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Instruktion trifft nicht für alle Ortskirchen gleich zu

Bloß keine pastorale Umkehr - Zur neuen Pfarrei-Instruktion der vatikanischen Kleruskongregation

Bischof Reinhold Nann aus Caravelí (Peru) (c) Markus Schenk
Bischof Reinhold Nann aus Caravelí (Peru)
Sa 1. Aug 2020
Bischof Reinhold Nann aus Caravelí (Peru)

In seinem neusten Eintrag in seinem Blog weist Bischof Reinhold Nann aus Caravelí (Peru) auf die weltkirchliche Bedeutung  des Schreibens der Kleruskongregation hin und wirbt um Gelassenheit. 

Bischof Reinhold Nann leitet seit August 2017 die Prälatur von Caravelí im Süden von Peru. Schon unter seinem Vorgänger Bischof Juan Carlos Vera Plasencia MSC unterstütze die Pfarrei St. Nikolaus von der Flüe Büttelborn Projekte in der Prälatur.

Als deutscher Bischof im Ausland bin ich verwundert über die aufgeregte und voreilige Reaktion einiger meiner Kollegen in Deutschland. Als ich noch Student und dann Priester in der Erzdiözese Freiburg war, hatte ich nach vatikanischen Publikationen auch meist nach Asterix-Manier reagiert: “Die spinnen, die Roemer”. Nach 24 Priester- und 3 Bischofs-jahren am “Ende der Welt”, sehe ich die Dinge etwas gelassener: Römische Verlautbarungen sind nicht nur für mich, sondern für ganz unterschiedliche Kirchen in weit über  hundert Bischofskonferenzen geschrieben. Dass man die nicht alle vorher konsultieren kann und dass der gesamte Text nicht für alle gleich zutrifft, liegt eigentlich auf der Hand.

Die Instruktion der Kleruskongregation ist keineswegs nur für Deutschland geschrieben. So wird ausführlich auf die notwendige Mitarbeit der Laien in Pfarrgemeinde- und Stiftungsräten hingewiesen, sowie auf einen transparenteren und weniger kommerziellen Umgang mit Finanzen allgemein sowie Messstipendien im Besonderen. Das ist eine Gewissenserforschung für die Lateinamerikanische Kirche, die Deutsche hat hier ihre Hausaufgaben längst gemacht.

Deutsche Bischöfe fühlen sich wahrscheinlich zu Recht in den Kapiteln 6-8 (von 11) angesprochen, wo auch ausführlich auf die Seelsorgeeinheiten und Großpfarreien eingegangen wird. Dabei scheint es ein Missverständnis zu geben: Es geht der Kleruskongregation nicht um eine weitere Klerikalisierung der Kirche sondern im Gegenteil um eine stärkere Mitbeteiligung der Laien. Da wird nämlich das Phänomen in den Blick genommen, dass Ordinariate gerne am grünen Tisch neue Riesenpfarreien bilden wollen, ohne auf die Gefühle der betroffenen Menschen zu achten (Nr. 36). Mir scheint es durchaus angebracht zu sein, Pfarreien nur im konkreten Einzelfall aufzulösen und nicht die Laien in den Pfarreien mit dem schon beschlossenen Pastoralkonzept vor den Kopf zu stoßen. Letztlich wird man natürlich an einer Zusammenlegung nicht vorbeikommen, aber wenn Rom hier ein stufenweises und schonendes Vorgehen anmahnt, macht sich die römische Behörde geradezu zum Anwalt der Laien in den Gemeinden. Kritisiert werden hier die oft abgehobenen Verwaltungsplaner in den Ordinariaten.

Die durchaus nötigen Strukturveränderungen in der deutschen Pfarreienlandschaft werden durch das Papier zeitaufwändiger in der Durchführung (im Einzelfall und nicht nach Schema F), aber auch kundenfreundlicher. Kichenrechtler werden mehr zu tun haben, dies alles richtig auszudrücken, aber verunmöglicht werden die neuen Strukturen nicht. Die Leitungsgewalt einer Pfarrei hat nach Kirchenrecht immer ein Pfarrer inne, da ist nichts zu machen. Aber wenn die Pfarreien so groß werden wie geplant, dann muss es in dieser Pfarrei Unterstrukturen geben. Im personellen Sinne sind dies Gemeinden, im räumlichen Sinne sind es Pfarrzentren. Beide Einheiten können durchaus von Laien geleitet werden. So ist das hier in Peru. Pfarreien werden immer von Pfarrern geleitet, deswegen habe ich nur 22 in meiner Prälatur. Aber die Vorsteher der Gemeinden in den über 500 Dörfern sind selbstverständlich Laien, Katechisten nennen wir sie. Wegen Priestermangels sind einige Pfarreien auch Ordensschwestern “anvertraut”, ich darf sie halt nur nicht “Pfarrerinnen” nennen. Hier zählt sowieso kaum, was auf dem Papier steht, das Entscheidende ist eher die reale Ausübung.

Für mich ist die vatikanische Instruktion hilfreich. In einem Arbeitspapier habe ich ihre wichtigsten Impulse für uns zusammengefasst und werde sie in den Versammlungen der Pfarrer, Ordensschwestern und Katechisten besprechen. Die “pastorale Bekehrung”, die Papst Franziskus bereits in Evangelii Guadium eingefordert hat, wird nun noch etwas konkreter. Für uns heißt das: Pfarrer müssen in ihrer Verwaltung transparenter werden und Laien konsequenter in Pastoral und Verwaltung einbinden. Mit Sakramentenspendung darf nicht “gehandelt” werden. Wir haben da noch manche Bekehrung vor uns und lassen uns dazu ehrlich von dem Text anregen.

Der Hintergrund des Problems ist für mich folgender: Die Deutsche Kirche und zum Teil auch einige andere europäische Kirchen sind Beamtenkirchen. Sie besteht aus haupt-amtlichen Priestern und Laien und neben-amtlichen Laien. Wer in dieser Kirche etwas will ist ein Bittsteller, der seinen Antrag ans Amt stellen muss, der dann je nach Möglichkeit gewährt wird. Der größte Teil der Weltkirche ist dagegen eine Servicekirche. Sie bietet Sakramente wie Dienstleistungen an. Pfarrer halten hier gerne mehr als 4 Messen am Sonntag, wenn die Messe denn gut bezahlt wird. Das käme einem deutschen Beamtenpfarrer mit festem Gehalt natürlich nie in den Sinn. Ein Pfarrer in Peru nimmt gerne noch eine Pfarrei dazu, weil ihm das mehr Einnahmen bringt. Er gibt dann auch gerne alles an Laien ab, was ihm keine finanziellen Einnahmen bringt. Ich halte beide Extreme für nicht gut. Und ich sehe in der Instruktion in Rom eine gute Anregung, beide Modelle noch einmal zu überdenken. Deutschland ist viel zu sehr im Kirchensteuer und Beamtenmodell verstrickt, um echte Veränderungen zuzulassen.

Nirgendwo auf der Welt gibt es 200.000 “Kirchenaustritte” pro Jahr wie in Deutschland. Das liegt natürlich auch an der Kirchensteuer. Aber es zeigt auch, dass das Kirchenmodell ausgedient hat. Bei solchen Austrittszahlen zu behaupten, die deutsche Kirche sei schon genügend missionarisch ausgerichtet, halte ich für betriebsblinde Schönrednerei. Natürlich gibt es Veränderungsbedarf in Deutschland. Und die Warnung aus Rom trifft auf einen wunden Punkt. Man will nur Verwaltungs-Strukturen verändern, aber die alte Beamtenmentalität unangetastet lassen. Anstatt die neue Instruktion nur abzulehnen, täte es der deutschen Kirche gut, die Herausforderungen darin ernsthaft anzunehmen. Das wäre ein Schritt zur “pastoralen Umkehr”.

 

Caraveli, 29.07.20            Reinhold Nann

 

Quelle: http://reinholdnann.blogspot.com/

 

Siehe auch auf katholisch.de:

Bischof Nann: Instruktion trifft nicht für alle Ortskirchen gleich zu