Ausstellung Abstellgleis Jokus Gießen (c) Spannagel

Ausstellung "Abstellgleis" der Arbeitsloseninitiative (ALI) und der Gruppe Grundeinkommen Gießen

Ausstellung Abstellgleis Jokus Gießen
Di 20. Nov 2018
Richard Kunkel

Fotoausstellung widmet sich der Lebenssituation arbeitsloser Menschen

GIESSEN - Heruntergekommen und zurückgelassen, einsam und abgehängt, vergessen und hoffnungslos: Was in Worten Trostlosigkeit vermitteln mag, zeigte die Ausstellung der Arbeitsloseninitiative (ALI) Gießen und der Gruppe Grundeinkommen Gießen auf Fotos. Unter dem Titel "Abstellgleis" hatte man in das Jokus eingeladen und dabei vermittelt, dass die Stimmung in den Ruinen einstiger Kapitalschöpfung Ausdruck für die Lebenssituation arbeitsloser Menschen ist. Ein wenig Hoffnung schimmerte dabei aber in vereinzelten Bildern durch - auf einen Job und auf eine gerechtere Gesellschaft. Eine damit verbundene Idee ist das bedingungslose Grundeinkommen.

Wenn Firmen schließen und Gleise stillgelegt werden, geht deren Weg zu Ende - das Leben der ehemals Beschäftigten geht jedoch weiter. Die Antwort der Gesellschaft auf die Frage der Gerechtigkeit besteht bislang im Sozialsystem, in Hartz IV - oftmals mehr eine Sackgasse als ein Absicherungsnetz, wie die Bilder der Ausstellung vermitteln. "Sie zeigen, was ein entfesselter Kapitalismus anrichten kann", so der Vorsitzende der ALI, Richard Kunkel.

Visueller Eindruck
Die in der Ausstellung gezeigten Motive präsentieren unterschiedliche Orte in Gießen und Umgebung - vom Gail-Werk im Erdkauter Weg über das Ludwig Schneider Bauunternehmen zwischen Gießen und Heuchelheim bis hin zu stillgelegten Gleisen am Bahnhof. Gemacht wurden die Bilder von verschiedenen Mitgliedern der Arbeitsloseninitiative, die selbst betroffen von dem Thema sind. Ihre Erfahrungen und Assoziationen kommen in den Fotografien zum Ausdruck. Unterstützt wird der visuelle Eindruck jeweils von meist wenigen, dafür aber bewusst gewählten Wörtern und kurzen Sätzen - laut Ralf Drölle, der an dem Projekt mitgewirkt hat, persönliche Aussagen von Menschen, die "das System und seine Widrigkeiten kennen". Zerbrochene Fenster, rostiges Metall, abgebröckelter Putz: Die Liste der dargestellten Hinterlassenschaften ist lang. Oftmals wirkt es so, als sei die Zeit stillgestanden, als sei es die fehlende Absicherung und die erdrückende Abhängigkeit, die das sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels kaum erkennen lässt.
Sinnbildlich für die Ausstellung steht auch das namensgebende "Abstellgleis" - eindringlich vermittelt es das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. Eine andere Abbildung zeigt Schienen, die die "Weichen stellen" - im Sinne der Ausstellung hin zu einer gerechteren Gesellschaft. Der Weg dorthin - so die Idee - soll über das bedingungslose Grundeinkommen führen.
Dafür wurde im weiteren Verlauf der Veranstaltung der Film "Free Lunch Society - Komm, komm Grundeinkommen" von Christan Tod gezeigt, der Grundlage für eine Diskussion über die Idee bieten sollte. Dieser wohnte auch Attac-Mitgründer und Buchautor Werner Rätz bei, der das bedingungslose Grundeinkommen vor allem als gesellschaftlichen Diskussionspunkt versteht.
Er sieht in ihm ein Instrument, "um jedem einen Anteil am gesellschaftlichen Erbe zuzuteilen" und "Tätigkeiten ohne Existenzangst nachgehen zu können". Jedoch entstehe gesellschaftlicher Reichtum nicht ausschließlich durch Erwerbsarbeit, die wiederum bei vorhandenem Grundeinkommen "ohne ökonomische Erpressbarkeit" vonstattengehen könne. In jedem Fall könne Gesellschaftlichkeit aber nur entstehen, wenn die Menschen "in ihrem Tun und Machen" anerkannt werden, was nicht nur für Erwerbsarbeit gelten dürfe. "Das bedingungslose Grundeinkommen macht den Arbeitsmarkt menschlicher, denn prekäre Jobs hätten dann keine Zukunft mehr", so der ALI-Vorsitzende Richard Kunkel. Vielmehr sei es ein Weg aus der Abhängigkeit und auch aus der Kontrolle und Schikane, der Hartz IV-Empfänger ausgesetzt seien. "Eltern hätten mehr Zeit für ihre Kinder, die Pflege Angehöriger würde erleichtert werden und auch Altersarmut könnte verhindert werden", so Kunkel weiter.
Vor allem "intakte Beziehungen und Zeit füreinander" brauche die Gesellschaft. Das bedingungslose Grundeinkommen ist dabei die Antwort, die die Fotoausstellung auf die Frage gibt, die sie aufwirft - die nach der Gerechtigkeit.

(J. Spannagel)