Impuls zum Osterfest

Berühre mich nicht! Berühre mich!

Ostern
So 7. Apr 2019
Pfarrer Prof. P. Dr. Cheriyan Menacherry CMI

Selbst kleine Kinder kennen den Unterschied zwischen dem Berühren und dem Greifen. Kinder wollen einem Fremden nicht zu nahe kommen, geschweige denn von ihm berührt werden. Jeder erschrickt, wenn ein Fremder ihn des Nachts im Schlaf berührt. Eine unerwartete Berührung durch Fremde erzeugt Urangst. Warum sonst sollten die Menschen Mauern bauen und die Türen ihrer Häuser mit Schlössern verriegeln. Menschen werden dagegen gerne von Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten berührt. Berührung im positiven Sinn geschieht aus Liebe. Jede liebevolle Berührung ist wechselseitig. Eigentlich ist eine ungewollte Berührung eine böse Berührung, ein Übergriff. Bei einer solchen Berührung verwandeln sich die Hände zu Pfoten. Der auferstandene Jesus sagte zu Maria von Magdala: „Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen.“ (Joh 20,17). Maria war für Jesus keine Fremde; trotzdem wollte der Auferstandene nicht von Maria berührt werden. Maria begann mit Liebe und Ehrfurcht den Auferstandenen zu berühren. Trotzdem sagte Jesus zu Maria: „Halte mich nicht fest“. Bald reagiert der Auferstandene ganz anders: dieses Mal lädt er einen anderen ein, ihn zu berühren. Aus Angst, von Fremden ‚berührt‘, ja ergriffen zu werden, hielten sich die Jünger in einem Zimmer mit verschlossenen Türen auf. (Vgl. Joh 20,26). „Da kam Jesus, trat in ihre Mitte.“ (Joh 20,26). Jesus lädt Thomas ein, ihn zu berühren (Vgl. Joh 20,27). Es ist nicht ganz eindeutig, ob Thomas wirklich Jesus berührte, bevor er seinen Glauben an Jesus verkündete: „Mein Herr und mein Gott!“ (Jn 20,28). Im ‚nicht berühren‘ (im Falle von Maria) und auch im ‚berühren‘ (im Falle Thomas) zeigt der Auferstandene, wie Generationen von Menschen den Auferstandenen wirklich berühren können, nämlich durch eine Berührung mit Glauben: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ (Joh 20,29). Physische Berührung ist begrenzt auf einige Personen, Glaubensberührung dagegen ist unbegrenzt, ist universal und damit zugänglich für alle. Durch Glauben können alle Menschen in die immer liebevoll ausbreitete Hand Gottes fallen und Gott umarmen: Berührung in Reziprozität, in Wechselseitigkeit durch Gott und die Menschen. Der Auferstandene ist befreit von der Grenze gesetzt durch Zeit und Raum. Damit ist der Auferstandene Kyrios, der Retter, Quelle der Freude für alle.  

Liebe Pfarrgemeinde und Freunde, ich wünsche Ihnen allen eine besinnliche Karwoche und ein gesegnetes Osterfest!

Pater Cheriyan