Wolfgang Kessler bei seinem Vortrag (c) Rapp

Bunter Auftakt mit klarer Option

Wolfgang Kessler bei seinem Vortrag
Fr, 1. Feb 2019
Susanne Rapp/Ingrid Reidt

Neujahrsempfang der katholischen Betriebsseelsorge Südhessen

„Farbe bekennen! Für Vielfalt und Gerechtigkeit“, lautete des diesjährigen Neujahrsempfangs, zu dem die katholische Betriebsseelsorge Südhessen am 30. Januar 2019 in das Kulturzentrum „das RIND“ eingeladen hatte. Über 80 engagierte Frauen und Männer aus Arbeitswelt, Gewerkschaft, Kirchen, Politik, städtischen Einrichtungen, Kirchen, Verbänden und  Initiativen waren gekommen, um gemeinsam mit der Betriebsseelsorge das neue Jahr zu beginnen und damit gleichermaßen ein klares gesellschaftliches Zeichen zu setzen.

Ingrid Reidt bei ihrer Begrüßung (c) rapp
Ingrid Reidt bei ihrer Begrüßung

Kräfte bündeln und verstärken, die sich für Gerechtigkeit in der Arbeitswelt, für sozialen Frieden, für Demokratie einsetzen und gegen jegliche Form der Menschenfeindlichkeit, des Rassismus und der Ausgrenzung einsetzen, so die Aufforderung, mit der sich Betriebsseelsorgerin Ingrid Reidt an ihre Gäste wandte.

„Farbe zu bekennen  heißt Klartext reden, Meinung offenlegen – auch dann, wenn dies nicht immer auf Gegenliebe stößt“,  leitet Ingrid Reidt ein.  Die Redewendung aus dem Kartenspiel sei sehr gezielt für den Empfang ausgesucht worden. Die Spaltung unserer Gesellschaft sei nicht zu übersehen.  Es sei wichtiger denn je, angesichts von Rechtsruck und Liberalisierung klarer Position zu beziehen. Um der Menschen willen und für den sozialen Frieden, der im Wohlstandsland Deutschland zunehmend gefährdet ist. Dafür stehe auch die Betriebsseelsorge.

Blick zur Bühne (c) rapp
Blick zur Bühne

Um dem Anliegen einen markanten Impuls zu geben, war Dr. Wolfgang Kessler, Publizist, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler und Chefredakteur des „Publik Forum“ eingeladen.

Mit Blick auf das politische Berlin erhalte man den Eindruck, dass alles bestens laufe. Doch wer behaupte, Statistiken bewiesen, dass alles gut sei, der irre sich, so Kessler. Es gebe eine Reihe von Zukunftsproblemen, die grundsätzliche Veränderungen notwendig machten. 66 Prozent des Geldes, das im Umlauf sei, gehörten den zehn reichsten Haushalten. Die Arbeitsarmut wachse. Die vielgelobte Digitalisierung bewirke, dass immer weniger Menschen arbeitsabgesichert und unter prekären Situationen arbeiteten. Kessler sprach von »rasendem Finanzkapitalismus« und dass Rendite an oberster Stelle stehe, nach dem Prinzip »Wie im Westen so auf Erden. « Ängste vor einer ungewissen Zukunft würden wachsen. Er frage sich, ob außer Verzweiflung noch etwas anderes bleibe. Seine Antwort war ein klares Ja. Denn er kenne auch Bürger, die begriffen haben, dass ihr Engagement gefragt sei. Als Beispiele nannte er den Hambacher Wald, dessen Abholzung verhindert wurde. Oder auch die vielen streikenden Schüler, die für den Klimaschutz eintreten. Junge Arbeitsuchende bestünden immer öfter bei ihrer beruflichen Einstellung auf familiengerechte Arbeitsbedingungen. Darüber ärgerten sich die Arbeitgeber zwar. Doch es käme immer häufiger vor.

Podiumsgespräch (c) rapp
Podiumsgespräch

Pflege und Gesundheit seien Aufgabe des Staates und die Deutsche Bahn müsse keine Gewinne machen, jedoch pünktlicher sein. »Warum gibt es kein Facebook in Bürgerhand?«, fragte Kessler. Der Begriff „Freier Welthandel“ klinge eigentlich gut. Doch die Gewinner sind die mit der günstigsten Ware. Dies wiederum seien jedoch diejenigen mit den schlechtesten Arbeitsbedingungen. Fairer werde die Weltwirtschaft so nicht. Warum nicht nur Produkte zollfrei ins Land einführen, die fair produziert wurden?, bot er als Lösung an. Eine bessere Welt sei möglich. Mit Veränderungen bei jedem Einzelnen. Denn da laute die Frage: „Brauchen wir alles, was wir kaufen?“

Eine vierköpfige Gesprächsrunde äußerte sich im Anschluss dazu, wie jeder persönlich Farbe bekenne. Eike Broszukat von der Jugend- und Azubi-Vertretung Opel bezog sich darauf, dass die Azubis aus vielen unterschiedlichen Kulturen stammten. »Wir sind stolz darauf, eine Lehrwerkstatt zu haben, die bunt ist.“ Farbe bekenne er dadurch, dass er die Azubis dazu ermutige, selbst für Gerechtigkeit aufzustehen.

Die innere Motivation dafür Farbe zu bekennen, holt sich Elke Möller, Vorstandsmitglied der Stiftung Alte Synagoge Rüsselsheim, wenn sie sieht, wie Menschen für etwas auf die Straße gehen. Als Beispiel nannte sie eine Kundgebung im vergangenen Jahr mit 500 Menschen, die gegen die AfD protestierten. „Wir sind mehr“, lautet Möllers Überzeugung. Diese Menschen und jene, mit denen sie zusammen arbeitet, geben ihr die Kraft. Roman Gebhardt, Leiter der Kreisagentur für Beschäftigung in Darmstadt-Dieburg zieht Kraft aus seiner Familie, wenn Schicksale und Anfeindungen mit denen er täglich zu kämpfen hat, überhandnehmen. Auch ein riesiges Netzwerk dem er angehöre und mit dem sich viel bewegen ließe, gebe ihm Kraft.

Franz Beiwinkel vom DGB Ortsverband Heppenheim gibt auch ein Netzwerk Kraft, wenn es um den Kampf gegen Rechtsextremismus gehe. Referent Kessler stellte fest, die Deutschen müssten Engagement und Lockerheit lernen.

Ingrid Reidt  warb am Ende des Abends für  breite bunte Netzwerkarbeit und Solidarität im Schulterschluss: „Niemand soll mehr kriechen müssen, weder, weil er gezwungen wird, noch, um sich einen Vorteil zu verschaffen -  Niemand mehr soll von anderen klein gemacht werden, sondern jeder und jede aufrecht gehen dürfen und können.“

 

„Wir alle sind berufen, aufrecht zu gehen - würdig und mit Recht.“ ( Zitat Ingrid Reidt)