2. Sonntag der Osterzeit

Glauben - Die Erscheinung Jesu

Osterkerzen2020 (c) PGR Kelsterbach
Osterkerzen2020
Di 14. Apr 2020
Pfr. Berbner

Evangelium: Johannes 20,19-31

Die Erscheinung Jesu vor allen Jüngern am Osterabend

19 Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! 20 Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. 21 Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. 22 Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! 23 Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.

Eine weitere Erscheinung Jesu und der Glaube des Thomas

24 Thomas, der Didymus genannt wurde, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. [3] 25 Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht. 26 Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder drinnen versammelt und Thomas war dabei. Da kam Jesus bei verschlossenen Türen, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! 27 Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger hierher aus und sieh meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28 Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott! 29 Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.

Erster Schluss des Johannesevangeliums

30 Noch viele andere Zeichen hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind. 31 Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen.

Predigt:

Wir glauben und vertrauen, wenn uns etwas überzeugt. Der Prototyp eines Menschen, der überzeugt werden möchte, ist der Jünger Thomas, von dem wir heute im Evangelium gehört haben. Schauen wir uns genauer an, was ihn bewegt.

Thomas ist einer der zwölf Apostel. Damit gehört er zu den Personen, die Jesus aus nächster Nähe erlebt und gekannt haben. Thomas hörte Jesus reden. Er kannte die Gleichnisse und Lehren Jesu. Er war Zeuge, wenn sich Jesus Außenseitern zuwandte und ihnen Achtung und Würde schenkte. Er war unter Jesu Begleitern, wenn Jesus Kranke heilte. Drei Jahre lang begleitete Thomas Jesus als Freund und Jünger. Er kannte die Kraft und die Fähigkeiten Jesu. Für die Evangelisten ist Thomas kein Unbekannter. Jeder von ihnen kannte seinen Namen und nannte ihn in der Aufzählung der zwölf Apostel.

Im heutigen Evangelium tritt Thomas nun als Zweifler in Erscheinung. Bereits am frühen Morgen wurde die Jüngerschar von der Botschaft Maria Magdalenas aufgeschreckt. Maria Magdalena berichtete vom leeren Grab und dass Jesus lebt. Noch am selben Abend erscheint Jesus in der sonntäglichen Versammlung der Jünger. Er bestätigt damit die Nachricht von seiner Auferstehung. Thomas war dummerweise nicht dabei.  Als Thomas von seinen Gefährten erfährt, dass Jesus auferstanden ist, reicht ihm diese Erzählung nicht. Er will sich selbst überzeugen. Für Thomas hat nur Gewicht, was er selbst anfassen und fühlen kann. So jedenfalls seine Rede: Er will die Wunden Jesu sehen und die Hand in seine Seite legen. Thomas will sicher sein, dass er keiner Einbildung, keinen Fake News aufsitzt. Er will Fakten.

Vernunft und Nachvollziehbarkeit als Kriterien des Glaubens

Vielen von uns dürfte die Forderung des Thomas nach Beweisen sympathisch sein. Seit der Aufklärung ist unsere Kultur von Rationalität geprägt. Vernunft und Nachvollziehbarkeit waren in unserer Kultur lange Zeit die Voraussetzungen für Glaubwürdigkeit. In letzter Zeit kann man allerdings den Eindruck gewinnen, dass das wieder verloren geht. Da scheint eher glaubhaft, was die größte Aufmerksamkeit bekommt und den meisten gefällt.

Der Apostel Thomas lässt sich nicht von den anderen Jüngern mitziehen. Ihre Erzählung genügt ihm nicht. Und Jesus kommt ihm tatsächlich entgegen, indem er sich den versammelten Jüngern acht Tage später noch einmal zeigt.

Durch diese Begegnung wandelt sich Thomas sehr schnell vom Zweifler zum Bekennenden. Es braucht dazu gar nicht die Berührung Jesu und seiner Wunden. Jedenfalls wird davon im Evangelium nichts erzählt. Thomas reicht es, Jesus zu sehen. Er bekennt: »Mein Herr und mein Gott.« Mit diesem höchstmöglichen christologischen Bekenntnis geht der sogenannte ungläubige Thomas weit über das hinaus, was die anderen Jünger erkannt haben mochten. Er bekennt Jesus als wahren Mensch und wahren Gott.

Hören, Sehen, Nachdenken als Wege zum Glauben

Was bewegt Thomas zu glauben? Er hatte die Möglichkeit zu sehen. Und was er sah, war konsistent. Da passte eins zum anderen: Thomas’ Erfahrung mit Jesus, das Bekenntnis von Maria Magdalena am Morgen, die Erzählung von der Erscheinung des Auferstandenen unter den Jüngern  vom Sonntagabend — für Thomas fügte sich eines zum anderen. Es brauchte keine Magie, es brauchte keinen autoritären Befehl, keinen Gruppenzwang, damit er glaubte. Er hörte, er sah, er dachte nach - und glaubte. Auch heute ist das ein gutes Rezept, um sich dem Glauben zu nähern: Hören, Sehen, Nachdenken.

Lange Zeit hat auch etwas anderes gewirkt: nämlich Alternativlosigkeit. Wenn der Herrscher vorgab: »Wir sind alle evangelisch«, oder: »Wir sind alle katholisch«, dann hatte das mit individuellem Glauben kaum etwas zu tun. Da sprach die Autorität der Obrigkeit und die Bürger beugten sich.

Heute reicht in westlichen Gesellschaften kein Befehl mehr, damit sich Menschen zum Glauben bekennen. Was ist für uns ausschlaggeben?

Kirchliche Quellen des Glaubens

Die Kirche sagt, wir haben zwei Quellen für unseren Glauben: die Bibel und die Tradition - und da ist etwas dran. In jedem Gottesdienst hören wir Lesungen aus der Bibel. Diese alten Worte geben uns Weisung und Orientierung. Sie sprechen immer neu in unsere Zeit hinein. Freilich müssen wir sie immer wieder auf unsere Zeit hin deuten. Sonst helfen sie uns nicht.

Die zweite Quelle des Glaubens ist die Tradition. Da muss man sicher aufpassen, was man alles zur Tradition erklärt. Da kann man auch eine Menge Ballast mitschleppen. Dennoch steckt auch hierin Zeugenschaft. Menschen haben ihre Erfahrungen mit Gott in Worte gefasst, mit anderen um die richtige Erkenntnis gerungen und so wichtige Texte formuliert. Sie haben herausragende Ereignisse zu Festen erhoben, die wir noch heute feiern. Sie haben sich inspirieren lassen zu Kathedralbauten, zu Schulgründungen, zum Aufbau von Krankenhäusern und sozialen Einrichtungen.

Mitmenschen als Wegbereiterinnen und Wegbereiter des Glaubens

Aber weckt das alles Glauben? Meine Erfahrung ist: Bibel und Tradition können Glauben stärken. Grundlegend ist allerdings so gut wie immer  die Erfahrung, die wir mit Menschen machen, die all das glaubwürdig vorleben. Wir sind einander die wichtigsten Wegbereiterinnen und Wegbereiter im Glauben. Wenn mir keiner zeigt und vertrauenswürdig bezeugt, was glaubenswert ist, dann hat es der Glaube sehr schwer.

Thomas glaubte Jesus. Wir glauben unseren Eltern, Großeltern, Partnern. Wir lernen von Menschen in der Jugendarbeit, in der Sozialarbeit, von pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, was glauben heißt. Fällt das weg, hat es der Glaube schwer. Wir brauchen vertrauenswürdige Zeugen. Wir brauchen die Gemeinschaft der Glaubenden.

Nachfragen erwünscht

Glauben steckt immer in der Gefahr, abzudriften ins Magische, ins Irrationale, ins Verschwörerische. Jesus hat die Forderung des Thomas, sehen zu wollen, nicht verdammt oder abgewehrt. Seine Lösung war kein autoritäres Schweigegebot. Nachfragen und Nachbohren ließ Jesus zu und das ist gut so. Antworten müssen für uns persönlich schlüssig sein, sonst bleiben sie unwirksam.

Was Glaube bewirkt

Wenn Glaube gelingt, dann ist er nicht irrational und dumm, sondern hilft uns im Leben. Er gibt uns durch die Tradition und die Kette all derer, die vor uns glaubten, tiefe Wurzeln in der Vergangenheit. Er eröffnet uns eine Gottesbeziehung, die uns stärkt. Er nimmt uns in die Gemeinschaft der Glaubenden hinein. Er schenkt uns Würde und eine für das Leben hilfreiche Deutung. Unser Glaube ermutigt uns, unseren Platz in der Welt einzunehmen und eröffnet uns die Dimension des Heiligen und Göttlichen im Hier und Jetzt. Wer wollte darauf verzichten? Ein Glauben dieser Art schenkt uns ein Mehr an Leben, oder wie es Jesus sagt: die Fülle des Lebens.

Fürbitten:

Jesus Christus, du kennst uns Menschen und unser Suchen und Fragen. Du ermutigst uns, Gewissheit und Antworten zu finden.
Dich bitten wir:

  • Für alle, die auch in unbequemen Situationen nach Fakten und gesicherten Informationen fragen. Für alle, die die bewusste Manipulation von Daten und Fakten aufdecken. Für alle Journalistinnen und Journalisten, die mit viel Engagement nach der Wahrheit suchen und uns gut recherchierte Informationen zur Verfügung stellen.
  • Für alle, die voller Misstrauen sind und den Eindruck haben, dass sie niemandem mehr trauen können. Für alle, die für Glaubwürdigkeit eintreten und dafür auch Nachteile in Kauf nehmen. Für alle, die Gemeinschaft und Vertrauen stiften.
  • Für alle, die Gott suchen und gerne glauben würden. Für alle, denen die Fehler der Kirche den Blick auf den Glauben verstellen. Für alle, die aus dem Glauben heraus viel Gutes tun und so unsere Welt verändern.

Jesus Christus, mit deiner Auferstehung wandelt sich Tod in Leben, Trauer in Hoffnung. Wecke in uns Glauben und Vertrauen. Lass uns mitbauen an einer Welt, die Misstrauen und Not überwindet. Dir sei Lob und Dank in Ewigkeit.

Amen