Rosch ha-Schana

Datum:
Sa 19. Sep 2020
Von:
Beate Hirt, Frankfurt, „Wort zum Tage“ bei Deutschlandfunk Kultur

Einen guten Rutsch wünsch ich heute! Ja, Sie haben richtig gehört: Ich wünsch alles Gute zum neuen Jahr! Mitten im September. Heute beginnt nämlich das jüdische Neujahrsfest, Rosch-Haschana. Unser „guter Rutsch“ kommt wahrscheinlich von diesem „Rosch“ und dem jüdischen Neujahrswunsch Rosch-Haschana-tov.

Für Jüdinnen und Juden beginnt heute das Jahr 5781 - da wird traditionell gerechnet seit der Erschaffung der Welt, auch wenn man mittlerweile weiß, dass die wohl ein bisschen länger her ist. Jüdische Zeitrechnung und jüdische Religion sind damit um einiges älter als die des Christentums. Für mich als Christin sind deswegen jüdische Gläubige wie große Schwestern und Brüder.

Jesus war Jude, und mein christlicher Glaube hat tiefe Wurzeln im Judentum, ohne das Judentum ist er überhaupt nicht denkbar. Man muss das immer wieder betonen, denn es gab natürlich in der Kirche auch fürchterlichen Antijudaismus und Antisemitismus. Es hat lange gedauert, bis Päpste und Konzilien sagen konnten: Wir sind Geschwister. Und jede Form von Diskriminierung und Gewalt widerspricht dem Geist Jesu Christi (vgl. Nostra Aetate Nr. 5). Papst Franziskus hat es einmal so geschrieben: „Juden und Christen sollten sich als Brüder und Schwestern fühlen, vereint im Glauben an den einen Gott und durch ein reiches, gemeinsames geistliches Erbe, auf das sie sich stützen und die Zukunft weiter aufbauen können“.

Ich denke an diesem Rosch-ha-Schana-Tag heute auch ganz besonders an meine jüdischen Geschwister, weil mir ein anderer jüdischer Feiertag, der Jom Kippur-Tag vom letzten Jahr durch den Kopf geht und auf der Seele liegt. An Jom Kippur im Oktober 2019 war ein rechter Gewalttäter in Halle auf die Synagoge losgestürmt, schwer bewaffnet mit Gewehr und Sprengstoff, und hatte versucht, die Tür aufzuschießen. In der Synagoge waren rund fünfzig Menschen zum Gebet versammelt an ihrem höchsten religiösen Feiertag – und man will sich nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn die Tür nicht gehalten hätte. Der Rechtsextremist hat dann zwei Menschen außerhalb der Synagoge erschossen. Und Jüdinnen und Juden mussten in Deutschland in einer Synagoge Angst um ihr Leben haben. Mich hat das tief erschüttert.
Vielleicht gehe ich heute Abend wieder einmal zur jüdischen Synagoge in meiner Stadt. Oder auch in zehn Tagen, wenn in diesem Jahr Jom Kippur gefeiert wird. Wenn ich mir als Christin etwas wünschen oder vornehmen darf zum neuen jüdischen Jahr, dann das: Ich wünsche mir, dass es nie wieder Gewalt und Diskriminierung gibt gegen Jüdinnen und Juden in unserem Land. Und ich nehme mir vor, dazu beizutragen: Ich will noch klarer und deutlicher Solidarität zeigen. Für meine Glaubensgeschwister eintreten, wo es nötig ist. Allen Jüdinnen und Juden wünsche ich heute von Herzen: ein frohes neues Jahr, Schanah Tova!