Schatten (c) pixabay

Ein dunkler Schatten von Corona in der Arbeitswelt

Schatten
Datum:
Mi. 28. Apr. 2021
Von:
Ingrid Reidt

Verrohung

Die nicht endende Pandemie lastet existentiell auf den Schultern der Menschen – im privaten Leben, aber auch mit Blick auf die Erwerbsarbeit als Lebensgrundlage und soziales Umfeld. Drohende Arbeitslosigkeit und überbordende Restrukturierungsmaßnahmen sind in nahezu allen Branchen an der Tagesordnung. Ebenso wie verschärfte prekäre Arbeit, Vielfachbelastung durch Homeoffice und Homeschooling, Höchstbelastung der Beschäftigten im Lebensmittelhandel, ganz zu schweigen von denen, die in den systemrelevanten Berufen, in medizinisch- pflegerischen Berufen, in Kliniken, auf Intensivstationen oder in Altenpflegeinrichtungen arbeiten.

Der Flughafen als größter Arbeitgeber steht Corona bedingt fast still, die Folgen sind auch für Zulieferer schon jetzt zu spüren. Zigtausende Beschäftigte sind seit Monaten in Kurzarbeit mit ungewissem Ausgang, Leiharbeiter*innen und Minijobber* innen die großen Verlierer*innen. Der Personalabbau langjährig Beschäftigter etwa bei IBM in Kelsterbach reiht sich ein in die Kette vieler anderer, wie etwa bei Segula. Knapp 100 Beschäftigte haben dort jüngst ihren Job verloren. Kurz: Es wird mächtig geholzt, Corona bedingt, aber auch, um Kosten zu minimieren, derer man sich schon vorher versuchte zu entledigen. Vieles geht mit massiven persönlichen Verletzungen und Enttäuschungen einher. Die Nerven liegen blank. Überall.

Als Betriebsseelsorgerin in Südhessen erlebe ich tagtäglich in Gesprächen mit Beschäftigten, Betriebsräten und Akteur*innen derArbeitswelt, in welchen Dimensionen Menschen betroffen sind. Was mir vor allem große Sorgen macht: Mit der Krise geraten hart erkämpfte Sozialstandards und demokratische Regelwerke ins Schwanken. Der Tonfall in Gesellschaft, Politik und Arbeitswelt wird rauer, tabuloser und reicht bis dahin, dass gar nicht mehr gesprochen wird. Der Trend zur Verrohung   verschärft sich auch im innerbetrieblichen menschlichen Umgang. Fronten verhärten sich. Die existentielle Angst entsolidarisiert. Es fallen Formen des Anstands. Zu spüren bekommen das in vielerlei Hinsicht etwa die Beschäftigten im Handel. Sie sind im Lebensmittelhandel nicht nur permanent dem Risiko der Ansteckung ausgesetzt, sondern auch den Unverschämtheiten mancher Kundschaft. Und hinter den Kulissen spielen sich harte Kämpfe um Mitbestimmung ab.

 

Solidarität und Achtsamkeit sind das Gebot der Stunde

Solidarität und Achtsamkeit sind das Gebot der Stunde Was es daher mehr denn je braucht: Solidarität und Achtsamkeit, branchen- und gewerkschaftsübergreifend! Der Blick über den eigenen Tellerrand ist dabei ebenso wichtig wie ein neues Maß an Empathie und Respekt. Unersetzlich sind Räume der Begegnung, um gemeinsam die Stimme für Gerechtigkeit und Demokratie und die Interessen der Benachteiligten zu erheben. Das Haus der Betriebsseelsorge in der Weisenauer Straße bietet einen solchen Ort – analog, aber auch digital!