Ingrid Reidt und Dr. Stiegler (c) BSS Südhessen

Gleiche Bezahlung für gleichwertige Arbeit?

Ingrid Reidt und Dr. Stiegler
Fr 4. Sep 2020
Eileen Hirsch

– Die verborgene Diskriminierung der Frauenarbeit

Kooperationsveranstaltung der AG Frauen und Arbeitswelt in Rüsselsheimdeckt erneut das Ausmaß und die Ursachen von geschlechterbezogener Ungerechtigkeit im arbeitsweltlichen Kontext auf.

Die Corona-Krise hat dazu beigetragen, ein längst bekanntes Thema, die nicht existierende gleiche Bezahlung von gleichwertiger Arbeit, deutlich zu machen. Noch immer werden die sogenannten SAGE-Berufe (SAGE steht für Soziale Arbeit, Gesundheit und Erziehung), die meist von Frauen ausgeübt werden, sehr viel schlechter bezahlt, als typische Männerberufe. Selbst wenn die gleichen Arbeiten von Frauen und Männern ausgeübt werden, werden Frauen schlechter bezahlt. Zu Corona-Zeiten sind Frauen dazu gezwungen, ihre Erwerbsarbeit zu reduzieren, um ihre Kinder zu betreuen.

Dr. Barbara Stiegler (c) BSS Südhessen
Dr. Barbara Stiegler

Rüsselsheim, 3.9.2020 Ratssaal: Der Arbeitskreis „Frauen und Arbeitswelt in Rüsselsheim“, in dem sich seit Jahren auch die katholische Betriebsseelsorge engagiert, hat das Thema der Gendergerechtigkeit in der Arbeitswelt auf die Agenda gerufen. Sie konnten dafür die Fachfrau Frau Dr. Barbara Stiegler, ehemalige Leiterin des Arbeitsbereichs Frauen- und Geschlechterforschung an der Friedrich-Ebert-Stiftung, gewinnen, um über das Thema zu sprechen.

Dazu eingeladen hatten Vertreterinnen aus dem Büro für Frauen und Chancengleichheit der Stadtverwaltung, Kultur123 der Stadt Rüsselsheim, dem Frauenzentrum Rüsselsheim, ver.di Vertrauensleuten der Stadt Rüsselsheim, dem evangelischen Dekanat Groß-Gerau-Rüsselsheim und der katholischen Betriebsseelsorge Südhessen.

Gendergerechtigkeit in der Arbeitswelt und die angemessene Bewertung von Berufen, die vorrangig von Frauen ausgeübt werden, sind immer noch zu wenig im Fokus und verlangen verstärkte Aufmerksamkeit“ (Ingrid Reidt, Betriebsseelsorgerin).

Die Referentin bezeichnete Frauenarbeit als lebenswichtig. Denn in der Krise seien es Frauen, die die Gesellschaft am Laufen halten. Niemand vermisse in der Krise einen Bänker. Doch würden Berufstätige im Bereich der sozialen Arbeit, der Gesundheitspflege und der Erziehung wegfallen, wäre dies katastrophal. Doch warum werden bis heute diese Berufe viel schlechter bezahlt? Gründe können Erwerbsunterbrechungen und -reduzierungen nach einer Geburt sein. Auch fehlende Bildung kann ein Grund sein. Als Hauptgrund sieht Stiegler jedoch die vergeschlechtlichte Arbeitsbewertung.

Schon in der Schulzeit und später in der Ausbildung gibt es typische Männer- und Frauenberufe. »Männer bauen, Frauen erziehen«. Dies führt dazu, dass nur Männerberufe für eine dauerhafte und eigenständige Existenzsicherung ausgelegt sind, da Frauen nach dem veralteten Denkschema gemessen, letztendlich für Haushalt und Kinder zuständig sind.

Zwischen 2015 und 2018 wurde ein »CW-Projekt« (Comparable Worth) mit interdisziplinärem Ansatz durchgeführt, das eine geschlechtsneutrale Bewertung beruflicher Tätigkeiten durchführte. Daraus sollte folgen, dass Berufsgruppen mit gleichem CW-Wert auch gleichen Stundenlohn erhalten, egal welchem Geschlecht sie angehören. Die Ergebnisse, die sich ergaben, zeigten, was längst zu erwarten war. »Die beruflichen Anforderungen und Belastungen im Rahmen überwiegend weiblicher Erwerbsarbeit werden geringer entlohnt als die gleichen Anforderungen und gleichen Belastungen im Rahmen überwiegend männlicher Erwerbsarbeit!«
Sorgeberufe in Pflege und Gesundheit sind unterbewertet. Führungskräfte im Bereich IT-Dienstleistungen verdienen knapp 17 Euro mehr pro Stunde als Fachkräfte in Pflege und Gesundheit, trotz eines vergleichbaren Ausmaßes an Arbeitsanforderungen und -belastungen.

Geschenkübergabe an die Referentin Dr. Stiegler (c) BSS Südhessen
Geschenkübergabe an die Referentin Dr. Stiegler

Damit ist die Ungleichheit von geschlechtergerechten Arbeitsbewertungssystemen wissenschaftlich belegt. Doch der Blick auf Medien, Werbung oder auch Bildung zeigt, dass dort bereits stereotype Vorstellungen und Zuschreibungen geschlechtsspezifisch das Denken manipulieren. Verfestigte Strukturen halten fest an einer Arbeitsteilung von bezahlter Arbeit für den Mann und unbezahlter Arbeit für die Frau. Doch die unbezahlte Arbeit ist systemrelevant.
Das Problem ist nicht neu, unterstrich die Referentin. Bereits in den 80er Jahren gab es Versuche, eine Gleichberechtigung zu erwirken. Geschehen ist bislang nicht viel.
Stiegler nannte als nächste Schritte ein Verbot ungleicher Löhne. Unternehmen müssen Nachweise erbringen. Bei Nichteinhaltung erfolgen Sanktionen und es muss eine gesetzliche Verpflichtung zur Anwendung von Lohngleichheitsprüfungen geben.

Carmen Größ, die Leiterin des Frauenzentrums Rüsselsheim, wies bei der sich anschließenden Diskussion darauf hin, dass die Bezeichnung arbeitslos bei Frauen durch erwerbslos geändert werden sollte, da Frauen, die einen Haushalt führen und Kinder betreuen nicht arbeitslos sind. Eine Besucherin stellte die Frage, warum bei der Veranstaltung nur zwei Männer anwesend seien und ob dies nicht aussagekräftig sei.

Betriebsseelsorgerin Ingrid Reidt sieht in der sehr nüchternen aber bestechenden Studie eine große Chance, erneut die ungerechte Bewertung von Tätigkeiten von Frauen, gesellschaftlich und auch innerkirchlich neu ins Gespräch zu bringen.
Bis die Forderung nach gleicher Bezahlung für gleichwertige Arbeit sich durchsetzt, wird noch viel geschehen müssen. Die Veranstaltung in der Rathaus-Rotunde zeigte einmal mehr, wie wichtig es ist, das Thema nicht als gegeben hinzunehmen und auch weiterhin anzusprechen.

Auch für die Betriebsseelsorge ist damit klar: Es gibt noch viel zu tun!

Susanne Rapp/ Ingrid Reidt