Begrüßung und aktuelle Entwicklungen (c) bss

Endlich umdenken!

Begrüßung und aktuelle Entwicklungen
Datum:
Mi. 6. Juli 2022
Von:
Michael Bauer

„MIT-Jahresempfang“ der Betriebsseelsorge Südhessen

„Wohin soll das führen?“ war die Überschrift des Jahresempfangs der Betriebsseelsorge des Bistums Mainz für die Region Südhessen. Die zuständigen Betriebsseelsorger*innen Ingrid Reidt und Michael Ohlemüller begrüßten am 23. Juni auf dem Außengelände des Hauses der Naturfreunde Rüsselsheim rund 50 Gäste. Erstmals seit der Coronapandemie konnte die Veranstaltung – ursprünglich als Neujahrsempfang im Januar – wieder persönlich stattfinden.

Willi Braun von den Naturfreunden in Rüsselsheim (c) bss
Willi Braun von den Naturfreunden in Rüsselsheim

Große Umbrüche seien im Gange, betonte Ingrid Reidt bei ihrer Begrüßung der Gäste: Betriebs- und Personalräte, Gewerkschafter, Vertreter von Kolping, KAB, Diakonie, Caritas, christliche Kirchen, Jobcenter und Arbeitsagenturen, Arbeitsloseninitiativen und weitere soziale und politische Initiativen. Bei der Betriebsseelsorge gelte der Grundsatz „Jeder und jede ist wichtig!“ Willi Braun von den Naturfreunden Rüsselsheim begrüßte die Anwesenden am Naturfreundhaus, einer Oase am Rande der Stadt am Horlachgraben.

Bei der Planung der Veranstaltung zeigten sich die großen Umbrüche in der Digitalisierung und der Transformation von Wirtschaft und Arbeitswelt sowie in der Klimakrise, dann in der Überwindung der Coronapandemie und inzwischen im Angriffskrieg Russland auf die Ukraine und im Wirtschaftskrieg Russlands gegen die EU. Viele Katastrophen seien wiederum menschengemacht wie die globale Ausbeutung von Mensch und Umwelt, unfassbare Ungerechtigkeit und Verarmung - auch in Deutschland – maßgeblich mitbestimmt durch die kapitalistische Wirtschaftsordnung und die neoliberale orientierte Wirtschaftspolitik. „Als Betriebsseelsorge richten wir den Blick auf den Menschen und seine Würde; Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung sind jeher leitgebende christliche Option“, betonte Ingrid Reidt. Deswegen setze sich die Betriebsseelsorge auch für Solidarität, gute Arbeit, Nachhaltigkeit sowie eine gerechte und solidarische Gesellschaft ein.

Automobilindustrie und Mobilitätswende

Einige Aspekte der Transformation beleuchteten zwei Gewerkschafter*innen, mit den die Betriebsseelsorge seit Jahren eng kooperiert: Ulrike Obermayr, 1. Bevollmächtigte der IG Metall in Darmstadt, befasste sich mit der in der Region wichtigen Autoindustrie und dem Thema Mobilität. Das für 2035 geplante Ende des Verbrennungsmotors und der Umbau auf E-Mobilität stellten die Branche und insbesondere auch die Beschäftigten vor große Herausforderungen; zahlreiche Arbeitsplätze seien bedroht (etwa durch die Schließung des Standorts Saarlouis des Herstellers Ford). Autobauer und Zulieferer müssten beim Umstieg auf die E-Mobilität ganz neue Wertschöpfungsketten entwickeln. Insbesondere stellt der eher ruckartige Strategiewechsel der Hersteller die Zulieferer teilweise vor sehr große Probleme. So sei bei Continental in Babenhausen noch kein schlüssiges Konzept für den Umbau erkennbar. Beschäftigung müsse durch Umschulung und Weiterbildung gesichert werden, gerade mit Blick auf den allerorten erkennbaren Fachkräftemangel.

Impuls und Diskussion: Horst Gobrecht, Ulrike Obermayr (rechts) und Ingrid Reidt (c) bss

Andererseits bliebe die Mobilitätswende noch weitgehend aus. So dominiere nach einer Mobilitätsstudie der Continental AG, die das Verhalten während der Coronapandemie untersuchte, weiterhin eindeutig der Autoverkehr. Eine Mehrheit der Befragten definiere das Auto als wesentlichen Teil ihrer Mobilität und ihres individuellen Lebensraums. 54 Prozent sehen das eigene Auto als persönlichen Rückzugsort an. Über die Hälfte (53 Prozent) nutze für Urlaubsreisen ein Auto bzw. ein Camping- oder Wohnmobil, mehr als mit dem Zug oder dem Flugzeug zusammen. Für 61 Prozent der Umfrageteilnehmerinnen und -teilnehmer seien der Komfort und die Sicherheit des Autos während der Urlaubsreise wichtiger geworden. Die jeweils weit überwiegende Mehrheit (84 bzw. 60 Prozent) derjenigen, die in der Befragung angaben, während der Pandemie unterwegs gewesen zu sein, will auch nach deren Ende das Auto bzw. das Camping- oder Wohnmobil unverändert oder sogar häufiger nutzen.

Die Zahl der Pkws sei sogar laut Statistischem Bundesamt von (2017) 45,8 Millionen auf (2021) 48,2 Millionen gestiegen. Appelle und Hoffnungen reichten da nicht aus, das allgemeine Mobilitätsverhalten habe sich offenbar noch nicht merklich verändert. Der ÖPNV müsse deshalb dauerhaft viel attraktiver werden.

Umdenken im Konsumverhalten dringend geboten

Horst Gobrecht, Gewerkschaftssekretär bei ver.di in Darmstadt und zuständig für den Handel, spannte bei den Umbrüchen in Wirtschaft, Klima und Umwelt einen weiten Bogen vom bereits 1972 veröffentlichten Bericht des Club of Rome zur Bedrohung der Erde unter dem Titel „Die Grenzen des Wachstums“ – damals von vielen in Politik und Gesellschaft als „Spinner“ verunglimpft - zu den vielen negativen Folgen der kapitalistischen Wegwerfgesellschaft. Schon 1961 dokumentierte der amerikanische Publizist Vance Packard in seinem Buch „Die große Verschwendung“, dass die Industrie gezielt Wegwerfprodukte mit begrenzter Haltbarkeit entwickle. Aktuell würden in den Industrieländern jährlich etwa 1 Million Tonnen Kleidung und 18 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen.

Das Wirtschaftsmodell der Industrieländer könne nicht weltweit übertragen werden. „Wenn in China und Indien die 3 Milliarden Einwohner eine so hohe Autodichte haben würde wie in Deutschland, ist der Planet Erde tot“, führte Gobrecht die Gefahren allen vor Augen. Unumgänglich sei ein Umdenken im Konsumverhalten „bei uns allen“ weg von der allgegenwärtigen Verschwendung hin zu nachhaltigen, langlebigen und am besten auch regionalen Produkten. Auch sei eine gesamtwirtschaftliche Wertanalyse der industriellen Produktionsverfahren und der Endprodukte vonnöten, die auch die Mobilität und Umweltbelastung (etwa durch die Entsorgung des Mülls in Entwicklungsländern) einbeziehen müsse, um die gesamtgesellschaftlichen Kosten der Produktion und Verteilung zu ermitteln. Danach sei beispielsweise zu fragen: Welche Produkte können langlebiger erzeugt werden? Was ist überflüssig? Welche Abfälle können durch Recycling wiederverwendet werden?

Horst Gobrecht fragte nach einer solidarischen gesellschaftlichen Alternative, die sich gegen das herrschende kapitalistische System richten müsse. Angesichts der großen Umbrüche bestünde die Chance für eine nachhaltige Veränderung hin zu wirtschaftsdemokratischen Strukturen und einer ökologisch-sozialen Wirtschaft. Bei einer Gegenbewegung aus der Zivilgesellschaft könne er sich auch gut eine Zusammenarbeit der Gewerkschaften mit Bewegungen wie „Fridays für Future“ vorstellen.

Dank an Referent*innen

Dank an Referent*innen (c) bss
Dank an Referent*innen

Ingrid Reidt und Michael Ohlemüller (Schwerpunkt Arbeitslosenseelsorge und Vorsitzender der Initiative Arbeit im Bistum Mainz e.V.) dankten dem Team der Betriebsseelsorge Südhessen für die Organisation, den Naturfreunden Rüsselsheim für die unkomplizierte Gastfreundschaft und die Zusammenarbeit, dem Team vom „Buschcafé“ Rüsselsheim für die Leckereien und die Verköstigung sowie der „Marta Hopkins Band“ für die swingende, jazzige musikalische Begleitung.