An der Station 1 (c) Susanne Rapp

Verkauft und verraten?

An der Station 1
Mo, 1. Apr 2019
Susanne Rapp/ Ingrid Reidt

Kreuzgänge durch Rüsselsheim 2019 nehmen erneut Ungleichheit und Missstände ins Gebet

Fastenzeit 2019. Das große Kreuz – es ist seit neun Jahren Mittelpunkt der  »Kreuzgänge durch Rüsselsheim«  - macht an vier Orten in der Stadt Station.

Es mahnt Ungerechtigkeit an, steht für Missstände in unserer Gesellschaft und nimmt die Sorgen der Menschen ins Gebet. Es ist Zeichen christlicher Hoffnung, dass Unrecht und Leid am Ende nicht das letzte Wort behalten.

Aufs Kreuz gelegt

Aufs Kreuz gelegt (c) Susanne Rapp
Aufs Kreuz gelegt

Doch etwas ist anders. Das Kreuz steht in diesem Jahr nicht aufrecht und ragt zum Himmel. Es liegt. Sinnbildlich für den diesjährigen Titel: »Aufs Kreuz gelegt« ist die gängige Redewendung für das Gefühl „Verraten und verkauft“ zu sein.

Die gestalterische Veränderung kommt unspektakulärer als sonst daher,  weniger sichtbar, weniger dramatisch. Dennoch oder gerade wegen der liegenden Position macht das Kreuz besonders eindringlich das Leid deutlich, dass Menschen subtil und ungesehen einander antun oder strukturell zulassen.

„Und ich sage Euch: Einer von Euch wird mich verraten“ – dieser Vers aus der Passionsgeschichte des Johannesevangeliums begleitet alle 4 Stationen der Kreuzgänge und verbindet das Evangelium mit der der Lebenserfahrung  der Menschen heute. 

»Wertsache Arbeit – Weibliche Arbeit abgewertet? Die 1. Station nimmt sich der Lohnungleichheit von Frauen und Männern an.

Detail der Station 1 (c) Susanne Rapp
Detail der Station 1

Mit ihrer ersten Station der diesjährigen »Kreuzgänge durch Rüsselsheim«, mahnten engagierte Christinnen und Christen im starken Verbund von katholischer Betriebsseelsorge, den christlichen Dekanaten, der KAB und der Caritas im Netzwerk mit engagierten Netzwerkerinnen die  ungleichen Bezahlung und die mangelnde Wertschätzung von „typischen“ Frauenberufen an. Rund 25 Menschen kamen zur Station am Rüsselsheimer Frauenzentrum.

Lohngefälle zwischen Frauen und Männer - eine Krux

Bis heute sind Frauen in der Entlohnung schlechter gestellt als Männer. Das auf den Treppenstufen liegende Kreuz ist umgeben von gelben und roten Kisten, die das Lohngefälle deutlich machen. Warum ist Ingenieurstätigkeit höher gestellt als Pflege, Erziehung oder Grundschullehramt? 21 Prozent weniger wird Frauen gezahlt. Pflege und Sorgearbeit, sogenannte typische Frauenberufe, werden mit einer Vergütung von 26,29 Euro bezahlt. Handwerk und Berufe im Elektrobereich, meist von Männern ausgeübt, werden mit 38,54 Euro deutlich besser bezahlt.
Mehr Wertschätzung ist gefragt. Die Bedeutung von Sorgearbeit muss hervorgehoben und mehr geschätzt werden. Eine Krankenschwester schilderte die Personalsituation im Krankenhaus, in dem sie tätig ist. Sie hoffe, dass nicht noch mehr Kolleginnen aussteigen, sagte sie. Nicht jeder sei Krankenschwester. Aber jeder kann Patient oder Pflegefall werden. Wenn die Zahl der Pflegepersonen aufgrund schlechter Arbeitsbedingungen noch weiter sinke, „dann bräuchten wir mehr als „nur“ göttlichen Beistand.“
Vertreterinnen des Bezirksfrauenrates der Gewerkschaft ver.di  und des Bündnisses gegen Altersarmut von Frauen gingen detaillierter auf die Problemstellung ein. Viele wüssten von der Lohnlücke. Doch gelte es, die Frage danach zu stellen, worin die Entgeltdiskriminierung eigentlich bestehe. Die strukturellen Ursachen müssten hinterfragt werden. Denn unterschiedliche Arbeitseinkommen würden selten offen mit dem Geschlecht begründet schilderte Ulrike Leipold die Situation.
Oft sind individuelle Lebensentscheidungen von Frauen der Grund für Lohnlücken und später auch weniger Rente. Frauen orientieren sich an dem, was gesellschaftlich von ihnen erwartet wird. Das wirkt sich auf ihre Berufswahl und die Gestaltung ihrer Erwerbsbiografie aus. Erwerbsunterbrechungen, Teilzeitarbeit, Karriere- und Einkommensknick, da sie sich um den Nachwuchs kümmern müssen. Sogenannte Frauenberufe sind häufig Sackgassenberufe und schlecht bezahlt. Die Unterbezahlung der Arbeit von Frauen sei das Ergebnis einer systematischen Abwertung weiblicher Erwerbsarbeit, so Leipold.
Der Kampf um Lohngerechtigkeit findet schon lange statt. Meist ohne Erfolg. Was seit Jahrzehnten bekannt ist, wird nun durch eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung statistisch bewiesen. Die Beanspruchung in verschiedenen Berufen kann gleich hoch sein, die Einkommen von Frauen und Männern unterscheiden sich dennoch maßgeblich, so die Studie. Das durchschnittliche Einkommen unterschied sich laut Studie sogar um bis zu 41 Prozent und fällt somit höher aus als bisher vermutet, berichtete Elke Möller.
In manchen Unternehmen sei es sogar vertraglich verboten, mit anderen Mitarbeitern über Lohn zu sprechen, erklärte eine Teilnehmerin. Eine andere zeigte sich entsetzt darüber, dass so wichtige Berufe wie die Erziehung künftiger Generationen, ob in Kitas oder in Schulen, so wenig wertgeschätzt werden. Die niedrigere Bezahlung führe im Alter zu Armut, da die Zeit, in der sich eine Mutter um ihre Kinder kümmert und nicht berufstätig ist, noch immer nicht bei der Rentenberechnung mitgezählt wird. Auch eine wichtige Frage wurde gestellt: »Schlägt nicht doch auch die Gesellschaft Profit davon, dass Frauenarbeit nach wie vor als weniger wertvoll erachtet wird und Frauen selbst damit entwertet werden? «
»Gehen wir es an«, lautete Möllers Forderung. »Nehmen wir uns den Vorgang Wert-Sache Arbeit vor. Denn Frauen wollen und verdienen mehr. «

Kreuzgänge als Ort des Mahnens und der Stärkung zu gemeinsamen Engagement

Das Kreuz ist Zeichen des Leides und des Verrates an Menschlichkeit und Gerechtigkeit,  aber es ist auch Zeichen christlicher Hoffnung, dass Ungleichheit und Unrecht eben nicht das letzte Wort behalten. 

Sozialpolitische Themen, strukturelle Ungerechtigkeit und auch die noch immer nicht bestehende Geschlechtergerechtigkeit mit dem Symbol des Kreuzes in einer Art politischem Abendgebet öffentlich zu thematisieren und anzugehen, gehört zum Profil der christlichen Einrichtungen.

Die Kreuzgänge wollen mahnen, aber auch Kraft geben: Kraft für gemeinsames Engagement und den Einsatz für Gerechtigkeit und sozialen Frieden in Gesellschaft und Arbeitswelt.  

„Das öffentliche  politische Gebet gehört zum klaren Profil von mündigem Christsein“ sagt Ingrid Reidt, Betriebsseelsorgerin.

Die dritte Station steht unterdem Thema Funktionieren auf Kosten der Gesundheit: 3. April 2019, 19.00 Uhr , Rüsselsheim, Marktplatz
==> Weitere Informationen

Die vierte Station steht unter dem Thema Wenn der Mensch nicht mehr zählt!: 10. April 2019, 19.00 Uhr, Rüsselsheim, Evangelische Matthäuskirche 

==> Weitere Informationen