Warte nicht auf den perfekten Moment. Gott tut es auch nicht.

„Gott selber wird kommen, er zögert nicht“

Adventskranz Maria Immaculata, 4. Advent (c) Tobias Kleinort
Datum:
So. 21. Dez. 2025
Von:
Stephanie Rieth, Bevollmächtigte des Generalvikars

Predigt der Bevollmächtigten zum 4. Advent: "Der vierte Advent ist ein besonderer Moment. Es ist, als würde die Zeit noch einmal kurz den Atem anhalten. Vier Kerzen brennen – mehr geht nicht. Mehr Licht passt nicht auf diesen Kranz, in diese Wochen des Wartens. Und doch fehlt noch etwas. Weihnachten ist noch nicht da. Wir stehen an der Schwelle, zwischen Erwartung und Erfüllung, zwischen Verheißung und Wirklichkeit."

 

Liebe Schwestern und Brüder,

der vierte Advent ist ein besonderer Moment. Es ist, als würde die Zeit noch einmal kurz den Atem anhalten. Vier Kerzen brennen – mehr geht nicht. Mehr Licht passt nicht auf diesen Kranz, in diese Wochen des Wartens. Und doch fehlt noch etwas. Weihnachten ist noch nicht da. Wir stehen an der Schwelle, zwischen Erwartung und Erfüllung, zwischen Verheißung und Wirklichkeit.

 

Das Adventslied, das uns durch diese Wochen begleitet, fasst es heute in einen starken Satz: „Gott selber wird kommen, er zögert nicht.“

Er ist in die Zukunft gesprochen der Satz. Aber er ist kein frommer Wunsch. Das ist eine Zusage. Eine Zusage, die älter ist als Weihnachten selbst – und genau davon sprechen die beiden biblischen Texte dieses Sonntags, die wir gleich in der Eucharistiefeier hören werden.

Die Lesung aus dem Buch Jesaja führt uns weit zurück, in eine Zeit politischer Unsicherheit und existenzieller Angst. Man kann die Zeit, in die hinein, Jesaja seine Worte spricht, recht gut datieren. Ahas ist König von Juda, er ist aus dem Hause Davids, regierte von 735 bis zu seinem Tod 715 v.Chr. - also etwa 300 Jahre später als König David. Israel als Vereintes Königreich aller Stämme, wie es unter König David bzw. seinem Sohn König Salomo existierte, ist schon längst wieder auseinander gebrochen in ein Nordreich Israel und in ein Südreich Juda. Die Situation ist angespannt. König Ahas steht unter massivem Druck. Feindliche Mächte bedrohen sein Land. Die Zukunft ist ungewiss. Die Angst ist real.
Und Ahas - er ist ängstlich, zögerlich, unsicher, wem er vertrauen soll, mit wem er sich verbünden soll. Aber gleichzeitig ist er auch von sich selbst überzeugt und beratungsresistent. Er schielt lieber nach neuen Verbündeten, von denen er sich Unterstützung und Sicherheit, Macht und Stärke verspricht.

In diese Situation hinein spricht Gott – nicht mit militärischer Strategie, nicht mit einem Rettungsplan, sondern mit einer Einladung:
„Erbitte dir ein Zeichen vom Herrn, deinem Gott.“ sagt er zu Ahas.
Ein Zeichen. Etwas, woran man sich festhalten kann. Etwas, das Hoffnung gibt. Etwas, das in dieser Situation Sicherheit schafft. Doch Ahas lehnt ab. Frömmelnd fast: „Ich werde um nichts bitten und den Herrn nicht versuchen.“, sagt er.

Was fromm klingt, ist aber in Wahrheit Misstrauen und Selbstüberschätzung. Ahas will sich nicht festlegen. Er will Gott nicht wirklich hineinlassen in seine Entscheidungen. Vielleicht hat er schon andere Bündnisse im Blick. Vielleicht will er lieber selbst die Kontrolle behalten.

Und dann geschieht etwas Entscheidendes:
Gott wartet nicht auf die Zustimmung des Königs, weil der nicht wirklich verstanden hat.
Jesaja sagt: „Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben.“ D.h. Gott selbst wird handeln. „Siehe, die Jungfrau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel geben: Gott mit uns.“
Das ist der Kern. Gott mit uns. Nicht Gott über uns. Nicht Gott fern von uns. Sondern Gott mitten hinein in Angst, Bedrohung, Unsicherheit.
„Gott selber wird kommen, er zögert nicht.“

Und dann? Was passiert dann? Erst einmal nichts dergleichen. König Ahas traut nur sich selbst und seinen eigenen Vorstellungen. Er verbündet sich mit dem König von Assyrien, der nicht nur das Nordreich Israel erobert sondern auch das Südreich mit Tributzahlungen in seine Abhängigkeit bringt. Keine Rettung, kein Friede, keine Hoffnung.

„Gott selber wird kommen, er zögert nicht.“ Zögert er vielleicht doch?
Ich glaube eher, dass es so ist, dass Gott nicht über den Menschen hinweg handelt. Gott handelt nicht gegen Ahas. Ahas versteht nicht. Ahas ist nicht bereit für das Zeichen. Er vertraut lieber sich selbst als Gott. Also ist die Zeit für dieses Zeichen noch nicht reif.

Viele Jahrhunderte später greift das Matthäusevangelium genau diese Verheißung an König Ahas auf. Wir hören heute davon.
Doch auch jetzt gilt: Der Weg zur Erfüllung der Verheißung ist alles andere als geradlinig. Es ist - so würden wir es heute sagen: kompliziert.

Maria ist schwanger. Und Josef weiß: Er ist nicht der Vater. Wir hören diesen Text oft sehr routiniert, vielleicht manchmal romantisch verklärt, denn es ist ja schließlich die Einleitung für das, was wir dann an Weihnachten feiern. Aber für Josef ist das kein besinnlicher Moment. Es ist ein Schock. Eine Krise. Eine Situation, die sein ganzes Leben infrage stellt. Josef steht vor einer Entscheidung: Soll er Maria öffentlich anklagen, wie es in dieser Zeit normal gewesen wäre oder sich still zurückziehen? Was ist jetzt richtig: Recht oder Barmherzigkeit? Ordnung oder Liebe?

Der Evangelist Matthäus nennt Josef „gerecht“. Aber seine Gerechtigkeit zeigt sich nicht in Härte, sondern in Zurückhaltung. Er will Maria eben nicht bloßstellen. Er sucht einen stillen Weg. Aber auch hier mischt Gott sich ein. Er schickt einen Engel zu Josef, der im Traum zu ihm spricht: „Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen.“

Fürchte dich nicht. Dieser Satz, der an Heiligabend im Zentrum stehen wird, taucht hier schon auf – leise, fast verborgen, aber unüberhörbar.
Und dann folgt die entscheidende Deutung: „Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat.“ Aber dieses Mal trifft die Verheißung auf Menschen die hören und sich darauf einlassen, die Gott mehr vertrauen als den eigenen Plänen. Die Verheißung wird Wirklichkeit - weil Maria ja gesagt hat und weil Josef zu ihr steht. Der Immanuel, der Gott mit uns bekommt ein Gesicht, wird Mensch. Die Verheißung bekommt einen Namen: Jesus.

Was beide Texte verbindet ist die Art und Weise, wie Gott handelt. Gott kommt nicht in ideale Umstände hinein. Nicht in politische Stabilität, nicht in moralische Eindeutigkeit, nicht in perfekte Harmonie. Er kommt in die Situation von Angst und Zweifel, wo alles unklar ist und unfertig. Ahas zweifelt. Josef ringt. Maria fragt an anderer Stelle: „Wie soll das geschehen?“

Und doch gilt die Zusage: Gott selber wird kommen, er zögert nicht. Aber er übergeht die Menschen nicht. Er wirbt um ihr Vertrauen, will den Mensch als Mitgestalterin und Mitgestalter seines Heilsplans. Das ist eine befreiende aber zugleich auch immer noch herausfordernde Botschaft – gerade heute. Denn vielleicht kennen Sie auch dieses Gefühl so kurz vor Weihnachten: Ich bin noch nicht bereit, noch nicht vorbereitet genug. Es ist noch nicht sauber und aufgeräumt genug. Wir verschieben den Moment, in dem Gott wirklich kommen darf: Erst wenn die Probleme gelöst sind. Erst wenn wieder Ordnung im Leben ist. Wie würde das denn aussehen, wenn Gott käme, einfach so, in unsere unaufgeräumte, unperfekte Welt?

Der vierte Advent sagt uns: Warte nicht auf den perfekten Moment. Gott tut es auch nicht. Lass dich auf Gott ein, vertraue ihm.

Der Name, den Jesaja ankündigt und Matthäus aufgreift, ist kein frommer Titel. Er ist Programm: Immanuel – Gott mit uns. Nicht Gott prüfend über uns. Nicht Gott fern von uns. Nicht Gott gegen uns. Sondern: Gott mit uns in unseren Beziehungen, in unseren Sorgen, in unserer Welt mit all ihren Brüchen durch Kriege, Terror, Hunger, Ungerechtigkeit, und Umweltkatastrophen. Wie sehr brauchen wir diesen Gott mit uns heute!

Das Kind, dessen Geburt wir feiern, wird später sagen: „Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ Das ist der letzte Satz des Matthäusevangeliums und es ist eine theologische Klammer: Die Zusage Gott mit uns ist in Jesus Wirklichkeit geworden und gilt über seinen irdischen Weg hinaus.

Wenn wir heute die vierte Kerze entzünden, ist sie mehr als ein weiterer Lichtpunkt. Sie lädt uns ein, der Zusage Gottes zu vertrauen – dem „Fürchte dich nicht!“, das Gott zu Josef sagt. Der vierte Advent bereitet uns darauf vor. Denn wer glaubt, dass Gott wirklich kommt, der muss sich nicht fürchten. Nicht vor der Zukunft, nicht vor der Dunkelheit, nicht vor dem, was unfertig bleibt.

Gott selber wird kommen, er zögert nicht!