Schmuckband Kreuzgang

Aus der Pfarrei Sankt Petrus Canisius zum sechsten Ostersonntag

logo_canisius (c) Pfarrei St. Petrus Canisius
logo_canisius
So 17. Mai 2020
Pfarrer Helmut Bellinger

Liebe Pfarrangehörige, Kinder, Jugendliche und Erwachsene, liebe Familien,

hier nun die Texte und Gedanken zum heutigen Sonntag, besonders für Alle, die nicht am Gottesdienst teilnehmen konnten.

Bitte beachten Sie auch die Gottesdienstordnung für diese Woche am Ende der Texte. Danke!

 

Sechster Ostersonntag 2020

Eröffnung

Abschiednehmen fällt schwer. Abschiednehmen tut weh. Abschied wirft Fragen auf und macht unsicher. Wer zurückbleibt, muss sich neu sortieren, braucht möglicherweise Beistand, Unterstützung oder wenigstens ein Versprechen sich wiederzusehen, einander nicht aus dem Auge, aus dem Herzen zu verlieren.
Wir leben in einer Zeit in der es noch nicht einmal möglich ist sich richtig zu verabschieden, von den Eltern oder Großeltern, sogar vom Ehepartner oder Kind, wenn sie in ein Krankenhaus müssen, in ein Pflegeheim. Dann ist es besonders bitter, wenn es sogar ein Abschied auf dieser Erde für immer ist.
Wir leben in der Zeit zwischen Ostern und Christi Himmelfahrt und Pfingsten. Tage, die uns helfen sollen, den Abschied Jesu, seine Himmelfahrt nicht als Katastrophe und Anbruch der Gottlosigkeit zu verstehen. Vielmehr helfen sie uns, Abschied – und Neubeginn! – zu gestalten; kurz: geist-reich leben zu können.
 
1. Lesung Apg 8,5–8.14–17
5 Philippus aber kam in die Hauptstadt Samariens hinab und verkündete dort Christus.
6 Und die Menge achtete einmütig auf die Worte des Philippus; sie hörten zu und sahen die Zeichen, die er tat.
7 Denn aus vielen Besessenen fuhren unter lautem Geschrei die unreinen Geister aus; auch viele Lahme und Verkrüppelte wurden geheilt.
8 So herrschte große Freude in jener Stadt.

2. Lesung 1 Petr 3,15–18
15 Schwestern und Brüder, heiligt in eurem Herzen Christus, den Herrn! Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt;
16 antwortet aber bescheiden und ehrfürchtig, denn ihr habt ein reines Gewissen, damit jene, die euren rechtschaffenen Lebenswandel in Christus in schlechten Ruf bringen, wegen ihrer Verleumdungen beschämt werden.
17 Denn es ist besser, für gute Taten zu leiden, wenn es Gottes Wille ist, als für böse.
18 Denn auch Christus ist der Sünden wegen ein einziges Mal gestorben, ein Gerechter für Ungerechte, damit er euch zu Gott hinführe, nachdem er dem Fleisch nach zwar getötet, aber dem Geist nach lebendig gemacht wurde.

Evangelium Joh 14,15–21
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: 15 Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.
16 Und ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll,
17 den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird.
18 Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, ich komme zu euch.
19 Nur noch kurze Zeit und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich, weil ich lebe und auch ihr leben werdet.
20 An jenem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir und ich bin in euch.
21 Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren. 
 
Gedanken zum Evangelium
Von Waisenhäusern hört man heute sehr wenig. Öfter wird gesprochen über unbegleitete Minderjährige: junge Menschen, die alleine gekommen sind – in die Fremde; die viel mitgemacht haben und sich niemandem mehr richtig anvertrauen können; die keine Orientierung haben; die nirgendwo Fuß fassen können; die vielleicht hin- und hergeschoben werden, weil für sie kein Platz ist; die keinen Helfer an ihrer Seite haben. Eine heftige Erfahrung von Verlassensein. Das bedeutet einsam sein, ahnungslos, was die Zukunft betrifft, hilflos im Jetzt. Das kann die Gegenwart unerträglich machen. Das kann Zukunft zerstören.
Im heutigen Evangelium, einem Abschnitt der sogenannten Abschiedsrede Jesu, klingt seine große Fürsorge an: Er will seine Jünger nicht als Waisen, als Unbegleitete zurücklassen. Er denkt für jene weiter, die ihm bislang anvertraut waren. Und so macht er gewissermaßen sein Testament – für sie. Auch wenn er geht, er sorgt für die Zukunft seiner Lieben. Auch, wenn er als Auferstandener die Jünger nicht mehr direkt begleiten, ermutigen und begeistern kann, sie nicht mehr an die Hand nehmen und in den Arm nehmen kann, er hat sie im Blick.
Die Jünger damals wussten noch nicht, was sie erwartet. Jesu Worte waren Vorbereitung, waren Vorausblick – und sollten Trostworte sein. Jesus wollte deutlich machen: Ich mache mich nicht auf und davon! Ich habe euch in mein Herz geschlossen, meine Liebe gilt euch – bleibend. Und wenn Ihr an meiner Liebe festhaltet, wenn ihr sie selbst lebt, dann kann uns nichts trennen. Dann ist es der Geist Gottes, die Gesinnung meines himmlischen Vaters, die in euch lebendig werden wird. Das war damals …
Zwei Generationen später, für Johannes, glich diese Situation der Situation seiner Gemeinde. Wie vor dem Abschiedsmahl, vor der Passion, der Kreuzigung und dem Tod Jesu war wieder Umbruchzeit. Wie damals die Jünger fühlte sich nun die Gemeinde zunehmend verlassen und ratlos, der Glaube begann zu bröseln. Die Unsicherheit wuchs. Da brauchte es eine neue Ausformulierung des Glaubens. Nicht mehr christuszentriert, sondern der Heilige Geist musste in den Vordergrund treten als Motor und Kraftquelle.
Auch wir kennen Erfahrungen von Verlassenheit: Umgezogen in eine andere Stadt, kennen wir niemanden und wissen nichts. – Im Krankenhaus nach einer OP liegen wir sinnierend im Bett, fragen nach der Zukunft, aber niemand ist da, der meine ängstlichen Gedanken teilt, der meine tiefen Fragen wirklich hört. – Umgezogen ins Altenheim, fühlen wir uns fremd, einsam und alleine. – Existenzsorgen treiben einen um und das Gefühl: Keiner steht mir bei …
Die Verlassenheit kann groß sein. Sie kann sogar als Gottesferne erfahrbar werden. Und wir Christen fragen: Was bleibt noch von der Kirche? Was wird werden? Haben wir eine Zukunft?
Wir brauchen dringend den Paten, den Tröster, den Beistand, von dem Jesus gesprochen hat, von dem er versprochen hat, ihn von seinem Vater zu erbitten.
Lassen wir uns in diesen Tagen nach dem Osterfest neu ansprechen von den Trostworten Jesu: Das, was wir heute gehört haben, hat Johannes für die Christen seiner Gemeinde aufgeschrieben – vielleicht gerade, weil sich die Mitglieder so verlassen vorkamen. Weil sie sich Jesus an die Seite wünschten, wie es die Jünger eine oder zwei Generationen zuvor in ihrer Verlassenheit getan hatten.
Der Evangelist erinnert sie: Wenn ihr das lebt, was Jesus verkündet hat, wenn ihr das Gebot der Liebe bewahrt, wenn ihr Gott zutraut, dass er euch nicht vergisst, weil er Vater (und Mutter), weil er der Ich-bin-da ist, dann, ja dann werdet ihr erfahren: Ihr seid nicht gottlos unterwegs.
Wie kann das sein? Der Auferstandene, der nicht mehr Mensch in dieser Welt ist, sondern beim Vater, der alles Leid hinter sich gebracht hat, der über jeglicher Verletzbarkeit und Begrenztheit steht – was hat er noch mit uns zu tun?
Sein Versprechen gilt: „Ich lasse euch nicht als Waisen, als Unbegleitete in dieser Welt zurück.“ Ich selbst sorge für euch, setze mich dafür ein beim Vater, dass er euch den Geist sendet, der auch mich getragen hat in Verzweiflung, getröstet in der Todesangst.
Und dieser Geist ist es, der uns auch die Stunden der Verlassenheit und Ängstlichkeit meistern lässt, der uns als Pate zur Seite steht. Der uns vielleicht sogar ermutigt, aus uns herauszugehen und von dem weiterzugeben, was wir glauben und was uns erfüllt: dass Gott die Liebe ist, die nicht nur mir gilt, sondern die auch andere Menschen nötig haben.
Unsere Welt ist kein Waisenhaus, in dem wir unser Leben gottlos fristen müssen. Unser kleines Leben keine Fremde, die uns Christen Angst macht und in der wir von allen guten Geistern verlassen sind. Bei allen Unsicherheiten, die das Leben uns zumutet, in allen Momenten, die wir alleine mit uns ausmachen müssen, auch in der Krise dieser Zeit – ganz tief in uns lebt Gott, ist seine Lebenskraft lebendig. Wenn wir das nach außen hin leben und lieben, bleibt Gott unter den Menschen erfahrbar.
Darum – nehmen wir uns das Wort aus der Lesung zu Herzen: „Haltet Jesus in eurem Herzen heilig.“ Wer ihn liebt, wer sein Herz an ihn hängt, so sagt Jesus es uns zu, „wird von meinem Vater geliebt werden, und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren“.
Offenbaren durch Trostworte, durch Momente der Klarheit, durch Menschen, die mir über den Weg laufen, durch stille Momente, in denen er meine Seele streichelt … und die Liebe fließen kann.
Wir sind weder Waisen noch Unbegleitete, keine verlassenen Zeitgenossen. Wir haben Lebensbegleitung, göttlichen Beistand. Denn ER ist in uns – und wir dürfen in ihm sein.
 
Fürbitten
Herr Jesus Christus, du hast uns versprochen, uns nicht als Waisen zurückzulassen. Wir hoffen auf den Geist, den du uns verheißen hast. Deshalb bitten wir:
Christus, höre uns…
Wir beten für alle, die ihren Lebensmut verloren haben, die keine Hilfe erfahren, die sich aufgegeben haben.
Wir beten für alle, die um ihren Glauben ringen, die nach der Wahrheit suchen, die neue Wege des Glaubens gehen wollen.
Wir beten für alle, die Ungerechtigkeit erfahren, die unter Lieblosigkeit leiden, die sich als Opfer erleben.
Wir beten für alle, die das große Wort führen, die mit ihren Botschaften manipulieren, die die Wahrheit verdunkeln.
Wir beten für alle, die Liebe zu leben versuchen, die das Wagnis des Vertrauens eingehen, die Vorurteile ablegen.
 
Gott, du bist ein Gott der Lebenden und der Toten. Lass alle Lebenden deine Liebe immer wieder neu erfahren und gewähre unseren Verstorbenen deine Liebe in der ganzen Fülle – jetzt schon und am Ende der Zeit auf ewig. Amen.
Das erbitten wir durch Christus, unseren Bruder und Herrn, der mit dir lebt und liebt in alle Ewigkeit. Amen.
 
 

Ich wünsche Ihnen und Euch von ganzem Herzen eine gute Zeit,

Ihr

Msgr. Helmut Bellinger, Pfr.
Diözesanbehindertenseelsorger
Diözesangehörlosenseelsorger
zgl. Pfarrer von Sankt Petrus Canisius
Mainz-Gonsenheim