"Erziehungsarbeit ist Beziehungsarbeit"

Ein Interview mit Peter Eckrich, geschäftsführender Heimleiter des Theresien Kinder- und Jugendhilfezentrums

Peter Eckrich ist Dipl. Pädagoge, Dipl. Sozialpädagoge und systemischer Familienberater. Er ist der pädagogische Leiter der Einrichtung. Daneben hat er diverse Lehraufträge an Fachhochschulen und bildet Mitarbeiter des Bistums aus und weiter.

Frage: Hr. Eckrich, sie sind der pädagogische Leiter des Theresien Kinder- und Jugendhilfezentrums in Offenbach mit mehr als 250 Mitarbeitern und betreuen etwa 600 Kinder und Jugendliche. Welche Aufgaben erfüllen Sie und Ihre Mitarbeiter in unserer Gesellschaft?

Das TKJHZ ist eine Jugendhilfeeinrichtung, deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Erziehungsarbeit als Beziehungsarbeit verstehen und leben. Es wird von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erwartet, dass sie gegenüber den uns anvertrauten Kindern und Jugendlichen, aber auch gegenüber deren Familien, eine wertschätzende und annehmende Haltung zeigen, die impliziert verstehen zu wollen, warum die Familie im Miteinander in eine „Schieflage“ gekommen ist. So gesehen wird der Fokus der pädagogischen Betrachtung nicht auf das verhaltensbesondere Kind oder Jugendlichen gelegt, sondern auf die gesamte Familie und deren Problemlage. Es steht dahinter ein ganzheitliches Verständnis für das dysfunktionale Familiensystem, das letztlich die Schwierigkeiten des Kindes / Jugendlichen in seinem jeweiligen sozialen Umfeld bedingt hat.

Frage: Was zeichnet das Theresien Kinder- und Jugendhilfezentrum aus? Was unterscheidet diese Einrichtung von anderen?

Das TKJHZ zeichnet sich durch eine große Vielfalt von Jugendhilfeangeboten aus. Es steht dabei der Gedanke dahinter, dass
für das in der Einrichtung angefragte Kind ein pädagogisches Setting gefunden werden sollte, was den spezifischen Verhaltensbesonderheiten des Kindes gerecht werden kann und was nach Möglichkeit eine optimale Förderung in Aussicht stellt. Hierbei kommt der Einrichtung zu Gute, dass wir mit der Oswald-von-Nell-Breuning-Schule, Schule für Kinder und Jugendliche mit sozial-emotionalem Förderbedarf, eine Förderschule vorhalten können, die ihrerseits ein schulisch ausdifferenziertes Angebot vorhält und neben internen Hauptschulabschlüssen auch noch die uns anvertrauten Schülerinnen und Schüler zu externen Realschulabschlüssen und zum Abitur führen kann.

Ein besonderer Arbeitsschwerpunkt der Schule ist die Arbeit mit „Underachievern“, Asperger-Autisten, die über eine überdurchschnittlich hohe Begabung / Hochbegabung verfügen, ihre intellektuellen Fähigkeiten aber schulisch in dem Regelschulsystem gescheitert waren und in der Oswald-von-Nell-Breuning-Schule, Abteilung 2, die Möglichkeit bekommen, wieder Zugänge zum Lernen und Leisten in einem besonderen schulischen Kontext zu bekommen.

Ziel der Arbeit ist immer die Aufhebung des sonderpädagogischen Förderbedarfs oder aber die Ermöglichung eines qualifizierten Schulabschlusses.

Frage: Welche Ziele verfolgt Ihre Einrichtung in Bezug auf die Kinder und Jugendlichen?

Das Kinder- und Jugendhilfegesetz beinhaltet immer die Reintegration in die Herkunftsfamilie. Jede gelungene Reintegration ist ein Highlight in der Jugendhilfearbeit. Dieses Ziel des pädagogischen Arbeitens ist nie aus dem Auge zu verlieren, wohl wissend darum, dass eine Reintegration in Familiensystemen mit chronischen Strukturkrisen oftmals solche Zielsetzungen schwer möglich machen.

Jede gelingende Verselbständigung von Jugendlichen mit Integration in die Arbeitswelt zeichnet auch produktive Jugendhilfearbeit aus. Dies wird nicht in allen Fällen gelingen können.

Frage: Welche Kriterien müssen Familien bzw. deren Kinder und Jugendliche erfüllen, um in Ihrer Einrichtung aufgenommen zu werden?

Im Rahmen der Aufnahmeanfrage von Jugendämtern wird in einem ausführlichen Explorationsgespräch eine Familienlandkarte erstellt. Diese Form der Genogrammarbeit hat zum Ziel, neben den relevanten Familiendaten und der Familiengeschichte auch die Bindungs- und Beziehungsstruktur innerhalb des Familiensystems festzuhalten. Dazu ist es in der Regel notwendig, dass gesamte Herkunftsfamiliensystem kennen zu lernen, um ein Gespür für die innerfamiliäre Dynamik zu bekommen, die letztlich mit zum Verständnis für die Verhaltensbesonderheiten des Kindes beitragen kann. Daneben werden die psychiatrischen Gutachten – soweit vorhanden – ebenso berücksichtigt wie Beschlüsse von Maßnahmekonferenzen der anfragenden Jugendämter oder auch Schulberichte. Ziel ist es jedoch, den Fokus vom verhaltensbesonderen Kind auf die innerfamiliären Schwierigkeiten umzulenken.