Margarete Szpilok (c) BSS

Wer das Problem hat, muss auch die Lösung finden

Margarete Szpilok
Datum:
Mi 14. Okt 2020
Von:
Eileen Hirsch/Hans-Georg Orthlauf-Blooß

SBV-Workshop: Schwierigen Situation - positiv begegnen

Bereits die erste Gesprächsrunde im Workshop für Vertrauensleute der Schwerbehinderten förderte eine ganze Reihe kniffeliger und schwieriger Situationen aus der Arbeit der Vertrauensleute zu Tage. Im Oktober 2020 ging es in dem Workshop um die Frage, wie ihnen positiv zu begegnen ist. Für die Betriebspsychologin Margarete Szpilok hängt viel davon ab, wie die Vertrauensleute mit der eigenen und der Fremderwartungen umgehen. „Wenn Erwartungen erfüllt werden, werden die Erwartungshaltungen größer!“ Wichtig sei, unrealistische Erwartungen für sich zu klären! 

Für viele ist es schwierig, den professionellen Abstand zu wahren. Sie fühlen sich emotional in vielen Situationen herausgefordert und haben Probleme mit dem Abschalten: „Mich belasten die Probleme meiner Klienten auch außerhalb des Betriebs“ und „lassen mich nicht schlafen!“. Manchen Betroffenen fällt es schwer, dem Erwartungsdruck standzuhalten und angemessen zu reagieren. So fühlen sich viele Vertrauensleute massiv unter Druck, wenn unrealistische Erwartungen von Betroffenen an den gesetzlichen Vorgaben scheiterten, diese Ergebnisse dann aber nicht akzeptiert werden. 

Gespräch unter Kollegen (c) BSS
Gespräch unter Kollegen

Kritisch setzten sich die Vertrauensleute deshalb mit ihrer Rolle und der Gefahr, in eine ungute Helfer-Mentalität zu geraten auseinander. „Wir dürfen den Betroffenen die Verantwortung nicht abnehmen, sondern müssen ihnen etwas zutrauen, ihre Autonomie stärken und sie nicht ihrer Selbstwirksamkeit berauben“, arbeiteten die Vertrauensleute heraus. „Wer das Problem hat, muss auch die Lösung finden“, war eine der Maxime, die die Psychologin mitgab, „Was die Person selber kann, soll sie auch selber machen“. Professionelle Beratung und gute Gesprächsführung seien erforderlich, wozu eine ständige Schulung und der kollegiale Austausch unabdingbar sind. Die Beratungsarbeit sei dabei keine Sozialarbeit, keine Psychotherapie, keine Konflikt- oder Suchtberatung; es geht vielmehr immer um den konkreten betrieblichen Kontext. Alles andere könne leicht zur Überforderung führen. Wichtig ist dabei, dass die Vertrauenspersonen in die betrieblichen relevanten Entscheidungen einbezogen ist, was nicht in allen Betrieben selbstverständlich sei. Nur so kann eine wirkungsvolle Interessensvertretung funktionieren.

Gedankenaustausch in der Kleingruppe (c) BSS
Gedankenaustausch in der Kleingruppe

In Kleingruppen überlegten die Workshop-Teilnehmenden, was hilft, die eigene Kompetenz zu stärken, die eigenen Grenzen zu akzeptieren und in allem selbst stabil zu blieben. Von Bedeutung sind regelmäßige Pausen, Achtung der Arbeitszeit, Abwechslung und Auszeiten zur persönlichen Regeneration, „und für schöne Momente sorgen!". Eine Vertrauensfrau erzählte von einem Abschaltritual, das sie am Abend praktiziere; eine andere vom Aufschreiben von Notizen am Ende des Tages. Im Arbeitsalltag sei der Verzicht auf permanente Erreichbarkeit hilfreich. Feste Sprechzeiten könnten eingerichtet werden. Die Vertrauensleute müssten auch nicht alles selber machen: Delegation und klare Absprachen unter den Beteiligten verteilten die Arbeit und verhinderten, dass Aufgaben doppelt wahrgenommen würden. Fachliche Unterstützung könnten sich die Vertrauensleute im Austausch mit Kollegen im geschützten Raum holen. Und keine Arbeit mit nach Hause nehmen, war der Rat von Teilnehmenden. Dort sei es wichtig für Entspannung, Sport und ein erfüllendes Hobby sorgen und manchmal auch für einen gesunden Aggressionsabbau z.B. bei Karate oder Boxen.

Schwerbehinderte

Menschen sind nach § 2 Abs. 1 und 2 SGB IX schwerbehindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist und wenn bei ihnen ein Grad der Behinderung (GdB) von mindestens 50 vorliegt. Der Grad der Behinderung wird auf Antrag durch die zuständigen Behörden festgestellt, die gegebenenfalls den Schwerbehindertenausweis ausstellen.
Schwerbehinderte genießen besonderen Schutz und Förderung im Arbeitsleben. Nach dem Gesetz zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit Schwerbehinderter vom 27. September 2000 müssen Arbeitgeber mit mehr als 20 Arbeitsplätzen wenigstens fünf Prozent davon für Schwerbehinderte bereitstellen. Andernfalls ist eine monatliche Ausgleichsabgabe von bis zu 290 Euro (Stand 2012) für jeden nicht beschäftigten Schwerbehinderten zu entrichten.
Schwerbehinderte haben ferner besonderen Kündigungsschutz, steuerliche Vorteile (insbesondere den Behindertenpauschbetrag), bei besonders schweren Behinderungen auch Vergünstigungen bei der Beförderung im öffentlichen Personenverkehr und auf Antrag die Ermäßigung des Rundfunkbeitrags. Die Rechtsgrundlage bildet das SGB IX.
Aus: Wikipedia