Im Gespräch mit Mainzer Betriebsräten (c) bss

Gegenseitige Solidarität wird groß geschrieben

Im Gespräch mit Mainzer Betriebsräten
Datum:
Mo 5. Okt 2020
Von:
Hans-Georg Orthlauf-Blooß

Mainzer Betriebsräte tagten im Erbacher Hof

Das erste Treffen des Arbeitskreises Mainzer Betriebsräte für 2020 fand am 23.09.2020 statt und stand ganz im Zeichen der Berichte über die Auswirkungen der Corona-Pandemie für die Betriebe und Einrichtungen. Der Sprecher Thomas Scherer, Betriebsratsvorsitzender der Kraftwerke Mainz Wiesbaden AG konnte diesmal 25 Teilnehmende begrüßen. Das Treffen fand auf Einladung der Betriebsseelsorge im Tagungszentrum Erbacher Hof statt.

„Viele Betriebe nutzen die Zeit und richten sich für die Zukunft aus!"

Unterschiedlich zeigten sich die Corona-Folgen. Es gibt Betriebe, die bisher gut durch die Krise gekommen sind. Sogar neue Mitarbeiter konnten teilweise eingestellt werden. Angesichts der Auftragsentwicklung in einigen Gewerken des Handwerks sind dort die Anstrengungen, Fachkräfte zu finden groß. In der Industrie und den Stadtwerken sind Notfallpläne entstanden, um systemrelevante Betriebsteile zu sichern. Aber viele Betriebe müssen abwarten, sind ausgebremst durch zurückgehende Aufträge und müssen die Möglichkeit der Kurzarbeit nutzen. In anderen Betrieben sorgt die Pandemie für einen digitalen Schub. So wird die digitale Infrastruktur ausgebaut und mobiles Arbeiten für viele Mitarbeitende möglich. „Die Betriebe nutzen die Zeit und richten sich für die Zukunft aus!“, wie es Horst Berndroth von der KMW AG formulierte.

"Corona hat uns das Genick gebrochen!"

Ganz anderes berichtete die Karstadt Betriebsratsvorsitzende Martina Lauenroth: „Corona hat uns das Genick gebrochen,“ und brachte so die Situation der Kolleginnen und Kollegen im Mainzer Karstadt auf den Punkt. Jetzt läuft der Ausverkauf. Der Vergleich mit "Leichenfledderei" machte in der Diskussion die Runde. Es sind bittere Erfahrungen für die Mitarbeitenden, viele mit langer Betriebszugehörigkeit. Das Durchschnittsalter liegt bei 45 Jahren. Manche „Schnäppchenjäger“ übertreiben ihre Gier nach Rabatt. Voraus gegangen war schon einige Jahre ein Überlebenskampf. Immer wieder machte die Belegschaft gegenüber der Konzernleitung Zugeständnisse. „Die Folgen wirken sich bis in die Rente hinein aus!“, sagte die Betriebsratsvorsitzende ernüchternd. Doch als „Doppelstandort“ (es gibt mit dem Kaufhof ein zweites großes Kaufhaus in Mainz, das zum Galeria-Konzern gehört) und mit der unsicheren Zukunftsprognose durch die Bauplanungen in der Ludwigsstraße war der Karstadt-Standort nicht zu halten. Die 70 Mitarbeitenden gehen nach der Schließung in eine sechsmonatige Transfergesellschaft. Ziel ist es, ihnen neue Beschäftigungsverhältnisse zu vermitteln.

Jubiläum musste ausfallen - Rentenreport des DGB

Sichtlich enttäuscht war auch Heike Huber, Betriebsrätin im Mainzer Musikverlag Schott. Lange im Voraus nämlich, war das 250-jährige Jubiläum des Musikverlags mit einer Reihe großer Festveranstaltungen geplant gewesen und konnte jetzt nicht stattfinden. Zudem führte der Lockdown zu Aufführungsverboten und der Musikalienhandel fand nicht statt; dies alles beschere Millionenverluste, stellte Huber fest und fügte kritisch hinzu, dass von der Politik viel zu wenig auf die Situation der Künstler eingegangen werde, für die es keine Möglichkeit der Kurzarbeit oder nur wenig Unterstützung gibt.

Die Regionalgeschäftsführerin des DGB, Susanne Wagner stellte den Rentenreport 2020 des DGB-Rheinland-Pfalz/Saarland vor. Er zeige, dass jede bzw. jeder sechste Rentner/in in Rheinland-Pfalz armutsgefährdet ist. Mehr als 24.000 Rentnerinnen und Rentner sind in Rheinland-Pfalz auf unterstützende Grundsicherung im Alter angewiesen – selbst dann, wenn sie ein Leben lang gearbeitet haben. Dies sei ein gesellschaftlicher Skandal!

Arbeitskreis seit 1997

Der von den Betriebsräten selbstorganisierte Arbeitskreis Mainzer Betriebsräte hat sich 1997 gegründet. Ziel ist damals wie heute in der Region gemeinsam für die Sicherung der Arbeitsplätze einzutreten. Gegenseitige Solidarität wird seitdem groß geschrieben. Der regelmäßige Austausch bildet ein wichtiges Netzwerk der Unternehmen in der Region, bei dem die Synergien aller genutzt werden können. Beteiligt sind Arbeitnehmervertreter aus ca. 30 Unternehmen und Einrichtungen der unterschiedlichsten Branchen. Auch die Vertreter des DGB und der Kirchen sind am Tisch. Der Sprecherkreis besteht aus Thomas Scherer (KMW AG), Birgit Jochens (HeidelbergCement AG) und Jürgen Heigl (Prefere Paraform GmbH & Co. KG). 

Am Arbeitskreis interessierte Arbeitnehmervertretungen wenden sich an:
Thomas Scherer, thomas.scherer@kmw-ag.de