Schmuckband Kreuzgang

Wenn Arbeit krank macht

Kreuzgang durch Rüsselshein thematisiert die Frage: Wa(h)re Arbeit? Funktionieren auf Kosten der Gesundheit

Nicht aufrecht, sondern in eine Ecke gelehnt war das Kreuz bei der dritten Station der Kreuzgänge durch Rüsselsheim.
Nicht aufrecht, sondern in eine Ecke gelehnt war das Kreuz bei der dritten Station der Kreuzgänge durch Rüsselsheim.
Fr, 5. Apr 2019
Susanne Rapp

Die Zahl der an psychischer Erkrankung leidenden Menschen ist in den vergangenen zehn Jahren auf das doppelte angestiegen. Burnout oder Depression sind Folgen der Schnellebigkeit im Berufsleben wie auch im Privatbereich. Die dritte Station der Kreuzgänge durch Rüsselsheim nahm sich vergangenen Mittwoch dem Thema an.

Auch bei der dritten Station der Kreuzgänge durch Rüsselsheim findet das hölzerne Kreuz einen eher ungewöhnlichen Ort. Passend für das Thema „Wa(h)re Arbeit – Funktionieren auf Kosten der Gesundheit“. Statt, wie vorgesehen, auf dem Marktplatz, flüchten die Veranstalter vor dem Regen in den Vorraum der evangelischen Stadtkirche. Dort steht es nicht aufrecht, sondern schräg angelehnt, beengt, ein wenig seiner Stellung als erhabenes Symbol des christlichen Glaubens beraubt. „Aufs Kreuz gelegt“, die Redewendung ist wörtlich genommen und steht übergeordnet für die Themen der ökumenischen Veranstaltung in diesem Jahr.
Ob in der Arbeitswelt, der Gesellschaft oder im privaten Leben. Überall ist der physische und psychische Verschleiß von Menschen zu beobachten. Stammtischparolen wie: „Alles hat halt seinen Preis“ sind nicht angebracht. „Burnout“ wird Menschen, die davon betroffen sind immer wieder als Schwäche vorgeworfen. Die dritte Station der Kreuzgänge widmet sich der Fragestellung: „Verkaufen wir nicht nur Ware und Arbeit, sondern verkaufen und verraten wir nicht auch unsere Gesundheit?“
Impulsgeberin bei diesem Thema ist Diplom Pädagogin Anke Creachcadec vom Bündnis gegen Depression im Kreis Groß-Gerau. Sie berichtet, dass immer mehr Menschen wegen psychischer Probleme krank sind. Die Zahl der Krankheitstage wegen psychischer Probleme hat sich zwischen den Jahren 2007 und 2017 verdoppelt. 107 Millionen Krankheitstage entstehen jährlich in Deutschland wegen psychischer Probleme. Fest stehe aber auch, dass heute anders mit psychischen Problemen umgegangen wird, als noch vor 20 Jahren. Erkrankungen aus dem Themenkreis werden eher diagnostiziert, über sie wird mehr gesprochen und Menschen mit Problemen dieser Art müssen sich nicht mehr verstecken. Auch die Arbeitswelt mit erhöhtem Druck und Beschleunigung trage dazu bei, dass Symptome wie Erschöpfung - erste Anzeichen sind Müdigkeit, Kraftlosigkeit, Konzentrationsrückgang, Kopf- und Bauchschmerzen, auftreten. Wer in die Spirale der Erschöpfung geraten ist, fragt sich oft nach dem Sinn von allem.
Burnout, so Creachcadec, sei keine Krankheit, sondern ein Syndrom, ein Bündel an Symptomen. Es beschreibt den Zustand der totalen psychischen und physischen Erschöpfung am Ende eines langen Prozesses. Oft sind es die eigenen Erwartungen, die jemand an sich selbst hat. Alles alleine schaffen zu wollen, konstant in Harmonie zu leben, alles kontrollieren zu wollen, und auch nicht nein sagen zu können, sind Eigenschaften, die zum Burnout führen können.
Der Arbeitstakt wird immer schneller. Auch die heutige Digitalisierung führt zu Stress oder Burnout verstärkenden Elementen. „Das Tempo am Arbeitsplatz hat zugenommen und auch das im Privatleben. Es gilt das Dogma, alle Zeit, die wir haben, möglichst effizient auszunutzen. Unser Alltag ist beschleunigt und Ruhepausen bleiben auf der Strecke“, so Creachcadec. Aber auch der Druck, keine Arbeit zu haben bedeute, sich in einer Stresssituation zu befinden. Auch das mache krank, ergänzt Ingrid Reidt von der katholischen Betriebsseelsorge.
Manch ein Burnout ist eigentlich eine Depression, erklärt die Impulsgeberin. Da hilft ein langsamer machen, sich Auszeit gönnen und Entspannung suchen nicht mehr. Depression ist eine Erkrankung, die eine ärztliche Diagnose und Behandlung erforderlich macht. Creachcadec ermutigte die Anwesenden, achtsam mit sich zu sein, ebenso wie mit den Kollegen und im privaten Umfeld.
Die Fürbitte eines Teilnehmers bezog sich auf junge Menschen, die von Stress geplagt psychische Probleme haben und als letzten Ausweg Suizid begehen. Auch die Situation eines Arbeitslosen, der sich durch das Fehlen von Arbeit ausgeschlossen fühlt, wurde benannt.
Die vierte und letzte Station der Kreuzgänge durch Rüsselsheim am kommenden Mittwoch lädt dazu ein, unter dem Motto: »Wenn der Mensch nicht mehr zählt«, eigene Erfahrungen aus Arbeitswelt und Gesellschaft einzubringen. Interessierte sind ab 19 Uhr in die Matthäuskirche (Böllenseeplatz) eingeladen.