„Eine gemeinsame spirituelle Erfahrung"

Der Trend zum Pilgern stärkt ökumenischen Zusammenhalt

Nach der Wallfahrt ist vor der Wallfahrt (c) Bistum Mainz
Nach der Wallfahrt ist vor der Wallfahrt
Datum:
So 15. Mär 2015
Von:
Bernd Buchner

Schon im Mittelalter gab es Kritik am überbordenden, nur an Äußerlichkeiten orientierten Wallfahrtswesen. Der Mystiker Thomas von Kempen notierte bissig: „Wer viel pilgert, wird selten heilig." Martin Luther sah das wenig anders: Für ihn war das Pilgerwesen mit Aberglauben und Ablasswesen verbunden. Gott aber lässt sich nicht durch gute Werke gnädig stimmen, so die reformatorische Auffassung - schon gar nicht durch eine Wallfahrt. „Beim Pilgern", notiert der Wittenberger Theologe, „werden einfältige Menschen vorgeführt in einem falschen Wahn und Unverständnis göttlicher Gebote."

In Norwegen, das sich früh dem evangelischen Glauben zuwandte, stand das Pilgern seit 1537 sogar unter Todesstrafe. Ob aber jemals ein Wallfahrer hingerichtet wurde, ist nicht überliefert. Die Skepsis der reformatorischen Kirchen gegenüber dem Pilgerwesen hielt jedenfalls noch über Jahrhunderte an - und evangelische „Wallfahrtsorte" gibt es bis heute nicht.

„Das Haupterlebnis besteht nicht im Ankommen, sondern im Unterwegssein", sagt Gerald Wagner vom Evangelischen Erwachsenenbildungswerk Westfalen, der im Ruhrgebiet die Aktion „Pilgern im Pott" ins Leben gerufen hat.


Mehr als Tourismus

Der Weg als das Ziel? Das ist auch das Motto der Initiative „Pilgern bewegt" mit Sitz in Kassel, angestoßen durch den Verband Christlicher Hoteliers (VCH). Das zeigt, dass das Pilgerwesen von touristischen Aspekten nicht zu trennen ist. Auch das hat Geschichte: Die Wallfahrerströme des Mittelalters gelten als Vorläufer des Massentourismus. Jüngst warnte die Synodenpräses der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Katrin Göring-Eckardt, mit Blick auf das Reformationsgedenken 2017: „Allein touristische Pilgerziele helfen uns da nicht."


Samstagspilger

Abschalten, zur Ruhe kommen, den Alltag hinter sich lassen: Für viele modernen Pilger sind gerade diese vermeintlich säkularen Aspekte wichtig. Der Begriff „Samstagspilger" hat sich eingebürgert. Doch von einer wie auch immer gestalteten religiösen Sinnsuche ist das nicht zu trennen. So steht das geistliche Wandern im Zusammenhang mit dem Trend in den reformatorischen Kirchen, wieder mehr auf Sinnlichkeit zu achten - so spielen Kerzen wieder eine größere Rolle, auf eine feierliche Gestaltung des Gottesdienstes legt man Wert. Der Glaube soll nicht nur Teil des Alltags sein, sondern etwas Erhebendes, Besonderes. Das Pilgern gehört dazu. In Hamburg gibt es seit zwei Jahren sogar einen evangelischen Pilgerpastor.

Im Wandern solle man nicht eine „geistliche Leistung" sehen, sagt Bernd Lohse - aber es könne zu einer „tiefen und reinen Glaubenserfahrung"führen.
Auf dem Lutherweg

Viele der neuen Pilgerprojekte in Deutschland sind ökumenisch. Die Bonifatiusroute folgt von Mainz bis Fulda dem Leichenzug des Missionars, drei Elisabethpfade führen ans Marburger Grab der Heiligen. Durch einen 2005 eröffneten Wanderweg sind die ehemaligen Zisterzienserklöster Loccum in Niedersachsen und Volkenroda in Thüringen verbunden. Eine Besonderheit unter den Angeboten ist der Lutherweg. Er verbindet auf einer Strecke von 410 Kilometern Eisleben und Wittenberg. Aus der Vielzahl der Initiativen sticht auch das Egeria-Projekt heraus, benannt nach jener spanischen Ordensfrau, die im vierten Jahrhundert quer durch Europa bis nach Jerusalem wanderte. Die Frauen in diesem Pilgerprojekt - ökumenisch und europäisch gesinnt - gehen genau die gleiche, rund 9000 Kilometer lange Strecke in zehn Jahresetappen nach.

Der berühmteste Pilgerpfad ist und bleibt aber der Jakobsweg in Nordspanien. Im neunten Jahrhundert entdeckte ein Eremit das vermeintliche Grab des Apostels Jakobus, ein florierender Wallfahrtsort entstand. Luther war skeptisch: „Man weiß nit, ob Sankt Jakob oder ein toter Hund oder ein totes Ross da liegt. Darum: Lass reisen, wer da will - bleib du daheim!" Über Jahrhunderte führte Santiago ein Schattendasein, erst in jüngster Zeit wurde der Jakobsweg wieder entdeckt.


Eine Mit-Geh-Zentrale

Auch hierzulande werden historische Pilgerstrecken wiederentdeckt und sind heute wie in Frankreich und Spanien mit der gelben Jakobsmuschel auf blauem Grund gekennzeichnet. Ein Teilstück ist die Via Baltica, die sich entlang der „Perlen der Nordkirche" von Usedom bis Osnabrück erstreckt. Ein ökumenischer Pilgerweg führt seit 2003 von Görlitz an derdeutsch-polnischenGrenze durch das reformatorische Kernland bis nach Vacha bei Eisenach. Herbergseltern bieten schlichte Unterkünfte gegen eine Spende an, eine „Mit-Geh-Zentrale" vermittelt gemeinsame Wanderschaften auf der 450 Kilometer langen Strecke.

Pilgern trennt die Christen nicht länger, sondern führt sie zusammen. Auch wenn die Weihrauchschwaden in der Kathedrale von Santiago de Compostela für die einen selbstverständlich sind, für die anderen augenreizende Folklore. „Was Pilgern ist", betont Pastor Bernd Lohse, „entscheidet Gott".

Dieser Text stammt - mit freundlicher Genehmigung - aus der Sonderbeilage "Zu dir oder zu mir? - Extra Pilgern" der Mainzer Kirchenzeitung "Glaube und Leben".