Immer prekärer statt fairer

Alarmierende Arbeitsbedingungen im Einzelhandel in Coronazeiten

Datum:
Fr 4. Sep 2020
Von:
Ingrid Reidt

Alarmierende Arbeitsbedingungen im Einzelhandel in Coronazeiten

Vor drei Monaten wurden sie noch beklatscht oder zumindest erstmals wirklich wahrgenommen: Die Beschäftigten im Lebensmitteleinzelhandel. Sie waren über Nacht -neben den Beschäftigten in der Pflege - die „Held*innen des Alltags“.

Lebensmitteleinzelhandel (c) pixabay
Lebensmitteleinzelhandel

Doch weder von besungener Euphorie noch von Systemrelevanz ist heute noch etwas zu spüren. Im Gegenteil. In den Supermärkten geht es zu wie eh und je – manchmal so, als gäbe es das Virus nicht. Das Personal wird bestenfalls zur Kenntnis genommen. Von Respekt gegenüber denen, die durchgängig mit Mundschutz ihre Arbeit tun und auch bei großer Hitze ohne Klimavorrichtung die Lebensmittelversorgung zu Coronazeiten ermöglichen, ist wenig zu spüren. Immer wieder gibt es Gedränge oder Missachtung der Mindestabstände. Bei Verweisen auf den Mundschutz gibt es immer wieder laute Diskussion, als stünde die Freiheit des Kunden über dem Schutz der Beschäftigten. Niemand sieht: Sie stehen dauerhaft im regen Menschenkontakt und sind der Ansteckungsgefahr besonders ausgesetzt.

Die Aggression mancher Kund*innen gegenüber den Beschäftigten wächst. Anmache an der Kasse kommt immer häufiger vor. Nicht immer, aber umso notwendiger wird die Einhaltung der wichtigen Hygienevorschriften in Supermärkten und Warenhäusern von Sicherheitskräften übernommen.

Weniger sichtbar, aber nicht weniger prekär ist die Situation in Stores und Filialen der großen Modeketten. Bei H&M, Primark, Zara und Co. kämpfen Betriebsrät*innen um die Einhaltung von Sicherheitsvorkehrungen, die eigentlich selbstverständlich sein sollten. In den engen oft schlecht belüfteten Läden braucht es strenge Regeln, um die Beschäftigten zu schützen. Doch der Verkauf und der Umsatz stehen an oberster Stelle, egal ob an und in den Umkleiden die Hygieneregeln beherzigt werden oder wirklich kontrolliert werden können. Es wird immenser Druck ausgeübt auf die Mitbestimmung, auf die Kolleginnen, die wegen Ausfall ihrer Kinderbetreuung andere Schichtmodelle benötigen. Die physische und psychische Belastung der Kolleg*innen ist nicht hinzunehmen.

Das Betriebsverfassungsgesetz wird mit Füßen getreten. Statt „Heldentümer“ braucht es die Einhaltung und Ahndung ((Achtung)) von Gesetzen, die den Schutz der Beschäftigten sichern.

Interessant ist ohnehin dabei: Die Beschäftigten selbst wollten nie Heldinnen und Helden sein, sondern einzig den mehr als berechtigten Anspruch – auch außerhalb von Coronazeiten – verfolgen, respektvoll, existenzsichernd und unter Wahrung ihrer Arbeitnehmer*innen-rechte ihrer Erwerbsarbeit nachgehen zu können.  

Denn – nur zur Erinnerung - schon weit vor Corona kämpften Beschäftigte des Einzelhandels hart um humane, existenzsichernde Arbeitsbedingungen und Mitbestimmung. Die Folgen des unerbittlichen Preis- und Wettbewerbsdrucks in der Branche wurden und werden - im wahrsten Sinn des Wortes - billigend in Kauf genommen.

Corona verdeutlicht wie der Blick durch ein Brennglas die eklatante Entwertung von Beschäftigung und Mitbestimmung im Einzelhandel. Jetzt gilt es noch genauer hinzuschauen und endlich der Missachtung von Arbeitnehmer*innenrechten und der systematischen Prekarisierung in der Branche ein Ende zu setzen.