Stefanie Steinfeld (c) rapp

Sehen wir in Zukunft alt aus?

Stefanie Steinfeld
Do 24. Okt 2019
Susanne Rapp

Pflegerische Versorgung älterer Menschen im Kreis Groß-Gerau

Die Katholische Betriebsseelsorge Südhessen engagiert sich im Verbund mit engagierten Personen aus Politik, Gewerkschaften und Netzwerken für nachhaltige gute Pflege im Kreis Groß-Gerau und berät im Diskurs über die Realitäten neue Impulse zur Verbesserung.

Kreisvolkshochschule Groß-Gerau am 24.10. 2019: Das Forum Solidarische Politik im Kreis Groß-Gerau lud zu einem Informations- und Diskussionsabend zu dem Thema »Sehen wir in Zukunft alt aus?« ein. Dabei ging es um die pflegerische Versorgung von älteren Menschen im Kreis. Wichtige Ideengeber und Fachleute aus dem Bereich Pflege waren anwesend und informierten über den derzeitigen Stand dieses Berufsfeldes.

Aufgrund der demografischen Bevölkerungsentwicklung wird es immer wichtiger, notwendige und wirksame politische Weichenstellungen unverzüglich in die Wege zu leiten. Dr. Harald Braun vom Palliative-Care-Team »Leuchtturm« gab einen ersten allgemeinen Überblick und sagte: »Es hakt immer mehr an allen Ecken.« Einen Pfleger zu finden, der kurzfristig den Opa wäscht, sei im Kreis nicht selbstverständlich. Die Macht liege bei den Anbietern. So weigere sich ein Pflegedienst zu kommen, wenn der Patient zu Hause kein Pflegebett habe. Dies diene dem Schutz der Mitarbeiter. Doch der Opa bleibe dann halt ungewaschen. Es fehle an Personal und auch an Qualität. Politikern gab Braun den Rat, den diese ungern hören, Geld in die Hand zu nehmen, um Pflegeberufe attraktiver zu machen.

Stefanie Steinfeld vom Fachbereich soziale Sicherung/Sozialplanung (Altenhilfeplanung) im Kreis führte ausführlich aus, was im Kreis getan wird. Pflege sei eine gesamtgesellschaftliche Angelegenheit. Denn es müsse nicht nur Hilfe geben, sie müsse auch bekannt sein und angenommen werden. Steinfeld begab sich in eine imaginäre Zukunft, in der sie selbst alt ist, und berichtete über die Idealsituation, die sie sich erträumen würde. In 39 Jahren sei es die Kommune, die sich um sie kümmere und nicht mehr die Familie. Die Digitalisierung wie etwa Einkaufs-Apps oder Fahrdienst-Apps bieten ihr alles zur Gestaltung ihres Tagesablaufs.

Die Realität sehe anders aus. Fakt sei eine überdurchschnittliche Zunahme der Bevölkerung. Auch die Pflegebedürftigkeit steige konstant an. Steinfeld zeigte Zahlen und Statistiken aus dem Kreis. 83 Prozent der Pflegebedürftigen leben zu Hause. Die Zahl examinierter Pflegekräfte lag 2017 bei 825 im Kreis. Auch die Pflege erlebe derzeit eine Überalterung.
Ob wohnortnahe Versorgung oder Pflegeinfrastruktur. Alles sei vorhanden. Doch nur wenige wüssten darüber Bescheid. Ziel sei es, die Angebote in der Bevölkerung besser bekannt zu machen. Es gebe die Broschüre »Selbstbestimmt älter werden«, die überall ausliegen würde. Steinfeld endete mit der Aussage: »Das alles tun wir und wissen, dass es nicht genug ist.«

Ingo Pfeiffer, stellvertretender Pflegedienstleiter des Ambulanten Pflegeteams im Ried, sprach über seine praktischen Erfahrungen in der ambulanten Pflege. Die Branche sei personalintensiv. Ein riesen Problem sei Quantität ebenso wie Qualität. Jeder Mitarbeiter, der fehle, bedeute 20 ungepflegte Pflegebedürftige. Der Beruf müsse attraktiver werden, fordert Pfeiffer. Dabei ginge es nicht nur um den Verdienst, sondern auch um das Image des Pflegeberufs, der gerade für junge Menschen »hip« sein müsse. Was die Bezahlung anbetreffe, so müsse diese konkurrenzfähig sein, so dass es nicht mehr zu Abwerbungen komme. Eine halbe Stunde Arbeit könne er mit neun Euro berechnen. Auch sei wichtig, was immer gefordert werde, jedoch nicht der Realität entspreche. Nämlich die Vereinbarung von Beruf und Privatem. Unter der Arbeit leide das Privatleben, die Freizeit und ganz oft auch die Partnerschaft. Und wie sehe es mit Aufstiegschancen in diesem Beruf aus? Wie sieht es damit aus, wahrgenommen zu werden und viel dazulernen zu können?


Karin Balzer vom Netzwerk Pflege Rüsselsheim berichtete über das Ziel des Netzwerks. Es gehe darum, über den Tellerrand hinauszuschauen und statt Konkurrenzdenken nach Mitstreitern Ausschau zu halten. Gemeinsam daran zu arbeiten, was getan werden kann, um prekäre Situationen zu verbessern. 

Gemeinsam sammelten die Anwesenden Vorschläge für Verbesserungen im Kreis. So etwa wurde eine Imagekampagne vorgeschlagen, mit der die Attraktivität des Pflegeberufs unterstützt werden soll. Denn es gehe darum, den Beruf besser wertzuschätzen, so Ingrid Reidt von der katholischen Betriebsseelsorge. Pflege sei so viel mehr als für wenig Geld alten Leuten den Po abzuwischen. Das bestätigten auch die Pflegerinnen, die sich als Netzwerk Rüsselsheim zusammengeschlossen haben. Sie wünschen sich, später, wenn sie selbst pflegebedürftig sind, bessere Rahmenbedingungen für diejenigen erreicht zu haben, die dann sie pflegen.