Geistliches Wort zur Corona-Krise von Klinikseelsorger Jürgen Janik

Er ist katholischer Klinikseelsorger an der Universitätsmedizin in Mainz und schreibt für uns:

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Fr 13. Mär 2020
Pfarrer Jürgen Janik

Unsicherheit und Angst erlebe ich in diesen Tagen angesichts des grassierenden Coronavirus. Gelassenheit und Vorbereitet-Sein treffe ich im Krankenhaus an. Sehr überzeugend vermitteln die zuständigen Ärzte, dass das Personal aufgrund seiner Qualifikation und Erfahrung mit den zu erwartenden Patientinnen und Patienten gut wird umgehen können. So erlebe ich es auch auf der Station, auf der die erste Patientin behandelt wird: Ruhe, Sachlichkeit, Zugewandtheit und hohe Kompetenz bestimmen den Ablauf.

„Besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt zu leben“

dazu fordert Paulus im Titusbrief 2,12 auf. Diese Haltung steht uns Christen und Christinnen gut an. Unser Gott hat uns mit Vernunft begabt, mit der wir uns neuen und Angst machenden Situationen stellen können. Sie befähigt dazu, sich gut und kontinuierlich zu informieren und erlangte Kenntnis sachgerecht denen weiterzugeben, die verunsichert sind. Besonnen sein heißt, ruhig zu sein und nachzudenken, nicht unvorsichtig zu sein und sich und andere nicht zu gefährden.

Wir sind in der Klinik erschrocken, dass Mundnasenmasken, Desinfektionsmittel, Handschuhe und Schutzkittel gestohlen werden. Abgesehen davon, dass deren Gebrauch dann in den meisten Fällen unsachgemäß erfolgt, teilweise unnötig ist, werden hiermit im Ernstfall benötigte Schutzmittel der notwendigen Anwendung entzogen. Das ist ungerecht. Und es geschieht nicht allein im Krankenhaus, sondern auch in Arztpraxen und Waschräumen und durch Hamsterkäufe in Apotheken oder via Internet. Gerecht handeln heißt, dafür Sorge zu tragen, dass jede und jeder erhält, was ihm oder ihr zusteht, und nicht egoistisch zu horten. Gerechtigkeit äußert sich im Respekt, gerade gegenüber denen, die im Gesundheitswesen ihr Bestes geben. Respekt ist ein Ausdruck von Vertrauen in Menschen und in Systeme. Damit das Systemvertrauen nicht enttäuscht wird, ist es Aufgabe der Verantwortlichen, rechtzeitig die notwendigen Informationen weiterzugeben und wohlüberlegt Schutzmaßnahmen einzuleiten.

Trotz besten Wissens und Bemühens können wir uns nicht vor allem schützen.

Wir verdanken uns Gott tagtäglich, so auch in diesen Tagen, in denen wir spüren, dass unsere Gesundheit nicht selbstverständlich ist. Als Seelsorger bete ich mit vielen Menschen um Kraft und Beistand von Gott, schwere Krankheiten durchzustehen und manche unlösbare Frage auszuhalten. Ich erfahre täglich, dass der Glaube stärkt und Gelassenheit vermitteln kann.

Jesus hat die Seinen ausdrücklich zu den Kranken und allen am Rand gesandt mit der Botschaft, dass sie nicht fern vom Reich Gottes sind. Auch wenn räumliche Isolation eine Zeit lang notwendig ist, finden Christinnen und Christen Mittel und Wege den Erkrankten zu zeigen, das sie nicht total von der Gemeinschaft und vom Leben ausgeschlossen sind. Durch die Geschichte hindurch ist es der hervorragende Dienst der Kirche, kranken und ausgrenzten Menschen beizustehen. Dieser Aufgabe sind wir auch heute verpflichtet.

Die unerwartet „geschenkte“ Zeit zur Besinnung auf uns selbst und zum Austausch mit unseren Lieben nutzen

Veranstaltungen fallen aus, Einrichtungen bleiben geschlossen. Wir sind es nicht gewohnt in dieser Weise unfreiwillig auf uns selbst zurückgeworfen zu sein. Doch wir könnten versuchen, die unerwartet „geschenkte“ Zeit zur Besinnung auf uns selbst und zum Austausch mit unseren Lieben zu nutzen, und uns neu dem Gott zu öffnen, der will, dass wir leben – und zwar in neuer Tiefe.