Welttag des Friedens

Zu echtem Frieden gehört nicht nur das Ende der Gewalt, sondern vor allem der Frieden in den Herzen.

Morgendämmerung (c) pixabay.com
Morgendämmerung
Mi 1. Jan 2020
Martin Wolf,SWR4 Feiertagsgedanken

Im Frieden dein, o Herre mein, lass ziehen mich meine Straßen.“ Ein altes Kirchenlied. Ich mag es sehr. Besonders an diesem Morgen. Dem ersten des neuen Jahres. Ich finde, das kleine Gebet passt zu diesem Tag.

Nach all dem Feiern und Böllern der letzten Nacht sind die Straßen heute Morgen nämlich still. Fast verlassen wirken sie. Und laden vielleicht gerade deshalb zu einem Spaziergang durch den kalten Januarmorgen ein. Hin und wieder liegen vielleicht noch die Überreste einer ausgelassenen Party auf dem Weg. Ausgebrannte Feuerwerksbatterien, leere Wein- oder Sektflaschen. Doch heute Morgen wirken sie eher wie ein unwirklicher Kontrast zu all der Ruhe ringsum. Im Frieden lass ziehen mich meine Straßen.
Die Katholiken feiern diesen ersten Januar schon seit mehr als 50 Jahren als „Weltfriedenstag“. Äußerlich mag das auch ganz gut passen, zumindest hier bei uns. Firmen und Geschäfte sind geschlossen. Wer die Möglichkeit hat, kann an diesem ersten Tag des Jahres tatsächlich etwas Ruhe und Frieden finden. Doch die Idee zu einem „Weltfriedenstag“ hatte in den sechziger Jahren der damalige Papst Paul VI. Es waren unruhige Zeiten damals. In Ostasien wütete seit Jahren der Vietnamkrieg. Für die USA, die daran massiv beteiligt waren, ist er noch heute ein Trauma. In Europa löste sich unterdessen die alte Nachkriegsordnung auf. Studenten gingen gegen die alten Eliten auf die Straße, stellten immer lauter die Systemfrage. Ein Hauch von Revolution lag damals in der Luft. Es war auch die Geburt der späteren Terrorgruppe Rote-Armee-Fraktion. In dieser weltweit aufgeheizten Atmosphäre sollte darum am Neujahrstag 1968 ein Welttag des Friedens begangen werden. Und danach immer wieder am ersten Tag eines neuen Jahres. So wollte es Papst Paul VI. Und dennoch: Der Krieg in Vietnam sollte von diesem Tag an noch mehr als sechs weitere Jahre wüten und  Millionen Menschen Leiden und Tod bringen. 

Auch wenn der Weltfriedenstag weder damals noch heute Frieden gebracht hat. Überflüssige Folklore ist er in meinen Augen trotzdem nicht. Denn wenn uns Menschen überall auf der Welt eines miteinander verbindet, dann ist es wahrscheinlich dieser sehnliche Wunsch nach Frieden. Nach einem Leben, das nicht ständig von Gewalt bedroht ist. Wo ich ohne Angst um mich und meine Lieben überall hingehen kann. Wo ich frei reden oder schreiben kann, ohne dafür eingesperrt oder bedroht zu werden. Wo es völlig egal ist, welche Hautfarbe oder Religion ich habe. Dieser Wunsch lebt weltweit. Im Frieden dein lass ziehen mich meine Straßen. Dennoch wird dieses Gebet für Millionen Menschen, etwa im Irak,  in Afghanistan oder im Jemen auch heute nur ein frommer Wunsch bleiben. 

 

Um den jährlichen Welttag des Friedens am 1. Januar, den der Papst vor über 50 Jahren ausgerufen hat, geht es heute, am Neujahrsmorgen, in den Feiertagsgedanken.

Dieser 1. Januar, hier bei uns ist er weitgehend ein ruhiger, ja friedlicher Tag. Für viele andere Gegenden der Welt gilt das leider ganz und gar nicht. Krieg, Unterdrückung, die Verhöhnung der Menschenrechte gehen weiter. Auch heute, in dieser Woche, diesem Jahr. Doch auch hier bei uns sind wir von echtem Frieden noch entfernt. Mit wie viel Hass und Verachtung begegnen sich Menschen inzwischen im Netz und leider nicht nur dort? Die Fähigkeit, einander einfach nur mal zuzuhören, zumindest zu versuchen, den anderen zu verstehen, wird offenbar immer geringer. Die andere Meinung, die andere Art zu leben muss ich ja nicht teilen. Aber versuchen zu verstehen, was den anderen umtreibt. Das wäre immerhin ein Schritt. Ein kleiner Schritt zum gesellschaftlichen Frieden.

Von all dem Unfrieden, den wir über unsern bedrohten Planeten bringen, gar nicht zu reden. Auch daran erinnert mich dieser Tag schmerzlich. Ja, die jungen Leute von Fridays for future haben Recht. Und leider fühle ich mich bei ihren Protesten auch angesprochen. Auch ich kann mich noch nicht zu einem Lebensstil durchringen, der wirklich im Einklang mit der Schöpfung stünde. Mein ökologischer Fußabdruck ist viel zu groß. Ich lebe immer noch zu verschwenderisch, im Unfrieden mit der Erde. 

Die Worte des Engels aus der Weihnachtsgeschichte, die wir vor wenigen Tagen vielleicht gehört haben, klingen deshalb heute besonders nach: Friede auf Erden! Damit ist nämlich nicht nur gemeint, dass wir uns doch wenigsten für ein paar Stunden mal nicht die Köpfe einschlagen sollen. Der Wunsch ist viel größer und reicht weiter. Das hebräische Wort Schalom, das wir mit Frieden übersetzen, meint mehr als nur das Schweigen von Waffen, das Ende von Geschrei und Gepöbel. Es meint den Frieden mit der Natur und Frieden in unseren Herzen. Wer Frieden in sich spürt. Wer mit sich selbst, seinen Mitmenschen und seiner Umwelt im Reinen ist, der hat gar keinen Grund mehr, herumzuschreien oder Gewalt gegen andere anzuwenden. Das Kunstwort vom „Wutbürger“ ist für mich darum das krasse Gegenteil eines Menschen, der seinen inneren Frieden, sein Schalom gefunden hat. Denn auch darum geht es heute, am ersten Tag des neuen Jahres. Am Weltfriedenstag. Dass nicht nur all der Hass und die Kriege, die er befeuert, in den nächsten zwölf Monaten ein Ende finden mögen. Sondern dass wir, sie und ich und alle, die es bitter nötig haben, ein wenig von  diesem Frieden Gottes finden. Von seinem Schalom. Im Frieden dein, o Herre mein, lass ziehen mich meine Straßen. Das wünsche ich uns allen für dieses neue Jahr 2020.

Kirche im SWR