsfähige Menschen integriert – mit hohen Sozial- und Arbeitsstandards.
  • Der durch das Teilhabechancengesetz umrissene "Soziale Arbeitsmarkt" weist in die richtige Richtung. Wir wollen seine Entfristung und die Unterstützung der Arbeitgeber - sowohl gemeinwohlorientiert als auch gewerblich.
  • So wie andere Branchen nicht nur in Krisenzeiten gestützt werden, sei es Landwirtschaft, Gastronomie, Einzelhandel oder Kultur, muss auch die Infrastruktur zur Betreuung (langzeit-) erwerbsloser Menschen aufrechterhalten und gefördert werden. Sie wird bei gestiegener Arbeitslosigkeit, verursacht durch Corona und Strukturwandel, noch stärker als zuvor benötigt.
  • Die durch Corona beschleunigte Digitalisierung von Arbeitswelt und Gesellschaft überfordert viele Menschen. Niemand darf zurückgelassen werden.
  • Es wird nach der Krise wichtig sein, die Unterstützungsleistungen der Lebensrealität der Menschen anzupassen.
  • Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen für arbeitslose Menschen müssen sowohl zeitlich wie finanziell an die Fähigkeiten und Bedürfnisse der Betroffenen angepasst werden.
  • Unser Wirtschaftssystem muss zukunftsfähig weiterentwickelt werden. Daher gilt es, die Diskussionen um alternative Modelle wie solidarisches Wirtschaften, (bedingungsloses) Grundeinkommen und kapital- oder steuerfinanzierte Rentensysteme kritisch zu begleiten und mitzugestalten.

Verabschiedet von der Bundesarbeitsgemeinschaft Arbeitslosenpastoral am 1. Juli 2021

Mike Gallen München
Angelika Fuchs Salzburg
Hans Gilg Augsburg
Kristina Hamm Herzogenrath
Martin Jahn Aalen
Hans-Peter Mayer Stuttgart
Michael Ohlemüller Rüsselsheim
Berthold Santjer Erkrath
Bruno Schumacher Darmstadt
Ludwig Stauner Aschaffenburg
Andrea Steyven Trier
Petra Zehe Bamberg

Anhang: Erfahrungen aus den Betrieben in Coronazeiten

Die Coronakrise hat Betriebe und Einrichtungen sehr unterschiedlich getroffen. Die einen sind Krisengewinner wie z.B. der Lebensmittelhandel, Onlinehändler, Drogeriemärkte usw. Andere, wenige, haben sehr flexibel reagiert und ihre Produktpalette umgestellt und z. B. mit ihren Maschinen Atemschutzmasken hergestellt. Ein großer Teil der produzierenden Betriebe hat relativ schnell das Instrument Kurzarbeit genutzt und so Arbeitsplätze gesichert. Gerade in Betrieben mit Betriebsrat und Gewerkschaft wurden oft gute Regelungen gefunden, um negative Auswirkungen für die Beschäftigten möglichst gering zu halten. Die Angst vor Arbeitslosigkeit war trotzdem groß.
In vielen Gesprächen tauchte immer wieder die Frage auf: Schafft es mein Betrieb durch die Krise oder werden Arbeitsplätze abgebaut bzw. droht die Insolvenz meiner Firma.
Auffallend war, dass gerade einige große Konzerne schon ab Mai 2020 Pläne öffentlich machten, eine oft sehr hohe Anzahl von Stellen coronabedingt abbauen zu müssen. Diese geplanten Zahlen haben zwar Betriebsrat und Gewerkschaften in langwierigen Verhandlungen erheblich reduzieren können, aber es blieb bei manchen Beteiligten schon die Frage, ob nicht einige Betriebe die Pandemie nutzen wollten, um vielleicht mit weniger Gegenwehr Umstrukturierungspläne vorzeitig umzusetzen.