Das Pflege-Thema stieß auf ein großes Interesse. (c) bss (gallhuber/hammes)

Der Ruf nach notwendiger Kehrtwende unüberhörbar

Das Pflege-Thema stieß auf ein großes Interesse.
Datum:
Mo. 2. Mai 2022
Von:
Michael Bauer

Fünf nach Zwölf – Pflege (im) Dauer-Notstand

Der Begriff „Dauer-Notstand“ in der Langzeitpflege bzw. Altenpflege kennzeichnet sowohl die aktuelle Lage als auch die voraussichtliche Entwicklung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten. Bei der traditionellen Veranstaltung am Vorabend des Tags der Arbeit plädierte der Sozialwissenschaftler Professor Stefan Sell in seinem Vortrag im Tagungszentrum Erbacher Hof für eine Überwindung des für Pflegebedürftige wie Pflegende zunehmend unerträglich werdende derzeitige Pflegesystems hin zu einer Kommunalisierung der Senioren- und Pflegepolitik. Der Schwerpunkt im „Minenfeld“ des Pflegesystems bildete an diesem Abend die Situation des Pflegepersonals. Moderiert wurde der Abend von Pitt von Bebenburg von der Frankfurter Rundschau.

Die Lage ist schon erschütternd: „Es könnte schlimmer kommen….

Prof. Dr. Stefan Sell (c) bss (gallhuber/hammes)
Prof. Dr. Stefan Sell

In seinem Vortrag skizzierte Professor Sell die aktuelle Lage und wahrscheinliche Entwicklung bei der Altenpflege bzw. Langzeitpflege sehr eindrucksvoll anhand der offiziellen Daten der Pflegestatistik des Statistischen Bundesamtes von 2019 und der Prognoserechnungen des Barmer Pflegereports 2021, verfasst von Prof. Heinz Rothgang und Dr. Rolf Müller von der Universität Bremen.

Die Fakten zur Lage: Nach der amtlichen Pflegestatistik von 2019 gibt es rund 4,1 Millionen Pflegebedürftige nach Sozialgesetzbuch XI. Obwohl in den Medien häufig über Pflegeheime berichtet werde und ambulante Pflegedienste in der Berichterstattung lediglich am Rande auftauchten, werden 80 Prozent der Pflegebedürftigen 3,31 Millionen) zu Hause versorgt (davon 2,42 Millionen durch Angehörige und 983.000 zusammen mit oder durch ambulante Pflegedienste) und lediglich 20 Prozent (818.000) vollstationär in Heimen.

2019 gab es 14.700 ambulante Pflegedienste mit 421.600 Beschäftigten sowie 15.400 Pflegeheime mit 796.500 Beschäftigten. In der amtlichen Pflegestatistik nicht enthalten sind die nach Schätzungen 300.00 bis 600.000 Betreuungskräfte aus Osteuropa. Dies ist ein gravierender Grau- oder Schwarzbereich, der sich in keiner Statistik wiederfindet.

Schon die aktuelle Lage lasse erkennen, dass Personalmangel herrsche, gute Pflege nicht immer geleistet werden könne und der Zeitdruck sich verstärke. „Wenn nur 10 Prozent der pflegenden Angehörigen ihre Arbeit niederlegen würden, würde das deutsche Pflegesystem zusammenbrechen“, resümierte Professor Sell, weil sowohl Pflegekräfte als auch Betten zur Verfügung stünden.

Während die Zahl der Leistungsbezieher der sozialen Pflegeversicherung in den vergangenen Jahren recht konstant blieb und 2020 mit 703.334 Pflegebedürftigen in stationäre Pflege ausgewiesen wurde, sei die Zahl der Pflegebedürftigen in der ambulanten Pflege seit 2017 von rund 2 Millionen auf 2020 rund 3,5 Millionen sprunghaft angestiegen. Dieser Anstieg sei vor allem auf die gesetzlichen Leistungsverbesserungen zurückzuführen, stellte Professor Sell fest. Aus dieser hohen Zahl folge aber auch, dass die ambulante und häusliche Pflege aus dem Schatten der Aufmerksamkeit geholt werden müsse.

Die Prognose ist verheerend: „… und es kam schlimmer!“

Nach dem Barmer-Pflegereport 2021 wird die Zahl der Pflegebedürftigen je nach Annahmen über die Steigerung der Lebenserwartung in der mittleren Variante bis 2030 auf knapp 6 Millionen steigen, ein Zuwachs von 28.5 Prozent. Bis 2040 werden 6,7 Millionen Pflegebedürftige prognostiziert, bis 2050 7,5 Millionen (plus 62,2 Prozent im Vergleich zu 2020). Diese sich abzeichnende Entwicklung verheißt für das Pflegepersonal nichts Gutes. Da über 40 Prozent der Pflegekräfte schon heute älter als 50 Jahre sind, befinde sich der Arbeitsmarkt beim Pflegepersonal in einer sich verschärfenden Klemme: In den kommenden Jahre müsse nämlich nicht nur Ersatz her für die altersbedingt Ausscheidenden, sondern auch der Zusatzbedarf wegen der steigenden Zahl an Pflegebedürftigen gedeckt werden. Hinzu käme dann noch der „Schwund“, wenn Pflegekräfte aus ihrem Beruf fliehen. Und verschärft werde die Situation noch durch die allgemeine demografische Entwicklung, denn „die Jungen werden in Relation zu den Älteren immer weniger“ und somit steht der Pflegebereich bei der Gewinnung von Personal in Konkurrenz zu allen anderen Branchen. Im Unterschied zu den 1980er- und 1990er-Jahren mit Arbeitskräfteüberschuss besteht jetzt und in Zukunft ein ausgeprägter allgemeiner Fachkräftemangel.

Laut Professor Sell stagniert die Zahl der Ausbildungsanfängerinnen für die verschiedenen Pflegeberufe (Gesundheits- und Kinderkrankenpflege, Gesundheits- und Krankenpflege sowie Altenpflege) seit 2013 bei insgesamt rund 51.000, davon rund 24.000 in der Altenpflege. Durch die Ausbildungsreform in der Pflege („generalistische Pflegeausbildung“ seit 1.Januar 2020 „nach 20 Jahren Diskussion“) stieg 2020 die Zahl der Anfänger(innen) auf über 57.000 an, doch nur drei Monate nach Ausbildungsbeginn hätten bereits 3.500 die Ausbildung wieder abgebrochen. Also hier keine Entwarnung. Und auch die Anwerbung von Pflegepersonal in Osteuropa und auf dem Balkan stoße an ihre Grenzen und verlagere sich zunehmend auf Staaten wie Belarus oder Moldawien.

Warum viele Pflegekräfte auf dem Zahnfleisch gehen

Professor Sell, selbst ausgebildeter Krankenpfleger, beschreibt die Situation für viele Pflegekräfte mit folgenden Schlagworten:

  • Fachkräfte- und Personalmangel gibt es schon seit Jahren (auch vor Corona), vor allem in Pflegeheimen, aber auch zunehmend in der ambulanten Pflege und bei der 24-Stunden-Betreuung,
  • zunehmender Einsatz von Hilfskräften („qualifikatorisches Downgrading“),
  • skandalisierte, überwiegend negative Berichterstattung in den Medien,
  • bittere Erfahrungen der Pflegekräfte in der Corona-Pandemie: Arbeiten an der „Pflegefront“ statt Homeoffice, Arbeitszeitverlängerung, Hickhack um den „Pflegebonus“, der nach langen Diskussionen „kleingeschreddert“ wurde, Stigmatisierung durch die einrichtungsbezogene Impfpflicht.

Pflegekräfte empfänden sich zunehmend als Verfügungsmasse der Politik.

„Moralische Verletzungen“ bei vielen Pflegekräften

Bei immer mehr Pflegekräften entstünde „sozialer Stress“, wenn sich ein Mensch moralisch verantwortlich fühle für „seine“ Pflegebedürftigen, dieser Verantwortung wegen schlechter Arbeitsbedingungen aber nicht nachkommen könne. Dieser Stress führe zu moralischen Verletzungen, zu einer unsichtbaren Wunde, einer Verletzung der Persönlichkeit. Viele Pflegende entwickelten aus diesem persönlichen Dilemma eine Art Kälte im Umgang mit den Pflegebedürftigen („Cool-out“) mit fatalen Folgen: Anstatt zu rebellieren, fügen sie sich der Realität eines Systems, bei dem „gute Pflege“ immer mehr in den Hintergrund zu treten scheint.

Pflegekräfte fühlten sich zu falschem Handeln gezwungen, empfänden dies als Verrat an ihrem Berufsethos und ihren eigenen Ansprüchen. Die Folgen sind verheerend mit Burnout, Depressionen bis zur Berufsaufgabe (Pflexit“). Das ist besonders fatal, da es sich bei Pflegeeinrichtungen nicht um Schraubenfabriken handelt, sondern um Dienstleistungsunternehmen, in denen die Pflegebedürftigen abhängig sind von der Sorgearbeit des Personals und diesem Personal auch ausgeliefert sind.

Professor Sell ist sicher, dass die strukturellen Probleme in der Pflege nicht durch individuelle Therapie gelöst werden können. Er konstatiere bei den Beschäftigten immer wieder den Glauben an einen weißen Ritter: eine Art infantiler Glaube, dass die Politik die strukturellen Probleme auch kurzfristig lösen könne. Die sich dann anschließende enttäuschte Erwartung führe zu Frustration und zu „Rummaulerei“, die wenig helfe. Wenig zu sehen von Aufbegehren oder Rebellion, wenn man auf den „moderaten“ gewerkschaftlichen Organisationsgrad oder das überschaubare Vorhandensein von Arbeitnehmervertretungen (Betriebsräte, Personal- oder Mitarbeitervertretungen) in den Einrichtungen blicke.

Lösungsansätze

Nach Auffassung von Professor Sell muss auf allen Ebenen gehandelt werden:

  • Aufwertung der Pflegeausbildung und Imageverbesserung,
  • Schaffung eine Organisations- und Teamkultur, mit der Pflegekräfte im Beruf gehalten werden können,
  • mehr Personal, aber nicht um jeden Preis („Hilfskräfte aus fernen Ländern anheuern, ist keine Lösung“),
  • Steigerung der Attraktivität der Pflegeberufe, auch durch deutlich bessere Vergütung,
  • grundlegende Reform des Finanzierungssystems,
  • Stärkung der pflegenden Angehörigen durch verlässliche Strukturen und Kümmerer vor Ort.

Allerdings werde ausschließlich durch Pflegefachpersonal die steigende Zahl von Pflegebedürftigen auf keinen Fall zu bewältigen sein. Deshalb müsse die „Versäulung“ in der Langzeitpflege aufgelöst und das bisherige System überwunden werden zugunsten einer „Kommunalisierung der Senioren- und Pflegepolitik“. Dabei müsse vor Ort, in Stadt und Gemeinde, ein System etabliert werden, dass die Pflegearbeit im Sinne einer würdevollen Pflege der alten Menschen durch eine Mischung aus Fachpersonal und Ehrenamt bewältigen kann. Dänemark könne da als Vorbild gelten; das Land gebe aber auch bezogen auf die Zahl der Pflegebedürftigen etwa dreimal so viel für die Pflege aus wie Deutschland. „Das in Deutschland bestehende System der organisierten Unverantwortlichkeit und der zunehmenden Konzentration der Unerträglichkeit muss ein Ende haben“, schloss Professor Sell seinen mit viel Applaus begleiteten Vortrag.

Die Podiumsdiskussion

Das Podium (c) bss (gallhuber/hammes)
Das Podium

Bei der Podiumsdiskussion wurden viele gravierende Systemfehler noch einmal aus unterschiedlichen Blickwinkeln deutlich. Für die ehemalige Pflegekraft Sybille Pechmann sind für den Berufsausstieg vor allem die Diskrepanz zwischen Vergütung, Qualitätsanforderungen, eigenem Selbstverständnis und geringe Wertschätzung verantwortlich. Betriebsseelsorgerin Ingrid Reidt machte sich große Sorgen um die Pflegekräfte in ihren oft schwierigen Arbeitssituationen und psychischen Belastungen. Viele seien mit viel Herzblut bei ihrer Arbeit. 

Markus Hansen bei seinem Statement (c) bss (gallhuber/hammes)
Markus Hansen bei seinem Statement

Markus Hansen, Geschäftsführer eines Pflegeheims, wies als Arbeitgeber darauf hin, dass man gute Ideen für die Umsetzung guter Pflege habe (Stichworte Fehlerkultur und Wertschätzung), aber das Personal fehle. Zudem habe er Angst, Fachkräfte an besser bezahlende Krankenhäuser zu verlieren. Für den ehemaligen Pflegebeauftragten der Gewerkschaft ver.di, Michael Quetting, ist ein großes Ärgernis, dass die Probleme in der Altenpflege seit Jahren bekannt seien: „Man ist sehenden Auges mit Vollgas gegen die Wand gefahren!“ Er befürwortete den von Professor Sell vorgeschlagenen Systemwechsel zur Kommunalisierung mit Pflegestützpunkten und forderte für die Heime bessere gesetzliche Personalbemessungsregeln. Auch wünschte er sich, dass sich noch mehr Pflegekräfte der Aktion „Pflegeaufstand RLP“ anschließen, die bisher rund 350 Personen aus 90 Einrichtungen umfasst.

Sybille Pechmann (c) bss (gallhuber/hammes)
Sybille Pechmann

Themenfeld Bezahlung: Für Sybille Pechmann ist die Vergütung nicht das Hauptproblem in der Pflege, sondern es sind die Arbeitsbedingungen. Markus Hansen wiederum wies darauf hin, dass natürlich auch die Bezahlung für junge Leute ein wichtiges Element für einen möglichen Pflegeberuf sei. Noch wichtiger ist aus seiner Sicht aber die Aufwertung des Pflegeberufs, das Image. Dabei forderte er z.B. mehr Entscheidungskompetenz für das Pflegefachpersonal wie in anderen EU-Ländern. 

Michael Quetting (c) bss (gallhuber/hammes)
Michael Quetting

Michael Quetting unterstrich die Bedeutung von guten Arbeitsbedingungen (besonders für die vielen Frauen mit Teilzeitverträgen) und guter Bezahlung. Wertschätzung sei nun mal auch eine Frage des Geldes. Wunde Punkte seien aber auch, dass die Bezahlung von Pflegehilfskräften manchmal nahe an prekäre Beschäftigung komme und besonders in Heimen ein Problem mit Leiharbeit und Outsourcing bestehe. Letztlich bemängelte er auch die viel zu wenigen Arbeitnehmervertretungen in Pflegeheimen. Nur in einem Fünftel der Einrichtungen bestehen Betriebs-, Personalräte oder Mitarbeitervertretungen.

Regina Freisberg (c) bss (gallhuber/hammes)
Regina Freisberg

Zum Thema Bezahlung meldete sich Diözesancaritasdirektorin Regina Freisberg zu Wort, nachdem der 2021 auch an der Arbeitsrechtlichen Kommission der Caritas gescheiterte allgemeinverbindliche Mindesttarifvertrag für Verwirrung und massive Kritik gesorgt hatte. Aus ihrer Sicht war dieser Mindesttarifvertrag ein schlechter Tarifvertrag, weil er etwa weder eine betriebliche Altersversorgung noch Zuschläge und Überstundenregelungen enthalten habe. Eine Verbesserung brachte das danach verabschiedete „Gesundheitsversorgungs-Weiterentwicklungsgesetz“. Danach können künftig nur noch solche Pflegeeinrichtungen zugelassen werden, die ihre Beschäftigten gemäß Tarifverträgen oder kirchlichen Arbeitsrechtsregelungen bezahlen. Ab 1. September 2022 müssen nicht tarifgebundene Einrichtungen das regional übliche Entgeltniveau zahlen. Ein großer Fortschritt, so Regina Freisberg, dem weitere Schritte folgen müssten wie familienfreundlichere Arbeitsbedingungen, solide Finanzierungsgrundlagen in der Pflegeversicherung oder bessere Zugangsmöglichkeiten für ausländische Interessierte in die Pflegeberufe.

Schlusswort des Bischofs

Bischof Dr. Peter Kohlgraf (c) bss (gallhuber/hammes)
Bischof Dr. Peter Kohlgraf

In seinem launigen Schlusswort dankte Bischof Dr. Peter Kohlgraf allen Teilnehmenden auf und hinter der Bühne und allen Zuhörenden und wies auf das Buch von Joachim Fuchsberger hin, das den Titel trägt „Alt werden ist nichts für Feiglinge“. Dies gelte in doppelter Hinsicht für Pflegebedürftige wie für Pflegende. Professor Sell habe sehr deutlich auf die miserable Lage und die noch miserablere Entwicklung hingewiesen. Und im Jahr 2040 werde er selbst vielleicht auch zu den Pflegebedürftigen zählen und seine familiäre Situation sei nunmal nicht so, dass sich jemand um ihn kümmern könne. Er frage sich nach allen düsteren Aussichten, wie er mit einem hoffnungsvollen Gedanken die Veranstaltung beschließen könne. Und da erinnerte er sich an das Lied: „In der Mitte der Nacht liegt der Anfang eines neuen Tags“. Ein kleiner Trost am Ende eines sehr interessanten Vorabends zum Tag der Arbeit.