Schmuckband Kreuzgang

Aus der Pfarrei Sankt Petrus Canisius

Kirchenlogo St. Petrus Canisius (c) Pfarrei St. Petrus Canisius
Kirchenlogo St. Petrus Canisius
Datum:
Do. 1. Apr. 2021
Von:
Pfarrer Helmut Bellinger

- Gedanken zum Gründonnerstag

 


Liebe Pfarrangehörige, Kinder, Jugendliche und Erwachsene, liebe Familien,

Manchmal vergessen wir etwas. Für manche wird sogar die Vergesslichkeit zur Krankheit, zur Demenz. Das ist menschlich. Auch im Glauben könnten wir vergesslich werden – darum brauchen wir Erinnerungshilfen, Benachrichtigungen. Dazu gehören die Rituale des Kirchenjahrs. Wir sollen uns erinnern, jedes Jahr neu. Heute Abend an das Letzte Abendmahl Jesu. Es ist sein Vermächtnis.
Wir sollen es nie vergessen: Er bricht sein Brot für uns, ja, er ist dieses Brot. Er gibt uns seinen Wein zu trinken, in Wahrheit: sein Blut, sein Leben. Und wir wissen: da, wo wir an Jesus denken, wo wir ihn nicht vergessen, wo wir uns seiner Worte und Taten erinnern – da ist er uns nah, da ist er mitten unter uns. 

Das Evangelium vom Gründonnerstag:

Die Fußwaschung: 13,1-15

1 Es war vor dem Paschafest. Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen. Da er die Seinen liebte, die in der Welt waren, liebte er sie bis zur Vollendung.
2 Es fand ein Mahl statt und der Teufel hatte Judas, dem Sohn des Simon Iskariot, schon ins Herz gegeben, ihn auszuliefern.
3 Jesus, der wusste, dass ihm der Vater alles in die Hand gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott zurückkehrte,
4 stand vom Mahl auf, legte sein Gewand ab und umgürtete sich mit einem Leinentuch.
5 Dann goss er Wasser in eine Schüssel und begann, den Jüngern die Füße zu waschen und mit dem Leinentuch abzutrocknen, mit dem er umgürtet war.
6 Als er zu Simon Petrus kam, sagte dieser zu ihm: Du, Herr, willst mir die Füße waschen?
7 Jesus sagte zu ihm: Was ich tue, verstehst du jetzt noch nicht; doch später wirst du es begreifen.
8 Petrus entgegnete ihm: Niemals sollst du mir die Füße waschen! Jesus erwiderte ihm: Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir.
9 Da sagte Simon Petrus zu ihm: Herr, dann nicht nur meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt.
10 Jesus sagte zu ihm: Wer vom Bad kommt, ist ganz rein und braucht sich nur noch die Füße zu waschen. Auch ihr seid rein, aber nicht alle.
11 Er wusste nämlich, wer ihn ausliefern würde; darum sagte er: Ihr seid nicht alle rein.
12 Als er ihnen die Füße gewaschen, sein Gewand wieder angelegt und Platz genommen hatte, sagte er zu ihnen: Begreift ihr, was ich an euch getan habe?
13 Ihr sagt zu mir Meister und Herr und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es.
14 Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen.
15 Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.

Gedanken zum Evangelium

Eine ganz besondere Stimmung liegt über dieser Nacht. Die nahende Entscheidung liegt in der Luft, die Herausforderung ist greifbar. Sicher haben auch die Freunde Jesu gespürt, dass es kein gewöhnliches Beisammensein werden wird, wenn sie sich diesmal zum Pascha treffen. Und doch verstehen sie es wohl anfangs nicht. In der Fußwaschung macht Jesus das ganz Andere deutlich. Die Entrüstung Petri bringt es auf den Punkt: „Du, Herr, willst mir die Füße waschen?“

Liebe
Liebe überschreitet die Grenzen der Welt. Sie schafft einen Freiraum, der nur im Schenken und Erleben der Liebe möglich wird. Weil Jesus diesen Dienst an seinen Freunden tut, wächst die innere Verbundenheit. Die Überwindung hin zur liebenden Tat ist die Überwindung des eigenen Ichs, das sich in den Mittelpunkt der Welt stellt. Gleichzeitig offenbart die Erzählung, dass diese Tat zugleich die freie Entscheidung des Einzelnen offen lässt, wie es der Verrat wenig später offenbart.
Jesus kommt seinen Freunden nahe, er berührt sie unangenehm. Es verlangt Mut, sich vor den Freunden niederzuknien, und Mut, sich die Füße waschen zu lassen. Nicht von oben, sondern von unten blickt der Herr auf seine Freunde. Liebe kann, wenn sie ehrlich ist, nicht von oben herab handeln. Liebe ist mehr als ein kluger Austausch von Ei-geninteressen, sie verlangt die Öffnung zum anderen hin.

Angst
Doch nicht nur die Erfahrung der Liebe prägt diese Nacht. Mehr noch ist es die Angst, die über ihr liegt. Jeder weiß, was Angst ist, und er weiß es doch nicht wirklich. Nicht die konkrete Angst vor etwas oder jemandem, sondern die diffuse Angst, die uns Menschen zeitlebens begleitet. „In der Welt habt ihr Angst“, sagt Jesus in den Abschieds-reden zu seinen Freunden. Wenig später wird diese Angst im Garten Getsemani ganz konkret.
Der Verrat bricht in die Geborgenheit des Gartens ein. Schon in der Erzählung von Adam und Eva zerbricht die Sicherheit des Paradies-gartens im Verrat an Gottes Gebot. Wie in der alten Geschichte zeigen sich die menschlichen Verhaltensweisen auch in dieser Nacht bei den Freunden Jesu: Auflehnung und Ausweichen. Weder das Dreinschlagen des Petrus, noch die Flucht der Jünger können die Macht der Angst brechen. Wir wissen, dass niemand je seine Angst überwindet, solange er ihr ausweicht oder sie leugnet. Das erleben wir in diesen Tagen auf vielfache Weise, wo die Gefahr der Pandemie verharmlost, sie gar geleugnet oder als unbegründet dargestellt wird. Gleichzeitig ist auch der Rückzug in sich selbst keine Lösung.

Vertrauen
Angst und Verrat hängen zusammen: Die Angst gebiert Verräter, und daraus erwächst neue Angst. Das Grundvertrauen des Menschen wird im Verrat erschüttert, das Vertrauen, auf das der Mensch sein Leben aufbauen kann, Vertrauen, das aus der Erfahrung der Liebe wächst. Im Verrat lässt man das im Stich, wozu man sich bekannt hat, auch Menschen. Wie die Jünger in die Dunkelheit fliehen und nur immer tiefer in die eigene Verlorenheit laufen.
Jesus stellt sich der Angst, er geht in die Tiefe des Gartens und blickt auf die Quelle seiner Kraft: die betende Verbundenheit mit dem Vater. Das ist nicht leicht, aber nur so kann er die Angst dieser Nacht, die Angst vor dem Verrat, vor Leiden, Kreuz und Tod über-winden. Immer wieder ruft er in die Dunkelheit zu seinem Vater und doch scheint sein Rufen zu verhallen. „Der für uns Blut geschwitzt hat“, so betrachten wir die Szene im Rosenkranzgebet, hier wird deutlich, dass die Angst im Menschen bis ins Innerste vordringt.
„Habt Mut: Ich habe die Welt besiegt.“ So ermutigt Jesus seine Freunde noch im Abendmahlssaal. In der Verlassenheit im Garten und später am Kreuz überwindet er die Angst auch für uns. Auch wenn Gott scheinbar schweigt, wagt er den Schritt aus der Angst „in den weiten Raum, wo keine Enge mehr da ist“, wie es im Buch Ijob heißt. So gehen wir hinein in diese Tage mit der Angst unseres Lebens, die von der Erfahrung der Liebe, vom Grundvertrauen in Gott überwunden wird.

ich wünsche Ihnen und Euch von ganzem Herzen eine gesegnete Zeit,

Ihr und Euer
Msgr. Helmut Bellinger, Pfr.
Diözesanbehindertenseelsorger
Diözesangehörlosenseelsorger
zgl. Pfarrer von Sankt Petrus Canisius
Mainz-Gonsenheim