Schmuckband Kreuzgang

BOTSCHAFTSORIENTIERUNG

Theologische Verortung

„Gott kommt nahe" - das ist die gute Nachricht, von der die Beteiligten und die Bemühungen der „lebensraumorientierten Seelsorge" inspiriert sind. Mit der Zusage „Das Reich Gottes ist nahe gekommen" beginnt Jesus sein öffentliches Auftreten und fordert alle, die ihn hören, auf, sich darauf zu verlassen. Für ihn selbst ist diese Erfahrung Quelle und Mitte seines Lebens für die Menschen. Die Nähe Gottes, den er seinen Vater nennt, ermöglicht ihm die Hingabe seines Lebens und führt ihn durch den Tod am Kreuz in neues Leben.

In diesem konkreten Menschen Jesus will Gott zu allen Menschen kommen - damals wie heute, in Palästina wie an jedem Ort. In ihm können Menschen bis heute die Nähe Gottes entdecken, seine bedingungslose Zuwendung, seinen Willen zum umfassenden Heil für alle Menschen, und bekennen ihn daher als Christus, den Sohn Gottes, des Vaters. Diese Entdeckung fordert dazu heraus, das hergebrachte Denken und Handeln zu erneuern; aus diesem Bekenntnis entsteht Kirche. Wer die Frohe Botschaft verkündet, steht dafür ein: Das Reich Gottes wird auch in unserer Zeit und in unserem Leben lebendig. Es ist mitten unter den Menschen.

Orientierung an dieser gelebten Botschaft bedeutet, mit den Menschen zu leben und ihre Freude und Hoffnung, ihre Trauer und Angst zu teilen, besonders der Armen und Bedrängten (II. Vatikanisches Konzil - Pastoralkonstitution "Die Kirche in der Welt von heute", Kapitel 1). Die Kirche in Mainz setzt sich für das Wohl der Stadt und ihrer Menschen ein und lässt sich ermutigen von der Verheißung, dass Gott sich jedem Menschen zuwenden will und in allen Lebenssituationen mit den Menschen gehen will. Deshalb sind die pastoral Handelnden unterwegs zu den Menschen, nehmen ihre Erfahrungen in den Blick und achten auf ihre unterschiedlichen Lebenssituationen. Sie nehmen wahr und ernst, dass Menschen Gott auch als fern oder abwesend erleben und vertrauen gerade dann auf seine verborgene Nähe.

Orientierung an dieser lebendigen Botschaft bedeutet, die Gute Nachricht so vielfältig und unterschiedlich ins Wort und ins Handeln zu bringen, wie die Menschen unterschiedlich und vielfältig sind. In der Begegnung mit den Menschen wird das Evangelium wirklich und konkret, die Kirche verwirklicht ihre Sendung und kommt zu sich selbst gerade wenn sie Unterschiede zulässt und differenziert miteinander verbunden als Gemeinschaft handelt.

Orientierung an dieser Botschaft des Lebens bedeutet, das Heil für die Menschen nicht wirken zu müssen, sondern der Gnade Raum schaffen zu dürfen: Gott ist schon da. Er kommt jeder missionarischen Aktivität zuvor. Die Vernunft gebietet, die eigenen Kräfte gezielt und planvoll einzusetzen. Gläubiges Vertrauen ermöglicht auch Hoffnung wider alle Hoffnung und lässt auch Scheitern zu.

Solches Handeln kann und wird Konflikte auslösen. Und es wird immer wieder neu ausgerichtet werden müssen - lebensraumorientierte Seelsorge ist ein beständiger Lernprozess, dessen Grundbewegung Bischof Klaus Hemmerle so ausgedrückt hat:

„Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fragen und Dasein, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir zu überliefern habe."

Bischof Klaus Hemmerle