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Ein sensibles Tabuthema

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Mi 28. Aug 2019
Helmut Westrich

Wie funktioniert ein Seminar gegen die Angst? Ein Trainer berichtet

Wir beobachten, dass reale und ver­mutete Ängste und Angstzustände zunehmen: Angst vor Arbeitsverlust, Krankheit, Alter, sozial benachteiligt zu werden, andere, fremde Menschen an­zusprechen, Prüfungsängste u.a. Aber auch unbestimmte, oft nicht benennbare Ängste wie: Ich fühle mich gelähmt und kann gar nicht sagen, wovor ich Angst habe. Wenn ich Auto fahre, wird mir etwas passieren (was noch nie passierte). Wenn ich Nein sage, werde ich als dumm hingestellt.

Mit Menschen darüber zu sprechen, ihnen Anregungen und auch Hilfen zu geben, sie erfahren zu lassen, dass Schritte der Änderung, welche sie bis­her kaum zu denken vermochten, mög­lich sind, damit ihr Alltag freudvoller, auch bunter aussehen kann. Ihnen Mut zu machen, sich in der Gruppe zu zeigen, gesehen zu werden und das auszusprechen, was sie bisher vermie­den haben. Und vor allem das, was sie können und der Gruppe zur Verfügung stellen können: Das war und ist der entscheidende Anlass, dieses Thema anzubieten.

"Ich muss die Menschen mögen"

Angst ist ein Tabuthema und ein intimes dazu. Meine grundsätzliche Haltung dazu ist die: »Ich muss die Menschen mögen!« All das, was zur Angst von Teilnehmenden gesagt wird, ist deren Wirklichkeit. Damit muss ich umgehen.

  1. Alle Teilnehmer werden vor der Be­grüßung mit Handschlag empfangen.
  2. Ich stelle mich persönlich vor mit dem Hinweis, dass ich kein Therapeut bin! Sollte jemand einen solchen su­chen, kann er bei seiner Krankenkasse eine Liste mit Adressen erhalten.
  3. Vereinbarung für einen Kontrakt: In dieser Veranstaltung kann alles gesagtwerden, niemand wird zu Aussagen »gezwungen«. Was gesagt wird, bleibt in diesem Raum, niemand redet nach der Veranstaltung über andere, kann aber persönlichen Kontakt zu einzelnen aufnehmen und über Fortschritte spre­chen. Eine solche Vereinbarung öffnet den Zugang zu persönlichen, angstfrei­en Gesprächen. Diese Vertraulichkeit sage ich den Teilnehmenden zu und bitte sie zu nicken, wenn sie sich auch daran halten wollen.
  4. Die Teilnehmenden werden gebeten, sich vorzustellen und dies im Stehen zu tun. Jeden Einzelnen bitte ich, für sich ein »Hoffnungswort« zu finden, welches er am Ende der Veranstaltung öffentlich machen kann.

Ein kurzer Impuls zum Thema Angst folgt. Kurz deshalb, da Teilnehmende häufig in der Theorie bereits gut beheimatet sind.

  1. Ich beginne mit einem Märchen von Max Bollinger. Es heißt: »Ein Angstha­se« und schildert, wie Angst entstehen kann und wie neue Verhaltensweisen möglich sind, wenn wir die Angst spüren und annehmen können.
  2. Der Teufelskreis der Angst: Zu un­serem Alltag gehören körperliche und seelische Beschwerden. Ist jemand be­sonders ängstlich, steht er unter see­lischem Druck. Dieser erzeugt Miss­empfindungen, die die Beschwerden in einer Art Teufelskreis verstärken.
  3. Säulen der Identität nach Hilarion Petzold: Sie sind gut geeignet, anschau­lich zu zeigen, wo etwas nicht mehr funktional ist und bei krisenhafter Ent­wicklung Angst auslösen kann.
  4. Ein Satz von Henry David Thoreau ist immer wieder erhellend. »Die Frage ist nicht, auf was du schaust, sondern was du siehst«. Was also sehe ich, wenn ich Angst habe? Was ist meine Wirklich­keit? Und was sehen andere, wenn sie das Gleiche schauen?

Paararbeit:

Je zwei Personen werden gebeten, sich 30 Minuten zu erzählen, wie sie mit ihrer Angst umgehen, wel­che Namen sie ihrer Angst geben und mit wem sie bisher darüber gesprochen haben. Dazu können sie den Raum verlassen und sich eine ruhige »Ecke« suchen. Gleichzeitig erhalten sie die Aufgabe, im anschließenden Plenum von der je anderen Person zu erzählen.

Die Herausforderung, diesen Schritt zu wagen, ist groß, wird oft zögerlich an­genommen und ist doch der entschei­dende. Meist reichen diese 30 Minuten nicht. Die aufkommende Diskussion im Plenum ist an den Fragen der Teil­nehmenden orientiert. Sie ist lebendig, immer wertschätzend und hilfreich. Deutlich wird, wie viel Power, Mut und verborgene Ressourcen die Teilnehmer nach den Zweiergesprächen zeigen. Im Anschluss an das Plenum ein Hin­weis: Sie, die Teilnehmenden, haben die Möglichkeit, sich mit jemandem zu vereinbaren, dem sie nach der Ver­anstaltung von ihren Fortschritten im Umgang mit der Angst erzählen. Wie dieser Hinweis angenommen wird, ist nicht überprüfbar.

Am Ende einer Veranstaltung gehen wir folgende Schritte:

  1. Auswertung mit Hilfe eines Frage­bogens
  2. Blitzlicht: Ein Wort, ein Satz, der nicht mehr diskutiert werden darf, und das Benennen des »Hoffnungswortes«, was jeder zu Anfang für sich gefunden hat.
  3. Hinweis auf die nächsten Veranstal­tungen
  4. Dank des Referenten an die Teilneh­mer und Verabschiedung mit Hand­schlag.