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Solidarität beginnt mit Verzicht auf Gewohntes und Liebegewonnenem

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Do 30. Apr 2020
Betriebsseelsorge Südhessen

Interview zu den Anliegen der Betriebsseelsorge anlässlich des Tags der Arbeit

Ingrid Reidt, Pastoralreferentin und eine von vier Betriebsseelsorger/innen im Bistum Mainz, zuständig für die Region Südhessen mit Sitz in Rüsselheim wurde von Ralph Keim, Redakteur in der Region Mainz/Rheinhessen zu den thematischen Anliegen der Betriebsseelsorge anlässlich des Tags der Arbeit befragt.

Was wäre Ihr 1. Mai-Thema gewesen, wenn es die Coronakrise nicht geben würde?

Als Betriebsseelsorgerin verfolge ich sehr kritisch arbeitsweltliche und gesellschaftliche Entwicklungen. Vieles verschärft sich seit Jahren:  Prekäre Beschäftigung in Logistik, Einzelhandel und anderen Dienstleistungsbereichen produziert strukturelle Benachteiligung, Armut trotz Arbeit, und Armut im Alter. Noch immer entbehrt Sorge- und Bildungsarbeit angemessene Wertschätzung. Seit Jahren monieren wir die Vermarktwirtschaftlichung des Gesundheitssystems, die eine menschwürdige Pflege sichtbar gefährdet und den Ethos und den Dienst einer ganzen Branche mit Füßen tritt. Alarmierend wächst in allen Branchen der physische und psychische Verschleiß von Mensch und Natur - angestachelt von einem erbarmungslosen globalen Kosten- und Wettbewerbsdruck und einer unersättlichen Gewinn- und Wachstumsorientierung, die keine Grenzen kennt.

Meine Aufmerksamkeit gilt hier vor allem den Verlierer*innen innerhalb des Systems. Die Würde jeder Person- ungeachtet seiner Herkunft, seines Alters, Geschlechts und Möglichkeiten – zu schützen, Mitbestimmung und Gemeinwohl zu fördern sind meine Anliegen am 1. Mai und weit darüber hinaus. Die Frage nach (globaler) Gerechtigkeit, nach Frieden und Bewahrung der Schöpfung in Arbeitswelt, Wirtschaft und Gesellschaft aktiv wachzuhalten, ist und bleibt Gebot der Stunde.

Was wäre Ihr Thema gewesen, wenn es die Kundgebung trotz Krise geben würde?

Der Ausbruch der Pandemie stellt eine Bedrohung in nie dagewesenem Ausmaß dar. Sie betrifft alle Lebensbereiche, weltweit. Unterschiedlich sind jedoch die humanitären, gesellschaftlichen und finanziellen Möglichkeiten, damit umzugehen.  

Die Bilder aus Flüchtlingslagern, in denen kriegsgeplagte Menschen eng zusammengedrängt schutzlos der Ansteckung ausgeliefert sind und die humanitäre Katastrophe, die ganzen Völkern in Kriegsgebieten und in den Armutsländern droht, lösen in mir eine so tiefe  Betroffenheit aus, die ich kaum in Worte fassen kann.

Das viel genutzte, vielleicht abgenutzte Wort der Solidarität schreit nach unbedingter und bedingungsloser Realisierung vor Ort und weltweit. Solidarität beginnt mit Verzicht auf Gewohntes und Liebegewonnenem. Sie  findet Ausdruck in hohem Verantwortungsbewusstsein und  Besonnenheit aller Akteur*innen zum Aufbau nachhaltiger, politischer und wirtschaftlicher Maßnahmen.

Es braucht mehr denn je gelebte Empathie und Achtsamkeit und den eisernen Willen aller, gesellschaftliche Ressourcen, Finanzen wie auch medizinischer Möglichkeiten zu teilen und dabei alle zu beteiligen. Ich wünsche mir, dass die gegenwärtige Wertschätzung von Pflegearbeit  und Dienstleistung kein Strohfeuer ist, sondern nachhaltig  zur Verbesserung der Rahmenbedingungen führt.

Können Sie bestätigen, dass die Menschen in Zeiten der Krise wieder mehr zum Glauben (zurück-)finden?

Die Religiosität von Menschen und die Verankerung im Glauben lassen sich nicht einfach erfassen, weder quantitativ noch qualitativ. Auch nicht in außerordentlichen Zeiten wie diesen.

Der Ausbruch der Pandemie macht deutlich, wie fragil und zerbrechlich menschliches Leben ist und wie anfällig hochmoderne komplexe Gesellschaften sind. Das macht Angst und regt – oft aus existentieller Betroffenheit - nochmal tiefgründiger zum Nachdenken an.

Viele finden in ihrem Glauben Orientierung und Trost und erleben besonders in Zeiten des „social distancing“ Halt und Verbundenheit im Wissen um die Glaubensgemeinschaft und im gemeinsamen Gebet. Der Glaube ermutigt auch, sich zu solidarisieren und sich tatkräftigt karitativ zu engagieren.

Als Christ*innen glauben wir an einen zutiefst solidarischen, menschenfreundlichen Gott, der nicht jenseits über allem schwebt, sondern an der Seite der Ärmsten und Leidenden steht und besonders dann nah und spürbar wird, wo Angst und Sorge uns übermannt. Mir persönlich – und vielen anderen - gibt das viel Kraft und Mut, sich auch und gerade in dieser Krisenzeit mit den Menschen und ihren vielschichtigen Sorgen tatkräftig zu solidarisieren  - in Krankheit, Verlust und der Erfahrung von Tod - aber auch hinsichtlich der massiven Folgen, die die Pandemie für unsere Gesellschaft und auch für die Arbeitswelt haben wird:  weltweit aber auch natürlich hier vor Ort.

Das Interview führte Ralph Keim.