Schmuckband Kreuzgang

Neue Wege für Umwelt und Kirche

Amazonassynode wird heute eröffnet

Bischof Reinhold Nann aus Caravelí (Peru) (c) Markus Schenk
Bischof Reinhold Nann aus Caravelí (Peru)
So 6. Okt 2019
Bischof Reinhold Nann aus Caravelí (Peru)

Bischof Reinhold Nann aus Caravelí im Süden von Peru nimmt in seinem Blog Stellung zur Amazonassynode, die heute in Rom beginnt.

Reinhold Nann ist seit August 2017 Bischof der Prälatur von Caravelí im Süden von Peru. Zuvor hat er einige Zeit im Amazonasgebiet gearbeitet.  

Seit dem Jahr 2008 werden Projekte in der Prälatur von Caravelí durch die Pfarrei St. Nikolaus von der Flüe Büttelborn unterstützt. Das Gebiet der Prälatur reicht von der Pazifikküste bis auf eine Höhe von über 4.000 m Höhe.

Worum geht es bei der Amazonassynode?

Es ist eine Regionalsynode, an der ca. 120 Bischöfe dieser Region teilnehmen. Sie findet im Oktober 2019 in Rom statt, mit Beteiligung von Papst Franziskus, der vor 2 Jahren schon diese Synode angekündigt hat. Sie wurde seither bestens vorbereitet, mit vielen regionalen Kleinsynoden die das Arbeitsdokument zu dem heutigen Instrumentum Laboris gemacht haben, das die Arbeitsgrundlage der Synode sein wird. Der Untertitel lautet bezeichnenderweise: „Neue Wege für die Kirche am Amazonas“. Der Lateinamerikanische Bischofsrat hat bereits 2005 in Aparecida Amazonien in den Blickpunkt genommen, daneben darf man vor allem die Enzyklika Laudato si als Grundlagendokument ansehen.

Kardinal Pedro Barreto aus Peru, Vizepräsident der Synode, sagt: Es geht bei der Synode darum, die Kirche zu „amazonisieren“ und die Welt zu „laudatosifizieren“.

Die Kirche amazonisieren: Es geht um eine „pastorale Bekehrung“. Die Kirche wird wirklich zur Amazonaskirche, indem sie in einen echten interkulturellen und interreligiösen Dialog mit den Amazonasvölkern eintritt. In diesem Sinne muss man die Suche nach eigenen Formen der Verkündigung, Liturgie und Ämtern in der Kirche verstehen.

Die Welt laudatosifizieren. Es geht um eine ökologische Bekehrung. Der Klimawandel braucht dringend eine überzeugende Antwort. Die indigenen Voelker haben eine ganz eigene Art ihre Umwelt zu verstehen und zu schützen. Wir müssen sie gegen den wilden und seelenlosen Kapitalismus schützen. Mit ihrer animistischen Weltsicht können sie uns helfen, die spirituelle Dimension der Umwelt zurückzugewinnen und damit das gemeinsame Haus besser zu schützen.

Interview zur Amazonassynode

Herr Bischof Nann, die Amazonas-Synode weckt im Vorfeld in vielen Ländern Hoffnungen und Befürchtungen. Wie sehen Sie das?

Ich denke dass es in Europa viele überzogene Erwartungen und Befürchtungen gibt. Die Amazonassynode ist kein allgemeines Konzil. Sie wird die Kirche nur besser für die Realität des Amazonasgebiets aufstellen. Europa müsste für seine Kirchenreform schon eine eigene europäische Synode machen. Sie ist und bleibt eine lokale Synode, allerdings was das Klima und den Umweltschutz betrifft, wird die Synode universal sein. Für mich als Bischof in Peru ist die Synode eine große Hoffnung: Die Kirche wird wirklich zur Ortskirche und kümmert sich ganz konkret und direkt um die Menschen und die Umwelt, mit all ihren Problemen und das mit direktem Rückenwind von Papst Franziskus.

 

Teilen Sie die Skepsis, die mehrere Kardinäle mit Blick auf das Instrumentum laboris geäußert haben? Sehen Sie Korrekturbedarf?

Es ist schon eigenartig, dass diese Kardinäle alle keinerlei Bezug zum Amazonasgebiet haben. Und sie scheinen an spirituellem Alzheimer zu leiden. Das Instrumentum Laboris ist nämlich zum allergrößten Teil die Anwendung der Enzyklika Laudato Si auf ein konkretes Gebiet hin. Und diese Enzyklika ist schließlich auch Teil des obersten kirchlichen Lehramts, wodurch manche dieser Kritiker unter Häresieverdacht zu stellen wären.

 

Trifft das Instrumentum laboris die Probleme der Menschen in Ihrer Region?

Ja. Ich arbeite im Moment in den Anden, also nicht mehr im Amazonasgebiet. Aber die Quelle des Amazonas liegt in den Anden, keine 300km von meinem Bischofssitz entfernt. Und die Kultur der Andenbewohner ist in vielem denen der Amazonasbewohner ähnlich. Auch hier sind die Menschen arm aber sehr mit der Natur verbunden. Auch hier ist diese Natur von Minen bedroht. Auch hier herrscht ein eklatanter Priestermangel.

 

Welche Bedürfnisse und Nöte der Menschen im Amazonas sollte die Kirche sorgfältiger in den Blick nehmen?

Kirche muss präsenter vor Ort werden. Es kann nicht sein, dass ein Dorfbewohner tagelang unterwegs sein muss um einen pastoralen Mitarbeiter der katholischen Kirche zu treffen.

Kirche darf sich nicht nur über die Sakramente definieren. Armut, Exklusion und Umwelt sind die Themen. Geht es um die “kleinen Leute”, so wie bei Jesus?

 

Was hat Ihnen während Ihrer Zeit als Pfarrer einer Amazonasgemeinde amdringendsten gefehlt? Wären mehr viri probati eine Hilfe gewesen?

Meine Pfarrei hatte 37 Dörfer am Putumayofluss umfasst, auf 800km Länge. In nur 3 Dörfern gab es überhaupt Katecheten und das weiteste Dorf war 4 Tagesreisen entfernt. Da kann man nur Feuerwehr machen. Ich hätte zunächst Geld und Personal gebraucht für die Schulung und Neugewinnung von Katecheten. Später hätte ich sie zu Kommunionhelfern und ständigen Diakonen gemacht. In meiner Pfarrei waren die Viri Probati noch nicht dran.  In manchen anderen Gegenden vielleicht schon. Es müssten Leute aus dem Dorf sein, Indigene, die auf ihren Dienst erst vorbereitet werden müssten.

 

Wünschen Sie sich für Ihre Territorialprälatur  eine Verstärkung des Klerus als Lösung?

Ich habe einen jungen Klerus, der aber bei weitem nicht ausreicht. Meine Prälatur ist dünn besiedelt mit überwiegend armen Kleinbauern. Von 22 Pfarreien sind nur 15 besetzt und jede hat zwischen 10-50 Dörfer zu betreuen. Wenn ich mehr Priester hätte, könnten sie von den mageren Einnahmen dieser Dörfer kaum leben. Ich bräuchte also nebenamtliche Priester, die noch einen Zivilberuf haben. Die gibt es aber nur verheiratet, bzw. zusammenlebend. Ich bräuchte also Viri Probati. Will es zunächst einmal als Notlösung mit Katecheten und verheirateten Diakonen probieren. Allerdings gibt es auch da ein Problem: Es gibt nur wenige kirchlich verheiratete Laien.

 

Welche Maßnahmen könnten die Seelsorger im Amazonas entlasten und die Seelsorge in Gemeinden verbessern, in denen sonntags oft keine Eucharistie gefeiert werden kann?

Im Amazonas ist Eucharistie im Unterschied zum Andengebiet nicht wirklich von den Bewohnern gefragt. Ein Wortgottesdienst ist für die meisten genauso eine Messe. Nur wir Theologen meinen, die Eucharistie wäre halt das Wichtigste. Zunächst könnten gut ausgebildete Katecheten sehr gut den Priester ersetzen. Aber diese Katecheten sollten auch eine Art Amt haben, das ihren Dienst in den Augen der Mitbewohner legitimiert.

 

Welche Erfahrungen haben Sie mir der so genannten "indigenen Theologie" gemacht? Welches Gewicht kommt ihr zu?

Das ist eine große Hoffnung für mich. Wer mit Indigenen arbeitet muss eine indigene Theologie vertreten und eine indigene Kirche aufbauen, sonst wird Kirche für die indigenen Voelker immer ein Fremdkörper sein. Inkulturacion  bzw. Interkulturalität ist die entscheidende Herausforderung für die Kirche heute. Bisher wurde die Inkulturation des Evangeliums und damit eine effektive Evangelisierung durch den Verweis auf die “Weltkirche” auch hier in Peru immer verhindert. Daher ist diese Theologie auch in Peru noch nicht mehrheitlich angenommen, aber sie ist im Kommen.

 

Ein deutscher Bischof erwartet sich von der Amazonas-Synode eine Zäsur für die Kirche. So stehe die hierarchische Struktur der Kirche genauso auf dem Prüfstand wie ihre Sexualmoral und das Priesterbild. Auch die Rolle der Frau in der Kirche müsse überdacht werden. Wie denken die Gläubigen in Ihrer Territorialprälatur? Was erwarten sie von der Synode?

Natürlich sind diese Fragen irgendwie mit drin in der Amazonassynode, aber sie treffen nicht den Kern. Die Kirche war am Amazonas bisher schlicht unfähig, ihre hierarchische Struktur präsent zu machen, ganz geschweige  ihre Sexualmoral. Die Leute leben ihre Moral nicht die kirchliche, was vor allem mit der ganz großen Abwesenheit der Kirche in ihrem Leben zu tun hat.  Aber das ist kein großes Thema bei uns. Hier geht es vor allem um Umwelt und Inkulturation. Die Rolle der Frau ist allerdings auch hier in Thema. Es wird über ein neues Amt für Frauen nachgedacht, eine Art “Gynakolytat”, das dem Diakon zumindest gleichgestellt wäre. Wir erwarten eine Kirche, die sich den Armen ganz konkret annähert, sie begleitet und bestärkt und für die Mutter Erde prophetisch eintritt.

Quelle: http://reinholdnann.blogspot.com/