Kreuzgänge 2018 Rüsselsheim (c) S. Rapp

Ökumenische Kreuzgänge 2018 in Rüsselsheim

Kreuzgänge 2018 Rüsselsheim
Mi 14. Mär 2018
Eileen Hirsch

"Angeheuert und gefeuert"

Zum neunten Mal lädt die katholische Betriebsseelsorge Südhessen in Rüsselsheim und in Kooperation mit dem evangelischen Dekanat und der KAB Rüsselsheim zu den Kreuzgängen durch Rüsselsheim ein. Engagierte Christinnen und Christen gehen in der Fastenzeit auf die Straße, um an vier Orten in der Stadt „Station“ vor dem Kreuz zu machen.
Kreuzgänge 2018 Rüsselsheim (c) S. Rapp
Kreuzgänge 2018 Rüsselsheim

Im öffentlichen Raum  benennen mit einem gestalteten Holzkreuz die Erfahrungen struktureller (Un-)menschlichkeit. Mit dem Zitat aus der passionsgeschichte des Johhannesevangelium „ Seht, da ist der Mensch“ (Joh 15) sind in diesem Jahr Kinder (in Armut), prekäre Beschäftigung, die digitale Entwicklung und internationale Vielfalt in unserer Gesellschaft im Blick. 

Das Kreuz, Mittelpunkt der christlichen Passions- und Fastenzeit,  steht für Aufschrei gegen verletzte Menschenwürde.  Es steht für Leid, das Menschen einander antun oder dieses strukturell zulassen.  Das Kreuz ist auch Zeichen christlicher Hoffnung, dass Unrecht nicht das letzte Wort behält.

Wie auch in den letzten Jahren gewinnen die die Stationen an Tiefgang und Vielfalt, da engagierte Menschen aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen und  Branchen die Stationen mit gestalten und kooperieren.

„Angeheuert und gefeuert“
2. Station der Kreuzgänge durch Rüsselsheim widmet sich prekären Situationen im Einzelhandel
Rüsselsheim, 7. März 2018. 19 Uhr.

Der Slogan »angeheuert und gefeuert« ist längst nicht mehr nur »American way of life«. Die Schnelllebigkeit in der Arbeitswelt hat auch in Deutschland längst Fuß gefasst. Besonders im Einzelhandel sind die Bedingungen oft menschenunwürdig. Im Rahmen der ökumenischen Kreuzgänge durch Rüsselsheim prangerten engagierte Christen die Verhältnisse in der Branche an. Ort und Zeitpunkt der Station am vergangenen Mittwoch sind treffend gewählt. Ein hoher Prozentsatz der Menschen, die unter den unmenschlichen Bedingungen im Einzelhandel leiden, sind Frauen. Passend ist also, der Vorabend des Internationalen Frauentages gewählt. Der Standort befindet sich auf dem Löwenplatz direkt vor den Schaufenstern der ehemaligen Schleckerfiliale, die ein besonderes Negativbeispiel dafür ist, wie Mitarbeitende skrupellos in eine ungewisse Zukunft geschickt wurden. 2012 schloss die Filiale in Rüsselsheim. Doch schon zwei Jahre zuvor war die Situation der Mitarbeitenden prekär. Vor acht Jahren war daher bereits an dieser Stelle eine Station der Kreuzgänge gewesen. Aus dieser Zeit stammt ein kleineres Kreuz, das erinnern soll und neben dem hölzernen Hauptkreuz der Veranstaltung steht.

Kreuzgangstation ist Ort des Mahnens und Ausdruck der Solidarität mit prekär Beschäftigten im Einzelhandel

Katja Deusser war 22 Jahre lang Mitarbeiterin und Betriebsrätin der Firma Schlecker. Heute arbeitet sie bei Verdi und betreut Menschen im Einzelhandel. Als Impulsgeberin der Veranstaltung klingt Sarkasmus durch, wenn sie den Werbeslogan »Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein« verwendet. Denn gilt dieser Spruch auch für Mitarbeitende? Tut er nicht. Deusser gibt typische Beispiele, wie sie sie aus der Praxis kennt und wie sie hundertfach existieren.
Sebina ist jung, flexibel und rund um die Uhr einsetzbar. Zehn Jahre arbeitet sie für ein Geschäft im Einzelhandel und ihr Vorgesetzter zeigt sich begeistert. Sebina ist eine junge Frau. Sie heiratet, wird schwanger und nimmt drei Jahre Elternzeit. Danach will sie wieder einsteigen, als Teilzeit und mit festen Arbeitszeiten, um sich um ihre Kinder kümmern zu können. Der Vorgesetzte lehnt dies ab, so dass Sebina gerichtlich die festen Arbeitszeiten einklagt. Sie hat ihr Recht bekommen. Doch nun passt sie nicht mehr und bekommt dies täglich aufs Neue zu spüren. »Ein gewisses System scheint dahinter zu stecken«, glaubt Katja Deusser. Zu alt, zu unflexibel, zu teuer darf ein Mitarbeitender im Einzelhandel nicht sein.
»Seht, da ist der Mensch«, das Motto der diesjährigen Kreuzgänge. »Die Bedingungen des Marktes sind von Menschen gemacht«, gibt Deusser zu bedenken. Doch menschliches Verhalten kommt zu kurz im Einzelhandel.

Auch die Fürbitten am Ende der Veranstaltung machen nachdenklich. So heißt es, es sei wichtig darüber nachzudenken wie und wo wir einkaufen und wie wir den Menschen dort begegnen. Und eine andere Fürbitte bezieht sich auf die jungen Menschen, die von einem befristeten Vertrag zum nächsten hangeln und ohne Festeinstellung keine Zukunftsperspektive haben. Auch der Schleckerfrauen wurde gedacht, deren Zukunft nicht gut verlaufen ist und die nicht vergessen sind.

Arbeit und Gesellschaft ins Gebet genommen

Im öffentlichen Raum, mitten in der Stadt Rüsselsheim, vor einem aufgebauten großen Kreuz soziale, arbeitsweltliche Brennpunkte zu benennen und sie im wahren Sinn des Wortes ins Gebet zu nehmen, braucht Mut, immer wieder neu, sagt Betriebsseelsorgerin Ingrid Reidt.
Denn die Teilnahme ist nicht nur Ausdruck der Solidarität, sie ist immer auch Bekenntnis: das Bekenntnis zu einem menschgewordenen Gott, zur christlichen Option für Benachteiligte und zur Umkehr hin zu einer gerechteren menschlichen Gesellschaft. Umso schöner ist es, dass sich immer wieder Christinnen und Christen an den Stationen zusammenfinden.
"Nicht aufzuhören, die Sorge um die Menschen in Wirtschaft und  Gesellschaft im Format der Kreuzgänge zur Sprache zu bringen und darin auch die eigene (politische) Verantwortung als Christin zu sehen, gehört auch für mich zum festen Bestandteil der Fastenzeit“ sagt Reidt.
Dass bei jeder Kreuzgangstation am Ende gemeinsam das „Vater-unser“ gesprochen wird, sei Zeichen ökumenischer Verbundenheit und Ausdruck der unabdingbaren Verknüpfung von Liturgie und sozialem Auftrag.    

Susanne Rapp/ Ingrid Reidt

Kreuzgänge 2018 Rüsselsheim (c) S. Rapp