Im Ketteler-Saal des Erbacher Hofes kamen die Arbeitnehmer/innen-und Betriebsseelsorger zusammen. (c) bss

„Pflege(W)ende?“ Tagung setzt sich mit der Zukunft der stationären Pflegearbeit auseinander

Im Ketteler-Saal des Erbacher Hofes kamen die Arbeitnehmer/innen-und Betriebsseelsorger zusammen.
Mo 20. Mai 2019
Hans-Georg Orthlauf-Blooß

Bundesfachtagung der Arbeitnehmer- und Betriebsseelsorge 2019 in Mainz/ Gottesdienst und Gespräch mit Bischof Kohlgraf

Das Referat Berufs- und Arbeitswelt im Bistum Mainz war in diesem Jahr Gastgeber der Bundesfachtagung der Arbeitnehmer/innen- und Betriebsseelsorge. Gekommen waren 50 Betriebsseelsorger/innen aus dreizehn deutschen Bistümern. Sie trafen sich im Tagungszentrum Erbacher Hof. Aufgabe der jährlichen Tagung ist, den Informations- und Erfahrungsaustausch der Arbeitnehmer- und Betriebsseelsorger der Bistümer zu gewährleisten.

Am Ende der Fachtagung im Mainzer Tagungszentrum Erbacher Hof fanden ein Gottesdienst und ein Gespräch mit dem Mainzer Bischof Dr. Peter Kohlgraf statt. Anschließend stellten sich die Betriebsseelsorgerinnen und Betriebsseelsorger mit dem Bischof zum Gruppenbild. (c) bss

Betriebsseelsorge ist mit ihrem Ansatz ein wichtiger Bestandteil der Sozialpastoral

Dezernent Hans-Jürgen Dörr bei der Begrüßung (c) bss
Dezernent Hans-Jürgen Dörr bei der Begrüßung

Unter dem Thema „Pflege(W)ende?“  setzten sich die Seelsorger im Studienteil der Tagung mit der Situation und Zukunft der stationären Pflegearbeit auseinander. Der Leiter des Dezernats Seelsorge Ordinariatsdirektor Hans-Jürgen Dörr begrüßte die Gäste. Die Betriebsseelsorge sei mit ihrem solidarisch-prophetischen und missionarischen Ansatz im (Arbeits-)Alltag der Menschen angesiedelt. Die Erfahrungen und Sichtweise ihrer übergemeindlichen pastoralen Arbeit in der Arbeitswelt dürfen nicht abgesondert, alleine dastehen. „Sie sollen auch Eingang finden in den neu angestoßenen notwendigen Prozess ‚Pastoraler Weg‘, mit dem das Bistum auf die veränderten Bedingungen und die geringeren Ressourcen reagiere“, so Hans-Jürgen Dörr. Zum Thema der Tagung bestehe für ihn auch eine ganz persönliche Verbindung, führte er aus. Über Jahrzehnte sei er als Abteilungsleiter für die Klinikseelsorge mit den Veränderungen im Gesundheitssektor vertraut. Unübersehbar sei die menschliche Not derer, die gepflegt und medizinisch versorgt werden müssten. Unübersehbar sei mittlerweile aber auch die Not derer, die diesen wichtigen Dienst am und für Menschen tun, die krank sind oder im Alter auf Hilfe angewiesen sind. „Die Augen vor dieser doppelten Not nicht zu verschließen, sie im Licht des Evangeliums zu deuten, und mit den Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft zum Besseren zu ändern“, sei Aufgabe von Kirche, so der Mainzer Dezernent für Seelsorge.

Betriebsseelsorger gehen Themenfeld unter persönlichen und professionellen Gesichtspunkten an

Der kollegiale Austausch zu den verschiedenen thematischen Zugängen. (c) bss
Der kollegiale Austausch zu den verschiedenen thematischen Zugängen.

Als Ausgangspunkt der Tagung vergewisserten sich die Seelsorger ihrer eigenen individuellen und persönlichen Zugänge zum Thema: Aus Sicht eines selbst Pflegenden, als Angehöriger eines zu Pflegenden oder eines Betroffenen, weil man selbst Pflege benötigt z.B. nach einem Eingriff im Krankenhaus. In ihrer Funktion als Arbeitnehmer- und Betriebsseelsorger haben sie auch die Menschen mit einem Pflegeberuf, deren Arbeitsbedingungen und Entlohnung im Blick. 

Zunehmende Ökonomisierung führt zur Aushöhlung des Solidarprinzips

Dr. Nadja Rakowitz, Medizin-Soziologin und Geschäftsführerin des Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte (vdää) in ihrem Impulsreferat (c) bss
Dr. Nadja Rakowitz, Medizin-Soziologin und Geschäftsführerin des Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte (vdää) in ihrem Impulsreferat

Im Studienteil setzte sich Dr. Nadja Rakowitz, Medizin-Soziologin und Geschäftsführerin des Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte (vdää) in einem Impulsreferat mit den Ursachen, Entwicklungen und Folgen der „Ökonomisierung des Gesundheitssystems“ auseinander. Zwar gab es schon immer im Gesundheitswesen auch privatwirtschaftliches Engagement, doch seit den 1970er Jahren sei eine stetige Ökonomisierung des Gesundheitswesens festzustellen. Die „Wende“ führte zu einer ersten Privatisierungswelle von Krankenhäusern. Arbeitgeberfreundliche Steuergesetzgebung führte zu einem „Ausbluten“ der öffentlichen Hand. Rakowitz zeigte den Umbau der Gesetzlichen Krankenkassen zu „Unternehmen“ auf und die weitere Ökonomisierung der ambulanten Medizin. Das Solidarprinzip, nachdem jeder unabhängig vom eingezahlten Beitrag die gleichen Leistungen bekomme, werde zunehmend ausgehöhlt, so die Soziologin. Auch im ambulanten Sektor gäbe es eine Reihe von Strukturproblemen, so schaffe z.B. die Vergütungsordnung falsche Anreize, Leistungen würden aus dem Leistungskatalog gestrichen und „iGe-Leistungen“ würden zunehmen. Und ein weiteres Unheil drohe mit der Übernahme von Heimen, Facharzt-Praxen durch private Equity-Gesellschaften. Dabei gäbe es heute schon zahlreiche andere Projekte, die ambulante Versorgung besser zu machen. Rakowitz zeigte an Beispielen wie auch im Bereich der Krankenhäuser die zunehmende Ökonomisierung festzustellen sei. So steige die Zahl der privaten Krankenhäuser, die Zahl der Behandlungsfälle nehme zu, während die Verweildauer in Kliniken jedoch abnehme oder die Zahl der Operationen im internationalen Vergleich überdurchschnittlich hoch sei.

Dr. Nadja Rakowitz: „Die ökonomische Logik im Gesundheitssystem muss durchbrochen und rückgängig gemacht werden!“

Der Pflegenotstand führe in den Einrichtungen zu großen Problemen und zeige sich in enormer Arbeitsverdichtung. Für die Pflegenden werde die Arbeit zur Fabrik-Arbeit. Belegschaften würden durch Outsourcing u.a. gespalten und eine drohende Privatisierung erzeuge einen Druck durch den Tarifbindung und Tarifniveau sinken würden, so die Medizin-Soziologin. Rakowitz forderte die ökonomische Logik im Gesundheitssystem zu durchbrechen. Die Erfahrungen in anderen Ländern zeige, wie es anders gehen könne. Auch müsse die Personalbemessung gesetzlich geregelt werden. Notwendig seien eine bedarfsgerechte Planung und Finanzierung und eine solidarische Bürgerversicherung zur Sicherung einer gerechten Finanzierung. Ihr Fazit ist, die Ökonomisierung des Gesundheitssystems rückgängig zu machen.

Achim Neyer: Hoffnung auf das beschlossene Pflegepersonal-Stärkungs-Gesetz

Achim Neyer, Gesundheits- und Pflegezentrum Rüsselsheim (c) bss
Achim Neyer, Gesundheits- und Pflegezentrum Rüsselsheim

Im Anschluss referierte Achim Neyer, Geschäftsführer des Gesundheits- und Pflegezentrums Rüsselsheim über seine Erfahrungen. Als Grundübel innerhalb der Gesundheitsversorgung bezeichnete Neyer, die ständige Verknappung der Finanzen. Es fehle heute in der Gesellschaft die Bereitschaft notwendige Finanzmittel zur Verfügung zu stellen. Wichtiger seien Beitragsstabilität oder die Schuldenbremse. Eine politische Gegenbewegung könne er nicht erkennen. Der Staat ziehe sich zugunsten privater Akteure mit ihrer markt- und betriebswirtschaftlichen Gewinnerzielungslogik zurück. „Die Leute glauben, privates Kapital könne die Probleme lösen“, sagte Neyer, aber das sei nicht der Fall. Stattdessen würde, um für die Geldgeber schwarze Zahlen zu schreiben, am Personal gespart. Eine gewisse Hoffnung setze er auf das beschlossene Pflegepersonal-Stärkungs-Gesetz. Nur eine erhebliche Aufwertung der Pflegeberufe auch im finanziellen Bereich und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen könnten helfen, die Probleme des Fachkräftemangels zu lösen.

Zum Gesundheits- und Pflegezentrum Rüsselsheim gehört neben einer Klinik mit fast 600 Betten, eine Seniorenresidenz, ein Alten- und Pflegeheim sowie ambulante Pflegeteams. Insgesamt sind dort 1700 Menschen beschäftigt. In der Charité in Berlin, dem ältesten Krankenhaus von Berlin mit über 3000 Betten und einer der größten Universitätskliniken Europas, sind 14.500 Menschen beschäftigt.

Ulla Hedemann: „Stell dir vor, du klingelst und keiner kommt!“

Ulla Hedemann, Charité Berlin (c) bss
Ulla Hedemann, Charité Berlin

Aus der Perspektive der Beschäftigten berichtete Ulla Hedemann von der Charité in Berlin von den Auswirkungen der Ökonomisierung im Krankenhaus. Hedemann ist ehemalige Sprecherin des ver.di Betriebsgruppenvorstands der Charité und heute Arbeitnehmervertreterin im Aufsichtsrat der Klinik. Im Hauptberuf ist sie Gesundheits- und Kinderintensivpflegerin. „Stell dir vor, du klingelst und keiner kommt!“ Angesichts der Belastungen im Stationsalltag geschähe das leider immer öfter, sagte Ulla Hedmann. Sehr eindrucksvoll schilderte sie die Belastungen. „Ich habe in der Ausbildung gelernt, wie man gut pflegt und in der Zeit danach erlebt, was davon umsetzbar ist!“, fasste sie die Situation zusammen. „Von meinen Idealen, kann ich nur 50 % umsetzen, anderes muss nebenbei oder in Überstunden erledigt werden oder leider wegfallen. Sehr engagiert waren der anschließende Austausch zur Situation und die vorgestellten Lösungsansätze. 

Seelsorger und Gewerkschafter entwickeln Ideen zur Zusammenarbeit für die Zukunft

In Workshops setzten sich die Seelsorger mit verschiedenen Themen auseinander (c) bss
In Workshops setzten sich die Seelsorger mit verschiedenen Themen auseinander

Ausgehend von dem Gehörten wurden in vier Workshops die Handlungsebenen der Betriebsseelsorge in Kooperation mit anderen Institutionen in den Blick genommen. Strategien der Zusammenarbeit für die Zukunft entwickelten die Seelsorger mit Landesfachbereichsleiter Frank Hutmacher von Ver.di Rheinland-Pfalz/ Saarland. Agnes Dörr-Roet, Klinik- und Psychiatrieseelsorgerin aus Darmstadt besprach die Schnittstellen zwischen Klinik- und Betriebsseelsorge in der gemeinsamen Sorge für die Beschäftigten. Frank Hofferberth vom Personalrat der Rheinhessen-Fachklinik in Alzey berichtet über seine Erfahrungen mit der Pflegekammer in Rheinland-Pfalz.

Prof. Dr. Michelle Becka: „Wie lässt sich Pflege im Sinne einer menschenwürdigen Praxis organisieren“

Prof. Dr. Michelle Becka, Julius-Maximilians-Universität Würzburg (c) bss
Prof. Dr. Michelle Becka, Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Die Würzburger Universitätsprofessorin Michelle Becka lenkte den Blick auf die sozialethische Dimension der Fragestellung: „Wie lässt sich Pflege im Sinne einer menschenwürdigen Praxis organisieren“. Zunächst hob sie hervor, dass es auch „gute Pflege“ gibt. „Es gibt gute Pflege. Es gibt gute Einrichtungen. Und es gibt vor allem Frauen und Männer, die gute Arbeit leisten. “Die Schuld für die Missstände läge nicht bei den Pflegenden, sondern in den strukturellen Rahmenbedingungen, die gute Arbeit erschwerten, so die Sozialethikerin. Als problematisch sah sie die Verlagerung der Verantwortung auf die Pflegenden und die „Wirkmächtigkeit“ der Klinikbetriebes an.

Die Seelsorgerinnen und Seelsorger forderte sie auf, ihre Unabhängigkeit zu nutzen. „Mit der größeren Freiheit geht aber auch mehr Verantwortung einher! Das heißt: Schauen Sie genau hin, und nehmen Sie Situationen wirklich genau wahr, benennen Sie klar, was schief läuft. Ganz konkret: vielleicht hilft es der Pflegenden, wenn Sie ihr zu verstehen geben, dass die unzureichende Versorgung nicht ihre Schuld ist, dass sie es unter den gegebenen Umständen gar nicht richtig machen kann. Vielleicht finden Sie Orte, wo Sie das – neben dem persönlichen Gespräch mit der Betroffenen – zur Sprache bringen können.“

„Pflegeheime in der Logik von Renditeobjekten zu führen, ist problematisch.“

Ethisches Handeln müsse organisiert werden. Sie erinnerte daran, dass sich Organisationen übergeordneten Normen und Werten verpflichtet sehen. Diese manchmal in Leitlinien gefassten Aussagen müssten lebendig gehalten, reflektiert und weiterentwickelt werden. Ein wichtiger Ort zur Reflexion seien Ethikkomitees, wie sie schon in vielen Einrichtungen existierten. Hier könne Kritik artikuliert werden. „Hier können die Ohnmacht  des Einzelnen gegenüber der übermächtig erscheinenden Einrichtung gebrochen werden, weil man feststellt, dass man mit den Problemen nicht allein ist.“ Erschwerend sei allerdings, dass Entscheidungen von Politik, Recht und wirtschaftlichen Interessen beeinflusst würden.

Zur Frage nach der Ökonomisierung des Gesundheitswesens stellte sie fest, dass das, was zur Genesung oder Pflege eines Patienten erforderlich ist, „nicht zuerst eine Frage der Bezahlbarkeit (oder Wertschöpfung!)“ sein dürfe, sondern „von der Indikation her beantwortet werden“ müsse. Es sei zu kritisieren, wenn ökonomische Ziele über das Ziel der guten Pflege gestellt würden. Pflegeheime in der Logik von Renditeobjekten zu führen, sei in diesem Sinn problematisch, stellte die Sozialethikerin Prof. Dr. Michelle Becka aus Würzburg fest. 

„Als BetriebsseelsorgerInnen sind Sie mit dem Leitbegriff „decent work“/gute Arbeit vertraut. Es ist begrüßenswert, dass dieser jetzt auch auf die Pflegearbeit angewandt wird. Der DGB Index Gute Arbeit in der Pflege zeigt – wenig überraschend –, dass die gesundheitliche Belastung hoch und die Arbeitszufriedenheit gering ist – mit Ausnahme des „Sinns in der Arbeit“, den die Pflegenden sehr wohl sehen. Pflegeberufe brauchen eine Lobby. Dass Gewerkschaften und Betriebsseelsorge sich verstärkt dieser Berufsgruppe annehmen, ist wichtig: Mit einer klaren Positionierung und einem kritischen Blick auf Entwicklungen und Entscheidungen, der dann auch in Kritik mündet, ändern Sie zwar nicht das System von heute auf morgen, aber stetig - sie tragen zu den notwendigen – und durch den wachsenden Druck wahrscheinlicher werdenden – Veränderungen bei.“ Prof. Dr. Michelle Becka

Bischof Kohlgraf: Betriebsseelsorge soll sich einschalten und mutig Position beziehen

Bischof Kohlgraf im Austausch mit den Betriebsseelsorgern (c) bss
Bischof Kohlgraf im Austausch mit den Betriebsseelsorgern

Zum Abschluss der Tagung fand ein Gottesdienst mit dem Ortsbischof Dr. Peter Kohlgraf statt. Auch der Ort des Gottesdienstes war bewusst gewählt: die Kapelle des Bruder-Konrad-Stifts, einem Seniorenzentrum im Herzen der Mainzer Innenstadt. Im anschließenden Austausch mit den Betriebsseelsorgern ging der Bischof zunächst auf das Thema der Digitalisierung ein. Die Kirche sei dabei ein wichtiger Gesprächspartner in Politik und Wirtschaft und müsse sich in den Diskurs zur menschwürdigen Gestaltung der anstehenden Veränderungen einbringen. „Wir müssen sehr viel mutiger unsere Themen setzen“, sagte der Bischof. Er ging auch auf die Situation von „Familie in der Arbeitswelt“ ein. Flexibilisierung und Entgrenzung von Arbeitszeit seien wenig familienfreundlich, stellte er fest. Zur Rolle der Betriebsseelsorge betonte Bischof Kohlgraf, sie lebe von Präsenz und Beziehung und müsse ihr Ohr bei den Menschen haben, auch bei denen, die nicht kirchlich gebunden sind. Betriebsseelsorge sei nicht Vorspiel christlichen Handelns, sondern erlösende Begegnung, wenn sie „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst“ mit den Menschen teile.  

Die nächste Bundesfachtagung der Arbeitnehmer/innen- und Betriebsseelsorge in Deutschland findet vom 26.-28. Mai 2020 im Bistum Fulda statt.

Bischof Dr. Peter Kohlgraf bei seiner Predigt zu den Betriebsseelsorgern im Bruder-Konrad-Stift (c) bss