Liedporträts zum Gotteslob

Die Liedporträts sind im Rahmen der Aktion "Lied des Monats" entstanden, die die Einführung des neuen Gotteslob begleitete. Sie laden zum Entdecken ein und erschließen ausgewählte neue sowie "neue alte" Lieder.

Zum Mainzer Eigenteil

Der uns schuf

In der Höhlung seiner Hand - Ein neues Abendlied aus den Niederlanden

Als Mutterland der Reformation, die mit ihren in der Volkssprache gefeierten Gottesdiensten erst den entsprechenden Bedarf hervorbrachte, eignet Deutschland weltweit eine konkurrenzlose Tradition des muttersprachlichen Kirchenlieds. Unverkennbar hat jedoch der deutschsprachige Raum seine Führungsrolle, was das Innovationspotential in diesem Bereich betrifft, in den vergangenen Jahrzehnten eingebüßt. Zwar mangelt es seit den 1960er Jahren nicht an der Produktion neuer Lieder. Deren Großteil jedoch ist entweder dem popularmusikalisch orientierten Zweig des Neuen Geistlichen Liedes zuzurechnen, dessen textliche Qualitätsmaßstäbe sich weithin eher an weltlichen Popsongs als an der Bibel und ihrer je aktuellen Botschaft orientieren, oder aber ist religiöse Gebrauchslyrik des historisierenden Typs mit der sprachlichen Patina vergangener Jahrhunderte, wie sie exemplarisch durch Maria Luise Thurmairs (1912-2005) Lieder verkörpert wird. Vergleichsweise selten findet sich demgegenüber der Versuch, den Glauben in kreativer Auseinandersetzung mit der Schrift als dessen Ur-Kunde in zeitgenössischer Sprache neu zum Klingen zu bringen. Der Mainzer Diözesananhang im neuen „Gotteslob" macht aus der Not eine Tugend und nutzt die heimische Fehlanzeige zu einer bislang ungekannten Internationalisierungsoffensive, wie sie auch der neue Stammteil nur in Ansätzen wagt. In unseren nördlichen Nachbarländern, in den Niederlanden und in Skandinavien, hat man sich nicht wie hierzulande in die Aporie zwischen substanzarmer Popkultur und angestaubter Kirchensprache hineinmanövriert. Stattdessen blüht ein Kirchenliedschaffen, das sich klanglich seiner kirchenmusikalischen Wurzeln nicht schämt, inhaltlich aus der lebendigen Auseinandersetzung mit der Schrift inspiriert ist und dennoch ganz im Heute steht. War diese Strömung in der deutschen Wahrnehmung bislang vor allem mit dem Namen Huub Oosterhuis verbunden gewesen, kommt sie nun breiter in den Blick. Große Verdienste um die Erschließung dieses Liedguts für den deutschen Sprachraum hat sich der evangelische Praktische Theologe Jürgen Henkys (* 1929) erworben; der Mainzer Anhang präsentiert über die fünf im Stammteil enthaltenen hinaus 14 weitere seiner über Jahrzehnte hinweg entstandenen Übertragungen.

Auf diese Weise wird den deutschsprachigen Gemeinden unter anderen Sytze de Vries (* 1945) bekannt gemacht, der zu den profiliertesten Kirchenlieddichtern der Niederlande zählt. Das neue „Gotteslob" bietet vier seiner Lieder, eines im Stammteil (Nr. 419), drei im Mainzer Eigenteil (Nr. 708; 828; 899), alle von Jürgen Henkys übersetzt. De Vries war von 1988-2005 Prädikant an der Oude Kerk in Amsterdam und dort insbesondere mit Liturgie und Kirchenmusik betraut. Seit 2006 arbeitet er als freischaffender Theologe, Dichter und Publizist. Sein Liedschaffen ist untrennbar verbunden mit einer intensiven Befassung mit der Bibel, insbesondere mit dem Alten Testament. Eine Besonderheit der Oude Kerk ist die enge Zusammenarbeit der in verschiedenen Positionen für den Gottesdienst Verantwortlichen bei der Vorbereitung der zu feiernden Liturgien. So ist auch das Abendlied „Der uns schuf" im Jahre 1993 aus dieser Kooperation erwachsen: Sein Komponist ist Willem Vogel (1920-2010), der von 1973 bis 2002 zunächst Kantor, dann auch Organist an der Oude Kerk war.

Der Text des Liedes zerfällt in zwei Teile: Die Strophen 1-3 formulieren in drei Anläufen eine Anrede Gottes. Dabei fällt das Wort „Gott" nicht. Vielmehr wird der Angesprochene in Relativsätzen durch sein Handeln am Menschen charakterisiert und identifiziert: „der uns schuf", „der uns sucht", „der uns birgt". Nachdem die Singenden sich Gott auf diese Weise genähert haben, tragen sie ihm in den Strophen 4 und 5 ihre Bitten vor.

Strophe 1 spricht von Gott als Schöpfer und Erhalter des Menschen. Die hereinbrechende Nacht erscheint als Raum der Bedrohung, in dem der Mensch der Kontrolle über sein Leben verlustig geht („wenn hier die Nacht uns übermannt"). Doch kann er sich darauf verlassen, von der bergenden Hand Gottes getragen zu sein. Strophe 2 knüpft mit dem Stichwort „Dunkel" an das Motiv der Nacht aus der Eingangsstrophe an. Auch hier geht es nicht nur um die physische Dunkelheit, sondern um die existentiellen Finsternisse von Sünde und Leid. In diesem Dunkel erscheint Gott als der, der dem Menschen nachgeht und ihm den Weg zu sich bahnt. Indem der Text Bilder aus den Evangelien verwendet, wird deutlich, dass dies namentlich in Christus geschieht: „der uns sucht" verweist auf Lk 19,10 („Der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist"), die Metapher der Tür auf Joh 10,9 („Ich bin die Tür"). Obwohl in Jesus Christus „die Tür schon aufgetan" ist, verbleibt Gott in der Stille, unergründlich und letztlich verborgen hinter den ambivalenten Erfahrungen menschlichen Lebens. Angesichts dieser Situation wird am Ende der zweiten Strophe bereits eine erste Bitte formuliert: „sprich uns an". Nur das Wort Gottes vermag die Ungewissheit der Welt zu klären. So wendet sich Strophe 3 mit dem aus den Psalmen vertrauten Bild vom Schatten seiner Flügel (Ps 17,8 - der klassische Versikel der Komplet) an Gott als die behütende Liebe, die auch aus der ultimativen Nacht des Todes „zum Leben weckt".

Erst durch den bergenden Schutz Gottes kann die Nacht zur heilsamen Ruhe werden. Diese wird auch durch die bewusst einfach gehaltene Musik in ihrer melodischen Schlichtheit und harmonischen Stabilität (alle Zeilen beginnen im tonalen Feld des F-Dur-Dreiklangs) verkörpert. In Strophe 4 wird Gott das menschliche Herz in all seiner Beunruhigung durch Hast und Sorgen hingehalten. Unverkennbar greift der Text das berühmte Zitat aus dem ersten Buch der „Bekenntnisse" des heiligen Augustinus auf: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir." Dieser Bezug wird verwoben mit einer Anspielung auf 1 Kor 13,12: „Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht." Unter den Bedingungen diesseitiger Existenz wird der Mensch sich auf die von Gott her geschenkte Ruhe und Gewissheit nie ganz einlassen können. Die solcherart eröffnete eschatologische Perspektive klingt auch in Strophe 5 weiter durch, wenn Gott angerufen wird, als Morgen über den Menschen aufzugehen: Unweigerlich denkt man an den wiederkehrenden Christus als den „Morgenstern" (Offb 22,16). Doch wer das Lied singt, vertraut darauf, dass bereits das konkrete Licht der aufgehenden Sonne am nächsten Morgen eine Ahnung davon vermitteln wird, wie Gott „uns zum Leben weckt" (Str. 3) und sich uns mit seinem Segen zuwendet.

Alexander Zerfaß