Empfang am Vorabend zum Tag der Arbeit

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Gottesdienst und Empfang mit dem Bischof und vielen Gästen


Am Vorabend zum Tag der Arbeit (30.04.) laden das Referat Berufs- und Arbeitwelt im Bistum Mainz und die beiden kirchlichen Sozialverbände Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) und das Kolpingwerk zu dieser traditionellen Veranstaltung ein. Beginn ist jeweils mit einem Gottesdienst im Mainzer Dom. Beim anschließenden Empfang im Tagungszentrum Erbacher Hof steht ein aktuelles Thema im Mittelpunkt.

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Prof. Sell: Gegen die Explosion der Armut im Alter

Zunehmende Polarisierung bei den Alterseinkommen

Prof. Sell (c) hgob
Prof. Sell
Mo, 30. Apr 2018
Michael Bauer

Der Sozialexperte Professor Stefan Sell von der Hochschule Koblenz forderte bei einer Veranstaltung des Bistums Mainz am Vorabend des 1. Mai in Mainz zum Thema „Lohn der Arbeit? – Wenn am Ende des Erwerbslebens Armut droht“ eine deutliche Stärkung der Versicherungsleistungen im Vergleich zu staatlichen Fürsorgeleistungen wie Hartz IV bzw. Grundsicherung im Alter. Solche Alternativen zur Verhinderung von Altersarmut wären möglich. Man müsse sich nur die Alterssicherungssysteme in den Niederlanden, in der Schweiz oder in Österreich anschauen.

Der sogenannte "Eckrenter" ist in der Praxis kaum anzutreffen

v.l. Prof. Sell, Bischof Kohlgraf, MdB Ursula Groden-Krannich, MdL Adolf Kessel (c) Norbert Faltin
v.l. Prof. Sell, Bischof Kohlgraf, MdB Ursula Groden-Krannich, MdL Adolf Kessel

Die Wissenschaft spreche von relativer Einkommensarmut. Diese Armutsschwelle liege bei 60 Prozent des Medianeinkommens, in Deutschland bei 960 Euro brutto. Grundsicherung im Alter als staatliche Fürsorgeleistung erhielten 2017 rund 544.000 Menschen, mehr als doppelt so viele wie noch 2003. Und Fachleute sprächen von einer Nichtinanspruchnahmequote von 40 Prozent, weil sich viele Senioren nicht dem nach Sells Meinung würdelosen Bedürftigkeitsprüfungsregime im Rahmen von „Hartz IV“ unterwerfen wollten.

Daneben sei die gesetzliche Rentenversicherung zunehmend von einer Fata Morgana geprägt, dem sogenannten „Eckrenter“, der 45 Erwerbsjahre vorzuweisen und in Vollzeit ohne Unterbrechung gearbeitet hat sowie ein Einkommen in Höhe des Durchschnittseinkommens verdient. Diesem Eckrentner stünde dann gemäß der derzeitigen Rentenformel aktuell eine Bruttorente von knapp 1400 Euro monatlich zu (netto wären dies rund 1240 Euro) zu. „Doch was ist mit der Vielzahl von Erwerbstätigen mit unterbrochenen Erwerbsbiografien wegen Kindererziehung oder Arbeitslosigkeit? Oder was ist mit einem Arbeitnehmer, der Vollzeit arbeitet, aber zum gesetzlichen Mindestlohn?“, fragte Sell. Im Vergleich zum Eckrentner hätte der Mindestlohnrentner eine Bruttorente von 691 Euro zu erwarten, das liege unterhalb der Grundsicherung im Alter von 800 Euro.

Alternativen zum gegenwärtigen Altersversorgung

Blick in Ketteler Saal (c) hgob
Blick in Ketteler Saal

Wenn man bedenke, dass rund 3,7 Millionen Vollzeitarbeitnehmer weniger als 2000 Euro brutto im Monat verdienen, komme in den nächsten Jahren eine Welle an Altersarmut auf das reiche Deutschland zu. Verstärkt würde diese absehbare weitere Spaltung der Gesellschaft dadurch, dass ein Drittel der Arbeitnehmer in Ostdeutschland weniger als 2000 Euro verdienten und knapp 15 Prozent der westdeutschen Erwerbstätigen. „Dieser absehbare Abstieg in die Altersarmut ist ein Armutszeugnis für den deutschen Sozialstaat“, resümierte Sell.

Und die Alternativen? „Es geht um die Stärkung der gesetzlichen Rentenversicherung, darum, dass jeder mit der gesetzlichen Rente nicht armutsgefährdet wird“, forderte Stefan Sell. Die Bundesregierung habe die gesetzliche Rente zurückgefahren und Teile der Altersversorgung privatisiert und Bürokratiemonster wie die Riesterrente geschaffen. Nur könnten sich viele Arbeitnehmer private Vorsorge einfach nicht leisten. Die Umstrukturierungen des Systems in Deutschland hätten die Polarisierung auch bei den Alterseinkommen verschärft: Auf der einen Seite die meist gut versorgten Beamtenpensionäre und gut verdienende Angestellte teilweise mit zusätzlichen Betriebsrenten, dort die Niedriglöhner und alle Erwerbstätigen mit vielen Zeiten der Arbeitslosigkeit oder Krankheit.

„Ganz anders die für sozialistische Experimente nicht verdächtige Schweiz“, wie Sell amüsiert anmerkte: „Dort zahlen alle 9 Prozent Rentenbeiträge auf ihr zu versteuerndes Einkommen, nicht nur auf das Bruttoerwerbseinkommen also. Und auf der anderen Seite werde die Maximalrente auch gedeckelt; sie beträgt höchstens doppelt so viel wie die Basisrente.“ Das Schweizer System wirke einer Verschärfung der Einkommensunterschiede im Alter entgegen. Eine Alternative wäre auch die Niederlande, das Land mit der höchsten Teilzeitquote in Europa. Dort garantiere der Staat jedem eine Grundrente von 1000 Euro. Und das ohne eine Bedürftigkeitsprüfung in einem System der Fürsorge, sondern als Versicherungsleistung.

Das "Cappuccino-Rentenmodell" der Katholischen Arbeitenehmer-Bewegung

KAB-Cappuccino-Rentenmodell (c) KAB
KAB-Cappuccino-Rentenmodell

„Armut im Alter muss jetzt nicht sein und auch nicht in 30 Jahren“, stellte Sell abschließend fest. Man muss nur an den richtigen Stellschrauben drehen. So sei auch das „Cappuccino-Rentenmodell“ der Katholischen Arbeitnehmerbewegung eine interessante Alternative. Dieses Modell kombiniert eine Sockelrente ohne Bedürftigkeitsprüfung für alle („Expresso“) mit einer beitragsbezogenen, paritätisch finanzierten Erwerbstätigenversicherung mit einem Beitragssatz von 11 Prozent („Milchkaffee“). Abgerundet wird dieses Modell durch eine verpflichtende betriebliche Altersvorsorge und einer privaten Zusatzversorgung auf freiwilliger Basis („Milchschaum“).

Michael Bauer, 1.5.2018