Neujahr2018 Harte Arbeit (c) S. Rapp

Zu Wert und Würde sozialer Dienste

Neujahr2018 Harte Arbeit
Do 8. Feb 2018
Eileen Hirsch

Praktische Erfahrungen und Forderungen an die Politik

Ein brisantes Thema hatte die katholische Arbeitnehmer/innen und Betriebsseelsorge Südhessen für ihren Neujahrsempfang 2018 gewählt: „Was soziale Arbeit, Pflege und Erziehung wert und würdig sind ...“.
Neujahr2018 Gold wert (c) S. Rapp
Neujahr2018 Gold wert

Zu Wort kamen berufserfahrene Kolleginnen aus der sozialen Branche, die über ihre Profession
und Situation sprachen und auf die Dringlichkeit grundlegender Veränderung verwiesen. Knapp 80 Gäste aus Betrieben, Kirchen, Gewerkschaften und Politik kamen im Landrat-Harth-Heim in Rüsselsheim beim Empfang zusammen.

„Gold-Wert!“, so das Motto der Veranstaltung, das sich auf die Bedeutung von sozialen Diensten bezieht. Die pädagogische Förderung von Kindern, die Pflege kranker und alter Menschen und andere soziale Dienste seien ein wichtiger Bestandteil der heutigen Gesellschaft. Dennoch fehle es oft an angemessener Anerkennung und Wertschätzung, vor allem politisch und monetär. „Die Wertschätzung und die umfassende Aufwertung sozialer Dienste, der Pflege und der Erziehung sind mehr als überfällig“, so Betriebsseelsorgerin Ingrid Reidt. Die Situation in der Pflege, in den Einrichtungen für alte und kranke Menschen sei „zum Bersten“ angespannt. Aber auch die Arbeit in Kitas, Beratungsstellen und offene Angebote für Menschen und deren Bildung, Integration und Teilhabe unterliege mehr und mehr dem Druck der Finanzierung.

Seit vielen Jahren verfolge die Betriebsseelsorge mit größter Sorge die Entwicklungen in der ‚sozialen‘ Branche. „Als kirchliche Einrichtung können und wollen wir nicht wegschauen“, sagte Reidt, – „im Gegenteil: Es ist unsere christliche Pflicht, auf Missstände hinzuweisen – auch und besonders, wenn wir selbst Träger und Akteure im sozialen Sektor sind.“

Fakten und Zahlen zu Einrichtungen

Michael Ohlemüller, Betriebsseelsorger schwerpunktmäßig in der Region Bergstraße /Odenwald, nannte Zahlen für Pflegeheime, Krankenhäuser und Kitas. Ohlemüller empfand die Situation als paradox: „Einerseits wird der finanzielle Druck auf die Krankenhäuser immer höher, vor allem aber auch der Druck auf die Beschäftigten; andererseits werden immer mehr Krankenhäuser privatisiert, das heißt die privaten Träger verdienen mit Gesundheit – besser gesagt mit Krankheit – Geld.“

Bezogen auf Kindertagesstätten sei der Anspruch von Eltern, Gesellschaft und Politik gestiegen. Die Zahl der Erzieherinnen bleibe immer weiter hinter dem Bedarf zurück.

Prof. Dr. Alexandra Rau von der Evangelischen Hochschule Darmstadt, Fachbereich Soziale Arbeit/Sozialpädagogik, sieht soziale Arbeit als wichtige Basis für den sozialen Zusammenhang der Gesellschaft, da es sich um Arbeit für und mit dem Menschen handelt. „Wenn wir über soziale Dienste sprechen, dann reden wir auch immer über das Verständnis vom Menschen in der Gesellschaft und von Gesellschaft.“

Erfahrene Kolleginnen berichten aus der Praxis.

Für Rau hängt die Abwertung sozialer Berufe auch mit der Geschlechterfrage zusammen. 70 bis 90 Prozent dieser Berufe werden von Frauen ausgeübt. Ihnen werde häufig Semiprofessionalität unterstellt, da ihre Aufgaben sehr individuell und daher nicht zu standardisieren seien. Dann gebe es auch die Behauptung, dass es Tätigkeiten seien, die Frauen, sowieso können, allein durch die Tatsache, dass sie Frauen seien. Der Trend zur Ökonomisierung und Privatisierung sozialer Dienste schließlich verschärfe diese Abwertung dieser wichtigen Arbeit und mache die professionelle Sorgearbeit mehr und mehr zu einem prekären Arbeitsfeld.

Monika Balzer, seit 24 Jahren in einer städtischen Kindertagesstätte, davon 11 Jahre in der Leitung, sprach von großer psychischer und körperlicher Belastung in ihrem Beruf. Der Aufgabenbereich habe sich vergrößert, da Kitas die Aufgaben, die in der Familie geleistet werden, begleiten. Spiel sei ein wesentliches Element des Lernens. Die Inklusionsaufgabe ist für sie ein Menschenrecht, doch funktioniere Inklusion nur, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. „Wir sind tatsächlich große Lebensberater für Familien“. Zum Thema Wertschätzung erklärte Balzer, Geld sei immer auch ein Zeichen von Wertschätzung gewesen. „Viele stellen sich die Frage, warum sie in diesem Bereich arbeiten sollen, wenn sie von ihrem Einkommen keine Familie ernähren können.“ Nur mit den richtigen Rahmenbedingungen sei es möglich, den Bildungsauftrag optimal wahrnehmen zu können.

Sybille Pechmann von der Beratungsstelle für ältere und behinderte Menschen zählte auf, was ein Mitarbeitender in der Altenpflege beherrschen muss. Deutsch, Geschichte, Medikamentenlehre oder auch Wohnraumgestaltung waren nur einige Punkte, die sie nannte. Die Voraussetzungen seien riesig. Empathie, Flexibilität, Verantwortungsbewusstsein, Geduld, Neugier und Wertfreiheit seien weitere Eigenschaften, deren es bedürfe. „Ich muss meinen Beruf lieben und wertschätzen, und ihn und mich achten“, fasste sie zusammen. Als Brennpunkt nannte sie den Personalmangel. Genügend Pflegeheime seien da, doch das Personal fehle. Unter Zeitdruck zu arbeiten sei das Schlimmste überhaupt. Da stelle man sich die Frage, ob das Telefon ausgeschaltet oder ob man krank sein dürfe. All das führe zu erhöhtem Arbeitsdruck. Dass Soziales sich rechnen und profitabel sein muss, sei früher kein Thema gewesen, so Rau. Heute ginge es darum, mit weniger Personal mehr zu leisten. Dazu komme die gesetzlich vorgeschriebene Dokumentationspflicht in der Pflege. Diese Pflicht stehe über der Pflege der anvertrauten Menschen. Da laufe etwas ganz grundsätzlich schief, da die Würde aller Beteiligten darunter leide.

Forderungen der Rednerinnen an Gesellschaft und Politik

Abschließend stellte Ingrid Reidt die Frage nach Forderungen der Rednerinnen an Gesellschaft und Politik. Sybille Pechmann stand der Entwicklung der aktuellen Koalitionsverhandlungen in Bezug auf Pflegeberufe skeptisch gegenüber. 8000 neue Stellen, wie jetzt vereinbart, reichten nicht aus. Es müsse auch mehr für die Pflegekräfte getan werden. Als Beispiele nannte sie Supervisionen oder auch Prävention. Monika Balzer wünschte sich bessere Rahmenbedingungen, um optimale Arbeit leisten zu können. Alexandra Rau stellte fest, dass der Arbeitsmarkt der Pflegeberufe ein stetig wachsender sei. Dem Profitgedanken entgegenzuwirken, ist für sie eine wichtige Aufgabe.

Susanne Rapp

 

ZAHLEN UND FAKTEN

Die Zahl der Krankenhäuser sank von 1991 bis 2016 von 2.411 (davon 14,8 Prozent privat) auf 1.951 (davon 36,2 Prozent privat). Die Beschäftigtenzahl stieg demgegenüber leicht von 1,1 auf 1,2 Millionen an. Umgerechnet auf Vollzeitkräfte waren es 2106 880.520 Beschäftigte, davon 325.119 im Pflegedienst.
Pflegeheime gab es 2015 13.596, davon 42,2 Prozent in privater Trägerschaft (2007: 11.029 Pflegeheime). Die Beschäftigtenzahl stieg von (2007) 573.545 auf (2015) 730.145; davon arbeiteten 486.812 in Pflege und Betreuung sowie 79.111 in sozialer Betreuung. Von den Beschäftigten waren 40,5 Prozent älter als 50 Jahre und 209.881 waren vollzeitbeschäftigt. Hinzu kommen noch 13.323 ambulante Pflegedienste (2007: 11.529) mit 355.613 Beschäftigten (2007: 236.162). Lediglich 96.701 Personen waren 2015 vollzeitbeschäftigt.

2017 gab es in Deutschland 55.293 Kindertagesstätten. Von den (2016) 666.455 Beschäftigten zählten 492.628 zum pädagogischen Personal (darunter 385.456 Erzieher/Erzieherinnen, 64.480 Kinderpfleger/Kinderpflegerinnen und 16.726 Sozialpädagogen bzw. Sozialarbeiter).

Quelle: Statistisches Bundesamt

 

 

 

 

BSS Neujahr 2018 (c) Hans-Peter Greiner
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