„Christus vivit“ – Christus lebt!

Predigt von Bischof Peter Kohlgraf beim Pontifikalamt am Hochfest Auferstehung des Herrn Dom zu Mainz, Ostersonntag, 21. April 2019, 10.00 UhrPredigt von Bischof Peter Kohlgraf beim Pontifikalamt am Hochfest Auferstehung des Herrn Dom zu Mainz, Ostersonntag, 21. April 2019

firmlingstag-2019-04-13-054 (c) Andreas Baaden/Berufungspastoral & BJA Mainz
Datum:
So. 21. Apr. 2019
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

„Christus lebt. Er ist unsere Hoffnung, und er ist die schönste Jugend dieser Welt. Alles, was er berührt, verjüngt sich, wird neu, füllt sich mit Leben. Die ersten Worte, die ich also an jeden Einzelnen von euch (jungen Christen) richten möchte, lauten: Er lebt und er will, dass du lebendig bist! Er ist in dir, er ist bei dir und verlässt dich nie. So sehr du dich auch entfernen magst, der Auferstandene ist an deiner Seite; er ruft dich und wartet auf dich, um neu zu beginnen. Wenn du dich aus Traurigkeit oder Groll, Furcht, Zweifel oder Versagen alt fühlst, wird er da sein, um dir Kraft und Hoffnung zurückzugeben.“

"Ich bin unendlich dankbar, dass ich Jesus, den Auferstandenen, kennenlernen durfte."

Liebe Schwestern, liebe Brüder! Mit diesem starken Glaubens- und Hoffnungsbekenntnis beginnt das nachsynodale Schreiben zur Jugendsynode von Papst Franziskus vom 25. März 2019. „Christus vivit“ – Christus lebt! Diese Erfahrung der ersten Jüngerinnen und Jünger Jesu führt uns auch heute hier zusammen. Vor wenigen Tagen haben wir mit beinahe 1000 Jugendlichen und ihren Begleitern einen Tag der Vorbereitung auf das Sakrament der Firmung gefeiert. Vorher gab es persönliche Gespräche mit den Jugendlichen und den Firmspendern. Auch ich konnte mit Jugendlichen persönlich sprechen. Sie haben Fragen formuliert. Und es waren tiefgreifende Fragen dabei. Was bedeutet Ihnen Jesus Christus? – haben sie mich gefragt. Da wird es persönlich. Ja, was bedeutet mir Jesus? Und tatsächlich finde ich mich in den Worten von Papst Franziskus wieder. Ich verlasse mich darauf, dass er lebt, dass er an meiner Seite ist, dass er mit mir geht. Dass ich neue Hoffnung bekomme, wenn ich mich alt und mutlos fühle. Ich habe dies in meiner Biographie manchmal erfahren. Er ist mir Freund, Weggefährte, Vorbild, Weg, Wahrheit und Leben. Ohne ihn könnte ich mir ein Leben nicht vorstellen. Ich bin meinen Eltern und den Wegbegleitern in den Glauben unendlich dankbar, dass ich Jesus, den Auferstandenen, kennenlernen durfte. Er hat mich durch viele lichtvolle Zeiten begleitet, aber er verlässt mich auch auf den dunklen Wegstrecken nicht. In den vergangenen Jahren habe ich immer wieder an den Gräbern lieber Menschen gestanden und bei aller Trauer konnte ich sicher sein, diese Menschen sind in guten Händen. Meine Hoffnung, so formuliert es der Hebräerbrief (6,19) ist wie ein „sicherer und fester Anker der Seele, der hineinreicht in das Innere hinter dem Vorhang“. Diesen Anker werfe ich immer wieder aus. Und er schenkt nicht nur Hoffnung jenseits der Schwelle des Todes. Er geht auch jetzt mit. Im Gebet, in den Sakramenten, in der Gemeinschaft der Glaubenden, im Wort ist er da, persönlich, lebendig, Leben schenkend. In seiner Nachfolge lebe ich. Seinetwegen verzichte ich als Priester auf eine Familie, auf eine enge Form menschlicher Zuwendung. Das ergibt nur einen Sinn, wenn er lebt, wenn er mitgeht, wenn er mein Freund ist, wenn seine Liebe meine Motivation ist. Der Religionspädagoge Albert Biesinger hat ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Kinder nicht um Gott betrügen.“[1] Er beginnt sein Buch mit einem persönlichen Brief einer jungen Frau, die sterben wird, an ihre Mutter. Bei allem Dank an die Mutter für die Hingabe und Liebe formuliert sie eine große Not: „Ich fühle jetzt, dass da noch etwas ist, etwas Geheimnisvolles, eine Macht, der wir in die Hände fallen, der wir antworten müssen auf alle Fragen. Und das ist meine Qual, dass ich nicht weiß, wer das ist. Wenn ich ihn kennen würde! Mutter, weißt du noch, wie du mit uns Kindern durch den Wald gingst bei einbrechender Dunkelheit, dem Vater entgegen, der von der Arbeit kam? Wir liefen dir manchmal davon und sahen uns plötzlich allein. Schritte kamen durch die Finsternis (…). Welche Freude, wenn wir den Schritt erkannten als den Deinen, den der Mutter, die uns liebte. Und nun höre ich in der Einsamkeit Schritte, die ich nicht kenne. (…). Du hast für mich gesorgt, du wurdest nicht müde über allem Sorgen. (…). Warum hast du uns von so vielem gesagt und nicht – von Jesus Christus? Warum hast du uns nicht bekannt gemacht mit dem Klang seines Schrittes, dass ich merken könnte, ob er zu mir kommt in dieser letzten Nacht (…)?“ (ebd. S. 8).

Ich habe ihn kennengelernt, und dafür bin ich unendlich dankbar. Meine große Sorge als Bischof ist die, dass zunehmend Menschen mit uns leben, die ihn nicht mehr kennen, die ihn aber scheinbar auch nicht mehr vermissen, die davon ausgehen, dass am Ende Schluss ist, und keine Schritte, kein Licht, keine Hoffnung, keine Ewigkeit. Ich halte dies für eine katastrophale Verarmung des Menschseins. Es wäre so wunderbar, wenn diese Menschen in der Gemeinschaft der Kirche die Erfahrung hätten machen dürfen, wie großartig und belebend dieser Glaube sein kann: Er lebt und er will, dass du lebendig bist! Ich danke allen, die ihre Kinder nicht um Gott betrügen, um diese große Hoffnung, um diesen Freund und Wegbegleiter! Ich ermutige die Eltern, Kinder mit Gott in Berührung zu bringen. Der Glaube an diesen Freund und Wegbegleiter Jesus zeigt mir die Würde jedes Menschen, dessen Bruder er geworden ist. Wir laufen zunehmend Gefahr, den Menschen auf Perfektion und Nützlichkeit zu trimmen. Leben im Sinne Jesu ist etwas anderes: es ist das Vertrauen auf eine Liebe, die vor jeder Leistung, vor jeder Perfektion steht, und die ewige Treue bedeutet.

Die Kirche ist die Gemeinschaft derer, die ihren Anker hoffnungsvoll hinter den Vorhang ausgeworfen haben. Sie ist die Gemeinschaft derer, die wissen und hoffen, wessen Schritte im Dunkel auf sie zukommen. Es tut mir oft so weh, wenn Menschen ihre Verachtung, ja, auch ihren Hass über die Kirche ausschütten. Es stimmt, Menschen haben in der Kirche vielfaches Leid angerichtet. Aber die Kirche bleibt die Gemeinschaft der Menschen, die aus der Hoffnung auf Leben über den Tod hinaus diese Welt mitgestalten. Kirche ist der Ort der Gegenwart Christi. Vor einigen Wochen hatte ich einen Gottesdienst in einer Gemeinde, und die Predigt bezog sich auf eine Aussage des Apostels Paulus: „Ist Christus (…) nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer, leer auch euer Glaube.“ (1 Kor 15,14). Etwas überspitzt vielleicht hatte ich gesagt: „Wenn Jesus nicht lebt, können wir die Kirche dicht machen.“ Im Anschluss protestierte ein Mann. Die Kirche mache so viel Gutes, das könne im Grunde auch ohne den Auferstandenen geschehen. Ich glaube das nicht. Papst Franziskus hat immer wieder gesagt, die Kirche sei keine „NGO“, also keine nur gemeinnützliche und sozial aktive Gesellschaft. Damit würde sie austauschbar. Manchmal reduzieren wir uns wohl selbst darauf, wenn wir unsere Nützlichkeit und gesellschaftliche Relevanz hervorheben. Ja, wir tun viel Nützliches, Menschen engagieren sich im Geiste Christi für andere, und leisten damit Unverzichtbares. Aber ohne den Auferstandenen geht es nicht. Mit dem Auferstandenen haben wir einen Grund, der uns leitet, der uns motiviert. Und noch mehr: wir sehen den Menschen, dem wir helfen wollen, anders als eine NGO. Wir sehen in jedem Menschen das Ebenbild Gottes, zur Ewigkeit gerufen, unzerstörbar, ewig, einmalig, eingeschrieben in Gottes Hand. Wir geben ihm Brot, aber wir sprechen ihm auch den Glanz ewigen Lebens zu. Das macht christliche soziale Arbeit so besonders, so unverzichtbar, so menschenfreundlich.

Viele Osterevangelien sind Geschichten vom Suchen und Finden. Jesus zeigt sich, die Zeugen erkennen ihn nicht, sie suchen ihn, und er entzieht sich. Das sind sehr realistische Texte. Der Glaube bleibt bei aller Hoffnung ein lebenslanges Tasten und Ringen, ein Suchen und Gefundenwerden von Ihm, dem Freund und Weggefährten. Mit Ihm bin ich nie am Ende. Er ist da, er lebt. Und er sucht auch noch nach jedem Menschen, der sich entfernt. So schreibt es der Papst. Gott gibt die Welt und die Menschen nicht auf. „So sehr du dich entfernen magst, er bleibt an deiner Seite.“ Gerne würde ich das den Menschen sagen, die sich aus unterschiedlichen Gründen von der Kirche entfernen. Du bleibst geliebt, wir alle.

„Christus lebt. Er ist unsere Hoffnung, und er ist die schönste Jugend dieser Welt. Alles, was er berührt, verjüngt sich, wird neu, füllt sich mit Leben.“ (Papst Franziskus). Möge dieses Osterfest eine solche Erfahrung neuen Lebens sein. Für jeden und jede einzelne, für die Kirche, für unsere Welt.

 

 

[1] Albert Biesinger, Kinder nicht um Gott betrügen, Freiburg/Basel/Wien 142005.