Corona 3 - Predigt zu Fronleichnam 2020

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So 14. Jun 2020
Carina Weißmann

7.000 gemeldete Corona-Kranke in Deutschland. Bei 83 Millionen Einwohnern sind das 0,008%. Also 99,992% sind gesund, zumindest was diese Krankheit angeht.

Eine gute Zahl. Eine Zahl, die wie alle Zahlen in diesen Monaten weniger aussagt als dass sie Fragen aufwirft.

  • Nur 7.000 von 83.000.000 – und trotzdem treiben wir diesen Aufwand? Fragen die einen.
  • Es sind nur 7.000 von 83.000.000, WEIL wir diese Maßnahmen ergreifen. Sagen die anderen.

Ganz ausdrücklich gleich zu Beginn: Ich habe auch nur meine Fragen und keine Antwort. Ich weiß nicht, was richtig ist. Ich bin weder für schnelle Lockerungen noch gegen Lockerungen. Ich habe mir immer noch keine Meinung bilden können.

Anstelle eine Antwort zu geben, ob die Maßnahmen angemessen oder übertrieben sind, will ich den Blick auf mögliche Spätfolgen lenken.

Wir halten derzeit strenge Regeln ein, die uns der Staat für unser Verhalten gibt. Die wichtigste Regel von allen lautet „Abstand halten“.

Diese Regel ist aber genau das Gegenteil von dem was der Inhalt von Fronleichnam ist. Denn Fronleichnam will zeigen: Gott hat keinen Abstand gehalten und Gott hält keinen Abstand. Keinen Abstand zu den Menschen.

Die Botschaft von Fronleichnam an die katholischen Christen lautet: Jesus hat keinen Abstand gehalten und er hält keinen Abstand. Deshalb tragt ihn durch die Straßen und auf die Plätze eurer Orte und Städte! Und deshalb haltet ihr Christen keinen Abstand zu den Menschen! Geht hinaus und seid allen Menschen ganz nah!

Die Kernbotschaft von Fronleichnam drückt das Evangelium heute mit drei markanten Worten aus: Brot und Fleisch und Blut.

Brot. Brot war das Grundnahrungsmittel zu Zeiten Jesu und es ist es heute. Brot wird gegessen. Weniger Abstand geht nicht als wenn ich etwas esse, in mich aufnehme.

Fleisch und Blut. „Mein Fleisch und mein Blut“ sagt Jesus. Es meint hier das menschliche Fleisch. Den Menschen in seiner Fleischlichkeit. Fleisch mit Blut in den Adern ist der Mensch. Konkret anzufassen. Weniger Abstand geht nicht als wenn ich einen Menschen anfasse, von Haut zu Haut.

Die Regel „Abstand halten“ fordert uns auf das Gegenteil zu tun. Die Gründe für diese Regel sind nachvollziehbar. Und ich will sie nicht in Frage stellen.

Aber es wird uns gesagt, dass gerade diese Regel noch sehr lange gelten wird. Und je länger wir diese Regel als die höchste aller Verhaltensregeln verinnerlichen, besteht die Gefahr, dass wir sie für normal halten.

  • Abstand halten in jeder Hinsicht! Nicht nur die 1,5 Meter zwischen Ihnen hier in den Kirchenbänken. Nicht nur die 1,5 Meter hinter dem Vordermann / der Vorderfrau in der Schlange zum Kommunionempfang.
  • Abstand halten von Besuchen. Abstand halten von Besuchen ausgerechnet bei Menschen, die einen Besuch sehnlichst herbeiwünschen.
  • Abstand halten von Besuchen, um die wir uns gerne drücken, weil sie unangenehm wären.
  • Abstand halten von Besuchen bei Menschen in Krankheit.
  • Abstand halten von Besuchen bei Menschen kurz vor deren Tod.
  • Abstand halten von Besuchen bei Menschen in sozialer Not.
  • Abstand halten von Besuchen bei Menschen, die uns nicht liegen.
  • Abstand halten von Besuchen bei Menschen, mit denen wir ein Problem haben.

Die Spätfolgen der Coronapandemie und die Spätfolgen der Maßnahmen gegen die Coronapandemie im Bereich der Wirtschaft sind nur zu erahnen. Die Politik ergreift finanzielle Maßnahmen wie noch nie in der Geschichte, um diese Spätfolgen wirtschaftlich abzumildern.

Die Spätfolgen der Coronapandemie und die Spätfolgen der Maßnahmen gegen die Coronapandemie im zwischenmenschlichen Bereich sind nur zu erahnen.

  • Menschliche Verunsicherung.
  • Tief eingebrannte Angst ums eigene Leben.
  • Und vor allem Verlust von menschlicher Nähe.
  • Einer Nähe, die keinen Abstand hält.
  • Einer Nähe, die fürs Leben so grundlegend notwendig ist wie das tägliche Brot.
  • Einer Nähe mit Fleisch und Blut, zwei Menschen zusammen, nicht nur übers Internet, nicht nur übers Telefon, sondern mit Fleisch und Blut, Hand in Hand, in Umarmung, im Austausch von Küssen.
  • Einer Nähe, wie sie Jesus gewollt hat und will. Er spricht von sich als einem Brot, das von uns verzehrt werden will. Er spricht von sich als Fleisch und Blut, als ein lebendiger Mensch, der allen Menschen handgreiflich mit seiner Nähe Leben schenken will.

Fronleichnam 2020 provoziert und sagt uns: Die Regel Abstand halten mag derzeit geboten sein. Aber verliert nicht die Sehnsucht nach einem Leben, das genau das Gegenteil lebt: Die Nähe zu allen Menschen.

 

Dr. Georg Rheinbay, Pfarrer

 

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