Ent-Äußerung

Ent-Äußerung

Ent-Äußerung (c) Andreas Backert, Pfarrei St. Fidelis
Ent-Äußerung
Datum:
Mo 20. Jul 2020
Von:
Andreas Backert

Ent-äußerung

 

Er war schon wieder sonnig, dieser Sonntag gestern. Und warm. Was haben Sie getan, um dieses warme Geschenk des Himmels zu genießen?

In Fidelis war es nun der dritte Sonntag ohne gemeinsamen Gottesdienst und mich hat in dieser Woche das Wort Ent-äußerung begleitet. Ansich ein theologischer Begriff, um das Geheimnis der Menschwerdung Gottes zu beschreiben, aber darum geht es mir hier nur am Rande. Vielmehr möchte ich den Fokus auf den zweiten Wortteil, äußern, legen, denn einige Menschen aus der Gemeinde haben sich geäußert und dafür sind wir sehr dankbar.

Sich äußern

Sich äußern heißt, die Stimme zu erheben, etwas zu sagen, sich mit dem Gesagten in Position zu bringen und damit sich selbst zu konturieren, sich auszudrücken.

Sich äußern bedeutet, sich selbst nach außen zu bringen, sein eigenes für andere Menschen erreichbar zu machen, sichtbar zu sein.

Sich jemandem gegenüber äußern zeigt auch ein gewisses Maß an Vertrauen, das ich dem anderen entgegenbringe. Wenn der andere mir egal ist, brauche ich mich ihm gegenüber auch nicht zu ent-äußern.

Sich äußern macht also zutiefst greifbar und ja, damit auch angreifbar.

Nicht äußern

Das Gegenteil ist das Nicht-äußern, das Schweigen, das Stillsein - Menschen, die sicht nicht äußern bleiben un(an)greifbar, sie bleiben oft im Ungefähren und man hat das Gefühl nicht zu wissen, woran man ist.

Vielleicht kennen Sie beides auch aus Ihrem Leben, dass sich Menschen Ihnen gegenüber äußern und auch, dass Menschen für Sie ungreifbar bleiben oder geblieben sind. Spüren Sie einmal für sich nach, was Ihnen angenehmer ist.

Auch hier an St. Fidelis dürfen wir als Hauptamtliche beides erleben. Menschen, die sich äußern und Menschen, die ungreifbar bleiben. Ich möchte das bewusst nicht bewerten, denn jeder Mensch hat seine eigenen Erfahrungen machen dürfen und vielleicht auch müssen und wird gut für sich wissen, ob und wo er oder sie zu welcher Ent-äußerung bereit ist.

Ent-äußern

Pastoral stellt sich uns die Frage, wie wir als Kirche den Menschen einen guten, geschützten und wertschätzenden Ort zur Ent-äußerung bereiten können. Jenseits von vorgefassten Forme(l)n aber immer auf dem Boden der frohen Botschaft. Da die Ent-äußerung Gottes, also die Menschwerdung zu den zentralen Hoffnungsinhalten unserer Botschaft gehört, darf dies eines unserer Haupthandlungsfelder sein.

Dazu gehört für mich auch ganz grundlegend die Frage, wo, für wen und für was ent-äußert sich meine Kirche als Institution? Wo stehen wir auf gegen Ungerechtigkeiten, setzten uns ein für Minderheiten? Geben denen Stimme und Gesicht, die dies aus eigenem Antrieb nicht (mehr) können?

Wo stehen wir ein und auf für die frohe Botschaft von der bedingungslosen Liebe Gottes, die allen Menschen zugesprochen ist? Wo werden wir als Kirche laut, deutlich vernehmbar und ent-äußern uns für die Menschen und gegen ausbeuterische und ausgrenzende Strukturen.

Ich finde, sich ent-äußern, sich für andere berührbar zu machen ist etwas zutiefst christliches. Wir dürfen uns mit allen Menschen als Schwestern und Brüder verstehen, als gemeinsame Kinder unseres himmlischen Vaters.

Ich wünsche mir eine Kirche, die sich äußert, die sich positioniert - nicht um der eigenen Themen willen, sondern um der Menschen willen. Die Liebe Christi drängt uns (2 Kor 5,14) schreibt Paulus den Nachfolger*innen Christi ins Stammbuch.

Ich wünsche Ihnen und uns, dass wir einander - als Schwestern und Brüder im Herrn - den Mut zur Äußerung haben, um das was uns bewegt und um der Menschen willen. Vielleicht kann unsere Digitalplattform auch zu einem guten Ort des wertschätzenden Diskurses werden. Herzliche Einladung und vielen Dank für die Bereiche, in denen Sie Ihre Stimme für andere Menschen erheben!