„Wenn ihr in Not kommt, sollt ihr singen.“

Mann mit Gitarre (c) pixabay.com
Mann mit Gitarre
Datum:
Mo 3. Aug 2020
Von:
Gerlinde Neufurth Klinikseelsorgerin in den Kliniken Groß-Gerau und Unimedizin, Mainz

Dieses Wort von Luise Schottroff begleitet mich seit längerer Zeit. Der Satz klingt ver-rückt und auch paradox: Viel näher liegt mir doch der Satz, „wenn ihr in Not kommt, dann klagt, jammert, weint, schreit, macht eurem Herzen Luft!“ Ja, ist es nicht sogar zynisch und wie ein Schlag ins Gesicht, angesichts von Not und Leid zu singen?

Gerade spüren wir Menschen doch viel deutlicher als sonst, wie Angst, Krankheit und Not und Leid angesichts der Pandemie uns auf die Pelle rückt. Wenn wir -  oder Menschen aus unserer Stadt-  ihre Arbeit verlieren, wenn die Angst um sich greift, zu erkranken, wenn immer mehr Menschen vereinsamen, wenn das, was bisher selbstverständlich war, unsicher wird und plötzlich angefochten ist.

Wie kann ich singen angesichts von Krise, Bedrängnis, Tod und Leid? Singen ist doch gerade das Gegenteil: Singen ist Ausdruck von Freude, Lob, Dank, ja von Glück!

Wie also soll ich einen solchen Satz verstehen?

Beim Nachlesen des Kontextes, aus dem heraus die ev. Theologin Luise Schottroff (geb 1934) diesen Satz formuliert, erzählt sie von einer ganz persönlichen Erfahrung:  Sie schreibt:

„Auch das verletzte Leben ist Leben voller Gesang. Ich habe ein Glück kennengelernt, das mich zum Singen gebracht hat - mitten in Erfahrungen der Nähe des Todes. Krankenhaus, Narkosen und Operationen, Schmerzen und Angst waren meine Welt geworden. ...  Unsere jüdischen Geschwister haben gesagt: Unsere Aufgabe ist es zu singen, Gott zu loben und zu segnen.... Wenn ihr in Not kommt, sollt ihr singen." 

 Und etwas später schreibt sie: wenn …..“meine zweihundertachtundvierzig Glieder zu singen anfangen, dann wächst meine Kraft zur Klarheit, zur Hoffnung und zum Widerstand.“

(zitiert nach: Dorothee Sölle, Luise Schottroff; Den Himmel erden. Eine ökofeministische Annäherung an die Bibel)

Diese Schilderung lässt plötzlich eigene Erfahrungen aus meiner Arbeit als Klinikseelsorgerin aufsteigen:  Ich denke z.B. an Martin. Ich habe ihn auf der Intensivstation kennengelernt. Er war noch jung. Dort lag er schon einige Zeit im Koma. Seine Mutter und sein Bruder haben ihn regelmäßig besucht. Und auch die Ärzte und Pflegekräfte haben alles getan, um Martin zu retten. Dann kam der Tag der Entscheidung, die Geräte, die ihn bisher noch am Leben hielten, sollten abgeschaltet werden. Ich wurde dazu gerufen.

Die Mutter und der Bruder waren da,  und wir warteten gemeinsam bis der Tod eintreten sollte. Es vergingen einige Stunden. Zunächst mit stummen Schweigen, dann mit Gespräch, mit Klage und Weinen, mit Erinnerung an das, was schön war, wie fröhlich er trotz seiner Krankheit war, in Erinnerung an seinen Glauben, der ihn getragen hat.

Und dann plötzlich – stimmte ich ganz vorsichtig ein Lied an. Nach einer kleinen Weile stimmten Mutter und Bruder mit ein.  Gemeinsam sangen wir immer wieder das gleiche Lied: „Jesus, dir leb ich, Jesus Dir sterb ich, Jesus Dein bin ich im Leben und im Tod“

Es war, wie wenn dieses Lied Martin  in den Tod gewiegt und uns alle getröstet hätte.

Die Mutter, die -verständlicherweise - den Jungen nur schwer loslassen konnte, wurde ruhiger und auch der Bruder, der sich viel um den kranken Bruder gekümmert hatte, schien nicht mehr so verzweifelt.

Klänge und Töne haben vielleicht doch eine größere Macht als Worte, habe ich im Nachklang gedacht. Sie rühren eine tiefere Schicht im Menschen an, ja sie können in schwersten Lebenswassern zu Rettungsankern und Hoffnungszeichen werden.

In dieser Situation auf der Intensivstation konnte ich etwas davon ahnen und Zeugin sein von dem, was Alfred Delp mit diesen Worten sagt: Mensch, lass dich los zu deinem Gott ... Das ist dann die Freiheit, die singt: Uns kann kein Tod nicht töten.“