Schmuckband Kreuzgang

Besuch Peter Edinger bei CASA DO MENOR vom 29. Juni bis 17. Juli 2016

Pünktlich landete die Maschine der IBERIA am späten Nachmittag des 29.Juni nach ruhig verlaufenem Flug. Einmal im Gebäude des Flughafens begann ein ungewohnt langer, nicht enden wollender Marsch zu Passkontrolle und zum Gepäckband. Der Grund: im Hinblick auf die Olympiade sind beide Terminals gründlich umgestaltet; alles neu, modern, chic. Dasselbe bei der Heimreise: lange Wege, erst eine Etage tiefer durch eine riesige Shoppingzone, dann wieder hoch ans Tageslicht, dort Cafeterias aber noch fehlte eine Viertelstunde bis zum Gate.

Zurück zur Ankunft: weil ein Koffer nicht mitgekommen war, musste das Empfangskomitee, die 3 deutschen Weltwärts-Freiwilligen und der Fahrer, ewig warten bis sie und ich aufatmen konnten.

Mein 20. oder 21. Besuch in 19 Jahren konnte beginnen. Wie vertraut mir doch nach all den Jahren Flughafen, Fahrt und Weg nach Miguel Couto, der Ort selber und natürlich Casa do Menor (CdM) mit bekannten und neuen Gesichtern geworden ist; ja, zu-Hause-Gefühle also auch bei CdM in Miguel Couto.

Soweit das Persönliche.

Im CdM pulsiert das Leben ungebrochen; keine Spur von Erlahmen trotz 30 Jahren Bestehens. Hier zeigt sich das Wesen Padre Renatos und dessen Gabe oder Fähigkeit, im Umfeld das jeweils Nötige zu erkennen, sich mit CdM darauf einzustellen und es anzupacken. Temperament und Gesundheit erlauben es - noch.

Im Einzelnen:

Casas Lares: 5 (von ursprünglich 10) verbliebenen Häusern im Raum Miguel Couto/Tinguá sind gefragt und meist voll belegt. Zu erinnern ist, dass vom Gesetzgeber ausgehend die Kommunen die Betreuung von Kindern und Jugendlichen auf der Straße oder anders in Not selbst in die Hand sollten, was aber bisher nur unvollständig gelang. Immerhin mussten deshalb 5 Häuser anders genutzt, d.h. vermietet oder umgewidmet werden. Mit weiteren Schließungen sei vorerst nicht zu rechnen. CdM wird von sich aus dieses Feld nicht aufgeben.

Cursos Profissionalizantes / Kurse für berufliche Ausbildung: die Aktivität mit der größten Ausstrahlung auf die Umgebung. Mehr als 50.000 Jugendliche durchliefen seit Bestehen eine Ausbildung in einem gewerblichen oder handwerklichen Beruf und wurden dadurch wertvoll für einen Arbeitgeber; die meisten kamen auch unter. - Heuten bietet Miguel Couto 11 und Rosa dos Ventos 2 Kurse an. Im 2. Halbjahr 2015 waren 398 eingeschrieben, von denen 296 das Abschlussdiplom erhielten; im gleichen Zeitraum diesen Jahres haben sich 300 angemeldet. Der Rückgang wird auf die ab 2016 verlangte Kostenbeteiligung zurückgeführt.

Programm Jovem Aprendiz / Berufsschule für Azubis: Ist erst vor wenigen Jahren entstanden. Es ist dem deutschen Dualen System vergleichbar. Ein Unternehmen bildet fachlich aus, CdM übernimmt den Part Berufsschule. Die Unternehmer bezahlen den Service; bei CdM verbleibt ein Überschuss. 120 Plätze sind belegt, die Kapazitätsgrenze liegt bei 200.

Vila Claudia: Das soziale Engagement ist für CdM mit von Anfang an einträchtiger Unterstützung durch Pfarrer Gärtner ist traditionell ein Schwerpunkt. 704 dort lebende Familien haben kein kommunales Angebot. Die Wasserversorgung wurde Mitte der 90er Jahre mit Geld aus Dieburg eingerichtet. CdM bietet derzeit im eigenen Gebäude 80 Kindern und Jugendlichen von 4 bis 14 Jahren tagsüber Aufenthalt mit Verpflegung, Nachhilfeunterricht, Tanz- und Trommelunterricht, sowie, für ältere, Ausbildung am PC an. - Die Effizienz der eingesetzten Mittel von rund 40.000 Euro/Jahr, um deren Erhalt allerdings von Jahr zu Jahr gerungen werden muss, ist hier besonders hoch.

Die ehemalige Kita Irmã Celina (vor einiger Zeit geschlossen) wird ab 1. August in anderer Form reaktiviert - und zwar ähnlich Vila Claudia für Soziales Engagement in der umliegend lebenden Bevölkerung.

Cracolândia: Stellen im Stadtbereich, an dem Crackabhängige leben, hausen, überleben? Padre Renato besucht solche Orte als Priester regelmäßig und wird dabei von Freiwilligen begleitet. Pe Renato leistet, wenn zugelassen, seelsorgerlichen Beistand; die Begleiter bringen ein, was sie können, Wunden verbinden, Haare und Fingernägel schneiden, Kleidung verteilen (falls vorhanden), Imbiss reichen, auch Getränke, kurz: diskret präsent sein.

Jahresabschluss 2015: Liegt jetzt vor. Spät bekannt gewordene spezielle gesetzliche Richtlinien für die Rechnungslegung sogenannter „Nicht-Regierungs-Organisationen" waren die Hauptursache für die Verzögerung. Dazu sorgte schon in Vorjahren die nicht rechtzeitige Weiterleitung von Belegen an die Buchhaltung für Ärger, Mehrarbeit und Verspätungen. Dieser Punkt sollte jetzt geregelt sein, so dass gegen Jahresende nahezu taggleiches Buchen zu erwarten ist.

Resümee: Casa do Menor LEBT

Nächste Reise: Mitte Oktober zum 30-jährigen Jubiläum

Peter Edinger, 8. August 2016

 

Besuch Peter Edinger bei CASA DO MENOR vom 25.Juli bis 4.August 2014

Wo steht Casa do Menor heute? Was tut sich auf der anderen Seite der „Brücke der Freundschaft"?

Äußerlich hat sich, abgesehen von Retuschen, nichts verändert. Neue Bauten sind weder in Miguel Couto noch an den anderen Orten entstanden. Allerdings besteht aus Geldmangel erheblicher Nachholbedarf für Renovierung und Instandsetzung bestehender Baulichkeiten.

Ausgeweitet wird der schon nicht mehr ganz neue Schwerpunkt „CRACKSZENE" Crack ist eine üble, schnell abhängig machende und zerstörerisch wirkende Abfalldroge - die neue Geisel ganz Brasiliens. Wie?

> Im Großraum Rio sind 2 Häuser für die Aufnahme von zum Entzug Entschlossenen gewidmet und in Betrieb.

> RuArt ist der Name, unter dem die hervorragende Tanztheatergruppe von Casa do Menor (CdM) erstaunlich häufig auftritt, um diese Thematik, also das Schicksal immer noch zu vieler Jugendlicher in der Welt von Drogen, Prostitution, Gewalt, dem Publikum nahe zu bringen. Zum vielseitigen Repertoire gehört aber auch Unterhaltung, ja sogar Lebenslust und -freude.

> Padre Renato hat sein im Oktober 2013 auf Italienisch erschienenes Buch „Dall'Inferno un Grido per Amore" - aus der Hölle ein Schrei nach Liebe - am 27.8. auch in Brasilien in der Landessprache herausgebracht. Der Titel hier: „Presença no Inferno" - „bei ihnen in der Hölle." Geschildert wird das Leben in den sogenannten „Cracolandias" - den Orten in der Stadt, an denen sich Crackabhängige sammeln und unter schwer vorstellbaren Bedingungen - am Rande der Gesellschaft, im wörtlichen Sinne - leben. Jeweils Mittwochvormittag besuchen Pe. Renato, Odineia, die Krankenschwester und andere, fast immer sind auch Freiwillige dabei, ein Cracolandia um „präsent" zu sein im Sinne von „was wird gebraucht" wie: priesterlicher Beistand, Wunden pflegen, Haare schneiden, Wasser und belegte Brötchen bringen, manchmal auch Decken oder Kleidung, zuhören, ansprechen, das Mitkommen anbieten

Vorrangiges Anliegen des Buches ist, Regierung und Öffentlichkeit auf dieses inzwischen über ganz Brasilien verbreitete Phänomen hinzuweisen, dem gegenüber die Behörden noch ratlos sind und hilflos wirken.

CASAS LARES

Damit begann CdM vor 28 Jahren: Aufnahme und Beherbergung von Kindern und Jugendlichen in schwerer Lebenslage. Die Regierung ist bemüht, diese eigentlich staatliche Aufgabe den zahlreichen, meist vom Ausland getragenen Einrichtungen jetzt abzunehmen, was bei vielen die Existenzfrage aufwarf. Unsere Freunde mussten sich auch anpassen und betreiben in Raum Rio noch 5 Häuser. Diese sind voll belegt, weil die Regierung ihrem Anspruch bisher nicht gerecht werden konnte.

KURSE BERUFLICHE AUSBILDUNG
Die Nachfrage nach den 10 Kursen in Miguel Couto ist riesig. Dasselbe gilt für alle Orte, an denen CdM präsent ist und Kurse angeboten werden. Insgesamt sind es 19 mit über 1000 „Azubis" pro Semester. Das Teilnahmediplom in der Hand erleichtert die Arbeitssuche erheblich; manche werden gar vom Ausbildungsplatz weg engagiert. Über die Jahre haben so mindestens 40.000 Jugendliche eine Ausbildung genossen mit positiver Auswirkung auf das soziale Klima in der gesamten Stadt.

VILA CLAUDIA
Hier, auf dem Problemhügel der Stadt, hält CdM ungeachtet verschlechterten Umfeldes durch Zuzug von Teilen des aus Rio vertriebenen Drogenhandels die Fahne ganz hoch: durch Kinderbetreuung, Nachhilfeunterricht, Sport und Tanz, Förderung des zivilen Bewusstseins als Bürger und durch Verbreitung von Berichten über die Zustände in diesem Stadtteil „am Rande" der Gesellschaft, letzteres, um Druck auf die Stadtverwaltung zu machen.

ROSA DOS VENTOS
Bestes bekannt, verankert und geschätzt im problematischen Umfeld sind eine Kita mit 75 Kindern bis 6 Jahre und 4 Kurse berufliche Ausbildung. Mit Stolz und Freude haben 40 Absolventen/innen ihre Diplome während einer begeisternden Feier in Empfang genommen.

FINANZEN
Etwas weniger angespannt weil mehr „freie" Spenden eingegangen waren. Somit sind hängende Verbindlichkeiten fast alle beglichen, Gehälter konnten nur einmal nicht am Ultimo ausgezahlt werden.

Wie an anderer Stelle schon erwähnt fehlen Mittel für regelmäßige Instandhaltung von Gebäuden und Geräten, sowie für bessere Ausstattung der Lehrwerkstätten.

ZUSAMMENFASSUNG
Erfreulich die unveränderte Dynamik des gesamten Werkes, sowie Kreativität und Bereitschaft zum Einsatz. Padre Renato verficht mutig, unerschütterlich und mit zurück gewonnener Kraft deutlich aber fair die Causa der Abhängigen, der obdachlosen und ohne Liebe heranwachsenden Kinder und Jugendlichen, sowie der am Rande Lebenden, für die Staat und Öffentlichkeit noch kein Rezept haben.

Unverändert hoch die Inanspruchnahme der Kurse zur beruflichen Ausbildung.

Die weniger gewordenen Casas Lares sind voll ausgelastet

Crackabhängige werden an 2 Orten aufgenommen - im Casa Andre/Tingua und in Guaratiba/Rio.

Alles in allem - Casa do Menor ruht nicht.

Darmstadt/Dieburg, August 2014

 

Radio Vatikan Print Service 19.11.2013

"Engel der Straßenkinder" beim Papst

Papst Franziskus hat dem italienischen Pater Renato Chiera für seine Arbeit unter den Straßenkindern von Rio de Janeiro gedankt. ,,Eine gute und schöne Arbeit", sagte der Papst, als der Gründer des Zentrums ,,Casa do Menor" ihm im Anschluss an die Frühmesse am Montag über seine Tätigkeit unter den Straßenkindern berichtete. Er habe dem Papst einen Brief der Kinder aus seinem Zentrum übergeben, berichtete der Pater nach dem Treffen im Gespräch mit Radio Vatikan.

Chiera engagiert sich seit 40 Jahren in dem Projekt und wird auch, ,.Engel der Straßenkinder' genannt. Er habe dem Papst auch von der Idee der Kinder für einen "weltcup für wieder eingegliederte Straßenkinder" erzählt, eine alternative Fußballmeisterschaft, so Chiera,

Als Geschenk übergab er Franziskus einen lokalen Wein und ein typisches Mandelgebäck aus dem norditalienischen Asti, der gemeinsamen Heimat Chieras und der Vorfahren des Papstes.

 

Alice Bianchi (It.) blickt im März nochmals zurück

In der Ausgabe März 2013 der Zeitschrift von "Casa do Menor Italia" blickt Alice Bianchi nochmals zurück. (Übersetzung: Dr. Ulrich Weng)

"Der Welt sein Herz öffnen, um das Leben zu lieben - voll und ganz"

Der Tag meiner Neugeburt ist ein 28. September, Tag meines Todes und Beginn meines neuen Lebens. Ja, weil ich neu geboren wurde und auf mein altes Ich schaue, so als ob ich es nicht mehr wieder erkennen würde, so weiß ich doch , daß es ein Teil von mirist.Jeden Tag staune ich über das, was ich heute bin.

Ich frage mich, ob es wirklich notwendig ist, dem eigenen Tod oder dem eines anderen lieben Menschen sehr nahe zu sein, um die Wunder des Lebens und den Zauber der Liebe zu den Menschen, die uns umgeben zu begreifen. Einen Tod, für den man keine Erklärung findet.

Ich habe sie beide gesehen, und das in so kurzer Zeit.....

Manche sagen, ich wäre sowieso diejenige geworden, die ich heute bin, andere meinen, daß ich vielleicht in 10 Jahren alles verstanden hätte...

Ich glaube das nicht, vielmehr bin ich der Überzeugung, daß es mir geholfen hat, meinen Kopf frei zu bekommen.

Ich hätte nicht meine Gesichtszüge, auch nicht die geheimen Winkel meiner Seele verändert, wenn ich nicht an jenem Tag dem Tod so nahe gekommen wäre.

Allen Menschen gegenüber, denen ich auf meinen Wegen begegne, hege ich den Wunsch, daß sie ihr Herz der Welt öffnen mögen, um das Leben zu lieben in allen seinen Facetten und kleinen Details, die Menschen zu lieben, ihnen in die Augen zu schauen, sie zu umarmen und ihnen wirklich dankbar zu sein. Ebenso wichtig ist es, Gott jeden Tag unseres Lebens danken zu können, und ihn nicht nur dann anzuflehen, wenn wir verzweifelt sind.....

Darüber hinaus sollten wir kleinere Schritte tun und den Augenblick, die Wintersonnenstrahlen, die Brise des Sommers auskosten. Mögen alle stets das aussprechen, was sie in ihren Herzen tragen und nicht auf einen Zeitpunkt warten, der vielleicht nie kommen wird. Wir sollten uns an jedem Tag erfreuen, denn das Leben ist zu kurz, wir können uns keine Wehmut erlauben.

"Danke" und "ich verzeihe dir" sollten uns leicht von den Lippen gehen. Wir sollten die Kraft haben, jede Illusion zu ertragen, wissend, daß nur Gott uns niemals enttäuscht. Wir können uns sicher sein, daß er stets Engel zur Seite stellt, wir müssen nur Augen dafür haben, sie zu erkennen..

Ich sehe sie jetzt, ich liebe sie und bin ihnen dankbar.

Ich wünsche mir, stets mit einem offenen Herzen zu leben, sich bereitwillig zu verschenken, da nur auf diese Weise das, was wir zurückbekommen werden, immer das schönste Geschenk sein wird. Man muß sich darin üben, aber nur so werden Enttäuschungen uns nicht zerstören, sondern Kraft und Sicherheit geben. um uns aufzurichten.

Da wir unsererseits geliebt werden, überrascht uns diese

Liebe, die wir zurück erhalten.

Ich verzeihe dem Jungen, der mich beinahe getötet hätte, ich weiß, daß er in diesem Moment nicht zurechnungsfähig war, ich kann mir jedoch gut die Leiden und Qualen vorstellen, die sein weiteres Leben beherrschen werden.

Ich verzeihe ihm nicht nur, sondern danke ihm sogar. Wahrlich, ohne ihn wäre ich nicht neu geboren. Ich wäre nicht der neue Mensch, der ich jetzt bin.

Heute habe ich Geburtstag, die Sonne scheint: dies ist mein Geburtstagsgeschenk. Gott sei dafür gedankt.

Alice Bianchi

 

Brief von Alice Bianchi (It.), die im Projekt Opfer eines Überfalles wurde

EIN BRIEF AUS DER SEELE (Übersetzung: Peter Edinger)

Zu diesem Brief habe ich mich entschlossen, weil ich empfand, dass meine Lebensgeschichte mich von der einen Seite der Welt auf die andere geworfen hat, mich dabei den Ozean überqueren ließ und mich in wenigen Stunden mit 1000 Lebensschicksalen zusammen brachte. Ich will Euch aber sagen, dass das mir Widerfahrene so ungewöhnlich nicht, kein Einzelfall ist; bedauerlicherweise wird jeden Tag und überall auf der Welt eine (junge) Frau so misshandelt wie ich. Das geschieht in Italien, ich musste es in Brasilien, in Rio erleben.

Geschichten wie die meine kenne ich viele, von Mädels und Frauen, die danach die Zähne zusammen beißen und weiter leben. Ich aber will sprechen, weil in mir ein Gedanke Gestalt angenommen hat, den ich mit Euch teilen will und der von Tag zu Tag stärker wird. Mich würde es aber auch freuen, wenn Ihr beim Lesen dieser Zeilen die dabei aufkommenden Gedanken allen Betroffenen sendet.

Was mir zugestoßen ist, hätte sich auch zu Hause ereignen können. Mir geschah es aber am anderen Ende der Welt. Ein Jahr meines Lebens wollte ich was ganz anderes tun und wählte „Zivildienst," bei dem Solidarität und mentale Öffnung schöne und wertvolle Instrumente sind, die uns jungen Italienern heute zur Verfügung stehen; für Brasilien habe ich mich nicht wegen der Armut, den Favelas, den Straßenkindern entschieden, sondern dieses wunderschöne Land gewählt, um die Wärme der Abraços (Umarmungen) zu spüren, viel Lachen zu erleben; die Brasilianer vermitteln Dir das Gefühl, Bruder oder Schwester zu sein, auch wenn Du Fremder oder Ausländer bist. Meine Wahl fiel auf Casa do Menor,, weil diese Einrichtung ein Kraftfeld ist, das seit Jahren in schwierigem Umfeld mit großem Erfolg arbeitet und weil dort das Bestreben, „Familie zu sein" im Vordergrund steht.

In den letzten 7 Monaten habe ich mit Jugendlichen mit schwerer, teils auch dramatischer Vorgeschichte gearbeitet, die täglich das Meisterwerk vollbringen, sich nach jedem Fall aufzurappeln, weiterzumachen mit dem Ziel, Mensch und Bürger zu werden; sie sind geschlagen und vergewaltigt worden mit der Folge, dass einige heute das Gleiche tun; Todesangst ist ihnen geläufig; Lösung ihrer Probleme suchen sie im Drogenkonsum. Bei allem können sie sich einen Ruck geben und das Leben, trotz der sie umgebenden Gewalt, lieben lernen. Dann sehen sie die Welt - ihre Realität - mit anderen Augen; das habe ich jetzt entdeckt. Das sind MEINE meninos (Jungen und Mädel), die nicht aufgeben und versuchen, glücklich zu sein.

Was mir zustieß ist insofern außergewöhnlich, weil ein gewalttätiger Junge in dieser Einrichtung schon die Ausnahme ist - glaubt mir. Dies belegt, dass ein anderer Junge mit sehr ähnlicher Lebensgeschichte mir das Leben rettete. Das ist umwerfend. Glaubt Ihr nicht, dass eines das andere aufhebt? Wie dieser Eine hätten die Anderen auch gehandelt.

Was mir klar wurde und was die Jungs mich gelehrt haben ist, dass es gilt, das Leben anzupacken: all die kleinen Tode, Schmerzen, „Schläge auf den Kopf" können uns wachrütteln, um danach das Leben neu anzugehen: Trauer am Tag danach, am nächsten die Operation, gefolgt von einem Tag mit nie gekannter Aggression - beim Erwachen im Bett eines Krankenhauses, ganz weit von zu Hause. Neuanfang ist möglich, Gott will, dass wir das sofort tun. Das Leben ist viel zu schön, um in den eigenen Tränen zu ertrinken. Nachdem es geschehen war hat bei mir ein ebenfalls nie gekanntes Strahlen eingesetzt. Wie verrückt war ich auf Leben und wollte gleich anfangen.

Mir wurde deutlich, dass das Leben zu kurz ist, um Dankgefühle mit einem Schulterzucken abzutun, als ob sie überflüssig wären. Das Leben ist zu gut, um das Danken zu übergehen und die Menschen nicht dankend und dankbar zu umarmen. Das ist ja so einfach, wer es kompliziert sind wir - oft erheblich. Alle Menschen, welche unseren Weg kreuzen sind unsere wertvollsten Geschenke, glaubt mir. Am Ende, denke ich, kommt es darauf an, dem Anderen in die Augen zu schauen und sofort zu lachen und ihn zu umarmen; haben wir ihm was Schönes zu sagen, sagen wir es ihm - haben wir keine Angst, verletzt zu werden. Viel zu kurz ist das Leben, um solche Gedanken im Mund einzusperren. Vor allem aber sollen wir bis zum letzten Atemzug das Leben leben, denn es ist zu schön, um es einfach so zu vergeuden. Ich denke alles läuft darauf hinaus, nach Hause zu gehen, wo oder was immer Dein Zuhause ist - für mich an vielen ganz verschiedenen Orten - und die Menschen zu umarmen, die wir lieben.

Mir wurde gesagt, der Junge, der mich angriff tat es, weil er mich liebte.... weil er in mir eine Mutter sah, die er nie hatte.... und auch, weil ich um ihn weinte... Die Ärzte hingegen sprechen von einem Anfall. Ich weiß nicht, aber ich spürte Liebe noch als es geschah und liebe noch und nicht nur ihn, sondern jeden der meninos. Ja, es ist so, von Tag zu Tag liebe ich sie mehr. Dabei spüre ich Leben. Liebe ist ein Risiko, schmeckt aber mehr als alles sonst. Noch einmal rufe ich hinaus, dass das Leben schön ist und dass wir uns dessen jeden Tag bewusst werden müssen. Beginne jetzt, sofort, wenn Du es nicht schon tust!

Nun möchte ich einigen Personen besonders danken, nicht weil sie wichtiger wären als andere, sondern weil wir in jenen Tagen Leben teilten und zusammen viel lernten.

Mein erster Dank gilt dem Jungen, der mir half. Dann danke ich allen Ärzten im Hospital da Posse in Nova Iguaçu: oft habt Ihr mich zum Lachen gebracht! Danken will ich auch allen im Hospital dos Servidores: Ihr wart wie eine Familie. Dank Dir, Rudy, mein Arzt, ich weiß nicht, wo Du das gelernt hast - Heilung durch Umarmen - auf der Uni? Oder sonst wo? Ganz vielen Dank! Auch dem Italienischen Konsul danke für hilfreiche Bereitschaft. Und natürlich Dank meiner Mutter und Fabri, die den nächsten Flug nahmen, um nahe bei mir zu sein, hier in Brasilien! Meinem Vater danke ich, meinem Bruder, meiner ganzen Familie. Ihr wart, ungeachtet der Entfernung, ganz nah! Giampi, auch Dir, vom Mato Grosso bist Du nach Rio geflogen, nur um mich zu sehen: Giampi, als ich Dich sah, konnte ich die Tränen, die Tränen großer Freude waren, nicht unterdrücken! Dank Dir Kelly, eine große Freundin und die Verantwortliche für die Pousada. Du warst in dieser Zeit immer nah bei mir. Und Dank auch meinen guten Freunden in Italien: immer habe ich Eure Nähe gespürt, ungeachtet des Ozeanes! Ja, es ist wahr, reisen zeigt, dass Zuhause kein Ort ist, sondern etwas, was in uns wohnt.

Ich danke Casa do Menor, weil sie alles für mich taten: besonderen Dank an Lucinha und Padre Renato -- und meinen Reisegefährten, die dieses wundervolle Jahr meines Lebens mit mir teilen.

Und wem ich unbedingt ganz besonders danken möchte, das sind alle Kinder von Casa do Menor. Ihr habt mein Krankenzimmer mit Euren Bildern, Grüßen und Gebeten gefüllt; und auch mit Liebe, Frieden und Heil. Wenn es mir so schnell besser ging, so nur, weil ich ganz bald wieder bei Euch sein möchte, um Euch zu umarmen, um zu hören, was Ihr zu erzählen habt und um mit jedem von Euch zu spielen. Ich liebe Euch. Geheilt habt Ihr mich, nicht die roten Tabletten der Klinik, nein, es waren Eure Worte, was Ihr gebastelt und gemalt habt und Eure Gebete.

Mit einem vor Freude berstenden Herzen wegen allem, was Ihr für mich getan habt, rufe ich Euch ein aufrichtiges DANKE zu!

09.10.2012

 

Gemeindereise Brasilien 2011

Unter Führung von Pfarrer Vogl ging die 25-köpfige Gruppe am 8.10.2011 auf die Reise in das ferne Brasilien. Alle wollten an den Feierlichkeiten zum 25. Jubiläum von "Casa do Menor" teilnehmen, gleichzeitig aber auch einige der touristischen Höhepunkte erleben.Bei der Ankunft am frühen Sonntagmorgen begrüßten uns im Hotel Sa. Lucinha und die 3 deutschen Freiwilligen, die derzeit im Projekt arbeiten. Sie hatten uns am Flughafen verpasst, waren daher direkt in unser Hotel in Rio, nahe an der Cobacabana, weitergefahren. Nach dem Frühstück, auf brasilianisch mit vielen Früchten und süßem Kuchen unterlegt, ging es zur Sonntagsmesse zur deutschen Gemeinde in Rio. Der Pfarrer war überglücklich, seine kleine Kapelle in dem sehr solide ausgestalteten Gemeindezentrum wieder einmal „gefüllt" zu sehen. Aus den Gesprächen war erkennbar, dass "Casa do Menor" dort gut bekannt war.Nachmittags fuhren wir auf den Zuckerhut, mit anschließender Rundfahrt durch verschiedene Stadtteile. Der Abend klang auf der Dachterrasse im 12. Stock des Hotels aus.

Der Montag gehörte dem Corcovado nebst späterem Bummel auf der Cobacabana.

Am Dienstag begann das Fest in Miguel Couto. Die übliche Morgenandacht in der Kapelle des CAP (Zentrum/Verwaltung) war der Vorstellung und Begrüßung der Gäste - u.a. aus Italien, Frankreich, Monaco, Schweiz und Deutschland - gewidmet; wir waren zahlenmäßig die größte Gruppe. Es ging naturgemäß vielsprachig zu und dauerte entsprechend lange. Der anwesende Bischof von Nova Iguacu, Don Luciano, würfelte dabei das „Tagesmotto" aus. Nach einem Steh-Imbiß wurde mit viel „Drum-herum" eine neue Ausbildungseinheit für „Servicekräfte im Hotelgewerbe" eingeweiht. Wir besichtigten danach noch einige Werkstätten, da ein starker Platzregen den Aufenthalt im Freien nicht mehr zuließ. Gegen Mittag ging es nach Tingua zum Sitio „Sao Wolfgang" mit Besichtigung der dortigen Häuser „Andre" für Jugendliche „Jesus Meninos" für geistig behinderte Kinder. Auf der Rückfahrt wurden noch die beiden Mädchenhäuser in Miguel Couto besucht. Alle Häuser machten einen guten Eindruck. Der eingeplante Besuch von „Vila Claudia" musste ausfallen, da eine Auffahrt bei der durch den Regen verschlammten Piste nicht möglich war. Den Tagesausklang bildete eine Messe mit Don Luciano.

Der eigentliche Festtag - Mittwoch 12.10. - begann mit einer groß angelegten Festmesse; 2 Bischöfe und 10 Priester zogen in die überbesetzte Matriz, der Hauptkirche von Miguel Couto, ein. Offizielle Glückwunschadressen, Geschenkübergaben, die Predigten der beiden Bischöfe aber auch die ständigen Beiträge von PeRenato sprengten selbst den dort üblichen Zeitrahmen überdeutlich.Danach waren Festivitäten in der CIDAH angesagt. Die große, einseitig offene Mehrzweckhalle füllte sich schätzungsweise mit nahezu 1000 Personen. Als Mittags-Verpflegung gab es eine Art „Geschnetzeltes", dazu Reis und dunkle Bohnen. Für 14 Reais ( ca 5 Euro) konnte man beim „Bingo" - so ähnlich wie „Lotto-live" mitspielen. Auch wir beteiligten uns, allerdings ohne Erfolg. Zwischen den einzelnen Serien gab es Auftritte diverser Gruppen mit Folklore, artistischen Darbietungen und Tänze aller Art. Sogar eine Jugendgruppe der in diesem Jahr preisgekrönten Samba-Schule „BEIJA FLOR" aus Rio war mit von der Partie. Die Lautstärke des Ganzen war enorm und PeRenato - stets bewaffnet mit einem Hand-Mikro - war durchgängig der dominante Regisseur.

Nur mit Mühe gelang es Pfr. Vogl in diesem hektischen Umfeld, mit PeRenato kurz über aktuelle Sachfragen des Projektes zu sprechen. Keinesfalls ausreichend, um die bestehenden Belegungsprobleme und die neuen staatlichen Vorgaben bei längerfristiger Heimunterbringung von Straßenkindern zu erörtern. Schade, denn mehr Klarheit in diesen Fragen wäre für uns sehr hilfreich gewesen.

Von dem ganzen Tumult eingedeckt, wurden wir müde und fuhren noch vor dem Ende der Show nach Rio zurück.

Am Donnerstag trat wieder „Sight-Seeing" in Kraft. Petropolis, die alte Kaiserstadt in den Bergen im Hinterland von Rio, war das Tagesziel.Abends fand der Abschied von Rio mit einem ausgesuchten Churrasco statt.

Per Bus ging es am Freitag - entlang der Costa Verde - weiter in das mittelalterische Paraty. Das Hotel war mit seinen kleinen Häuschen voll in die subtropische Vegetation eingebettet; ein „Dschungel-Camp" so Pfr. Vogl. Es war anders als sonst, aber in diesem Rahmen sehr schön.

Weiter mit dem Bus durch Wälder, Berge und Felder in Richtung Sao Paulo; an diesem Samstag war der große Wallfahrtsort Aparecida allerdings das maßgebliche Zwischenziel. Dort regnete es in Strömen, aber die riesige Kirche bot ausreichenden Schutz. In den Katakomben erhielten wir die Möglichkeit für eine Messe.

Sehr früh am Sonntag ging es per Flieger weiter in den Süden, nach Foz do Iguacu und dort gleich weiter zu den Wasserfällen. Wir hatten lt. unserem Guide besonderes Glück, denn es war Hochwasser, was bedeutet, dass sich die Fälle noch eindrucksvoller präsentierten, als sonst üblich. Das Wasser hatte braune Farbe und die in allen Schattierungen. Die Möglichkeit, das Gesamtareal auch per Hubschrauber zu erleben, wurde vielfach genutzt. Der Besuch des dortigen Vogelparks gehörte ebenfalls zum Programm. Selbst das Hotel war ein besonderer Höhepunkt; sein großer Pool im Freien mit Thermalwasser wurde sofort und reichlich genutzt.

Am Montag ging es nochmals zu den Wasserfällen, allerdings mit Grenzübertritt nach Argentinien.

Dienstag - 18.10. - war am späten Nachmittag unsere Abreise. Am Vormittag besuchten wir noch das größte Wasserkraftwerk Südamerikas in Itaipu. 5 Mann der Gruppe setzten sich mit Herrn Weschenbach ab, um seine Ursprünge in Brasilien zu besuchen. Gegen 17 Uhr Transfer zum Flughafen - Rückflug über Sao Paulo, Ankunft am 19.10. 14:30 in Frankfurt.

Rudolf Becker