Der Dom ist ein starkes Identifikationszeichen für die Menschen im Bistum und in der Stadt

Ansprache von Bischof Peter Kohlgraf zur Emeritierung des bisherigen und Einführung des neuen Domdekans in der Vesper am Hochfest Allerheiligen im Mainzer Dom am 1. November.

Dom Mainz (c) Bistum Mainz | AnSchermuly
Dom Mainz
Datum:
Mo. 1. Nov. 2021
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

„Im Dom un uff de Gass“ – ist der Titel eines Buches des zu verabschiedenden Domdekans Heinz Heckwolf, das vor wenigen Tagen erschienen ist. Darin sind Texte und Predigten von Heinz Heckwolf zur Mainzer Fastnacht zusammengestellt. Es sind Texte mit Hintergründigkeit und Fundament, humorvoll, ohne Klamauk. Damit ist schon etwas Wesentliches über Prälat Heinz Heckwolf gesagt, über seine Lebensfreude, seinen Humor, immer mit Tiefgang, niemals oberflächlich, laut oder aufdringlich. 

Persönlich kenne ich ihn seit meinen ersten Monaten als Professor in Mainz. Ich erlebte ihn als Seelsorgeamtsleiter, der mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vorausschauend pastorale Überlegungen vorantrieb, die dem neuen Bischof helfen sollten, gut in sein neues Amt zu finden. Kurioserweise war ich ab einem Punkt mit eingebunden, noch nicht ahnend, was kommen wird. Er hat in seinen Jahren als Domdekan Großereignisse begleitet, neben vielen großen Gottesdiensten, etwa den Besuch der amerikanischen Präsidentengattin, das Mainzer Domjubiläum im Jahr 2009, meine Bischofsweihe und nicht zuletzt die Beerdigung von Kardinal Karl Lehmann, um nur wenige Beispiele zu nennen. Das letzte von ihm begleitete größere Projekt ist der Bau der neuen Orgel hier im Dom. Dieses Jahrhundertwerk wird mit seinem Namen verbunden bleiben. Und natürlich ist eine der wichtigsten Aufgaben des Domdekans die Leitung des Domkapitels. Im Kapitel erfreut er sich hoher Wertschätzung und Akzeptanz. Ich verdanke ihm seit meiner Wahl viel Unterstützung und immer schnelle unkomplizierte Hilfe in unterschiedlichen Fragen. Dafür bin ich Heinz Heckwolf auch persönlich sehr dankbar. 

Wir kennen ihn als ausgezeichneten und beliebten Prediger, als verlässlichen Zelebranten im Dom, als jemanden mit einem ausgeprägten Sinn für Musik und Kunst und die Brücken, die sie zu bauen vermögen; Sein Interesse an der Bauforschung des Doms ist ausgeprägt, da ist in den vergangenen Jahren viel Herausragendes veröffentlicht worden. Er kennt wohl jedes Detail des Doms wie kaum ein anderer, seine Domführungen waren und sind sehr geschätzt und spannend. Und wir kennen ihn als regelmäßigen Marktbesucher, als ein vertrautes Gesicht in der Stadt. 

Tatsächlich war das wohl unsere intensivste Begegnung, als er mir das Wahlergebnis der Bischofswahl aus dem Domkapitel mitteilte. Als ich am 4. April 2017 in meinem Büro in der Katholischen Hochschule saß, und Domdekan Heinz Heckwolf telefonisch einen dringenden Gesprächswunsch mitteilte, begann ich zu ahnen, dass er eine „interessante“ Botschaft bringen könnte. In den nachfolgenden Monaten und in den Jahren als Bischof hat er mich sehr unterstützt. 

„Im Dom un uff de Gass“ – es gäbe viele konkrete Beispiele zu nennen, die zeigen, wie sehr dieses Motto zu Heinz Heckwolf passt.  Aber im Vorfeld dieses Tages der Verabschiedung war Heinz Heckwolfs Botschaft ganz klar: Es solle um Gottes Wort gehen und nicht um seine Heiligsprechung. Gehen wir also auf die Ebene der Glaubensverkündigung. 

„Im Dom un uff de Gass“ könnte man etwas theologischer formulieren: Die Kirche braucht Sammlung und Sendung. Der Dom als Bischofskirche steht auch für die Sammlung des Gottesvolkes um den Bischof als Symbol der Einheit im Glauben. Der Dom ist verlässlicher Ort des Gebets und der feierlichen Liturgie als Ausdruck des Glaubens und des kirchlichen Lebens. Beichtangebote und eine großartige Dommusik sind Bestandteile des geistlichen Lebens, die ins ganze Bistum ausstrahlen müssen. Musik, auch die neue Orgel, sind kein Luxus, sondern drücken aus, dass der Mensch mehr ist als eine funktionierende Maschine. Das Domkapitel soll das Gebetsleben am Dom prägen und verlässlich gestalten, besonders durch die Feier der Stundenliturgie. Die Coronakrise hat hier Bischof, Domdekan sowie das Kapitel vor große Herausforderungen gestellt. Es ist mir ein dringendes Anliegen, dass wir nach den Monaten, in denen das gemeinschaftliche Gebet kaum möglich war, hier wieder zu einer Verlässlichkeit zurückfinden. Gottesdienst, die Sakramente, vor allem die Eucharistie stärken uns Gläubige und stiften Einheit, die wir so dringend brauchen. 

Der Dom in Mainz – so erlebe ich es – ist ein starkes Identifikationszeichen für die Menschen im Bistum und in der Stadt. Die Bürgerinnen und Bürger, auch die Andersglaubenden, schätzen den Dom sehr hoch. Er ist Verkündigung ohne Worte, denn er verweist auf die Gegenwart des je größeren Gottes in unserer Stadt und in unserem Bistum. Mainz ohne Dom mag ich mir nicht vorstellen. Der Dom ist auch Zeugnis einer lebendigen Glaubenstradition, einer Geschichte mit Höhen und Tiefen. Tradition ist etwas sehr Lebendiges und Dynamisches, das wird mir immer wieder gerade hier an diesem Ort bewusst. Da braucht es immer wieder die Sammlung der Gläubigen, die Vergewisserung der eigenen Wurzeln. Es braucht ein Fundament, eine Mitte der Gemeinde des Bistums. Dafür steht der Dom. In Zusammenhang mit dem Pastoralen Weg werden wir große Chancen haben, den Dom als ein geistliches Zentrum der Sammlung, der Liturgie, der Sakramente und der Seelsorge intensiv zu gestalten im Zusammenspiel mit den anderen großartigen Kirchen der Stadt. 

Wenn ich von Sammlung spreche, die lebensnotwendig für das kirchliche Leben ist, warne ich auch vor vielen Formen des Aktionismus, vor der Einbildung, Glauben und Kirche machen zu können und zu müssen. Und ich erlebe zunehmend die Problematik von zu einfachen und schnellen Antworten auf schwierige Fragen. Wir brauchen mehr Stille, Gebet, Innehalten, Hören und Lauschen – eben die Sammlung vor Gott. Auch kirchliche Reformen müssen aus dieser Sammlung kommen, nicht aus schnellen Entschlüssen und hitzigen Abstimmungen. Es ist gefährlich, wenn uns die Fundamente faulen. Um 1920 war es hier am Dom so weit. Die Holzpfähle waren morsch, die Existenz des Doms stand auf dem Spiel. Eine besondere Zementsorte hat ein neues tragfähiges Fundament geschaffen, das bis heute hält. Ohne ein tragfähiges Fundament hat die Kirche keinen Bestand, natürlich ist Christus das Fundament, aber wir müssen Sorge tragen, dass wir die Fundamente nicht faulen lassen. Der Dom steht auch für diese Aufgabe, das Wesentliche kirchlichen Lebens nicht zu vergessen, und das ist Christus selbst. Bei aller Motivation und Dringlichkeit, Wege in die Zukunft zu gehen, braucht es auch die Erneuerung der Fundamente. 

Nur Sammlung der Kirche ist nicht genug. Es braucht die Sendung. Christ ist man nicht für sich. Das Domkapitel hat auch die Aufgabe, den Bischof bei der Präsenz im Bistum zu unterstützen, Menschen zu begegnen und das Evangelium lebendig zu verkünden. Besonders durch die Spendung des Firmsakraments machen die Priester des Kapitels Gott auf gute Art berührbar und erfahrbar. Diese Gottesdienste und Begegnungen im Bistum beleben auch das geistliche Leben am Dom. Nicht nur die Priester müssen Zeugnis geben von der Hoffnung, die sie erfüllt (1 Petr 3,15). Sie müssen aber die glaubenden Menschen motivieren, ihre Gottsuche zu verlebendigen. Vom Dom müssen immer Impulse für die Weitergabe des Glaubens ausgehen, dafür trägt nicht zuletzt der Domdekan, das Kapitel und natürlich zuletzt auch der Bischof Verantwortung. 

Sammlung und Sendung – „Im Dom un uff de Gass“. Dekan Henning Priesel bekommt die Aufgabe, diese Sammlung und Sendung hier mit zu gestalten. Ich bin ihm sehr dankbar, dass er diese Aufgabe angenommen hat, zumal er in Gau Algesheim ein beliebter und geschätzter Pfarrer und Dekan ist. Ich kenne ihn genauso lange wie Prälat Heinz Heckwolf, denn in meiner rheinhessischen Zeit bin ich ihm natürlich begegnet. Die Erfahrungen in der Berufungspastoral und in der Jugendarbeit, natürlich die lange Erfahrung als Pfarrer und Dekan geben ihm eine gute Ausrüstung für die Gestaltung der pastoralen Arbeit hier am Dom. Seine Liebe zur Musik ist ebenfalls eine gute Voraussetzung für die anstehenden Aufgaben. Seine Tätigkeit wird auf dem Pastoralen Weg vielfältig sein: Netze knüpfen mit vielen Akteuren, kirchlich und gesellschaftlich, die Liturgie, pastorales Profil herausarbeiten, den Dom als geistlichen Ort gestalten, der Kontakt mit der Öffentlichkeit, die Förderung der Kirchenmusik, und die Liebe zum Dom erhalten. Im schlimmsten Fall muss er eine Bischofswahl durchführen, da ersparen wir uns weitere Prognosen. Die Menschen zusammenzuführen, Herzen und Verstand zu bewegen, Kontakte zu Menschen aller Stände zu pflegen, die Ökumene, der Blick auf andere Religionen, das Gebet im Kapitel und die Leitung dieses Gremiums, schließlich Seelsorge und die Chance, der Kirche ein liebenswürdiges Gesicht zu geben – große Aufgaben stehen an, sicher unter Gottes Segen. 

„Im Dom un uff de Gass“ – Sammlung und Sendung. Einen ganz herzlichen Dank und große Anerkennung an Prälat Heinz Heckwolf, auch sehr persönlich von mir. Wir bleiben selbstverständlich verbunden. Dem neuen Domdekan will ich meine Freude über die gemeinsamen zukünftigen Wege sagen. Der Kirche im Bistum Mainz wünsche ich eine gute Sammlung und den Mut zur Sendung.