Ein Paukenschlag – und was kommt dann?

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Datum:
Mo. 7. Juni 2021
Von:
Walter Montigny

Kardinal Marx hat am Freitag in einer Pressekonferenz veröffentlicht, dass er Papst Franziskus seinen Rücktritt angeboten hat: „Ich glaube, dass der 'tote Punkt', an dem wir uns im Augenblick befinden, zum 'Wendepunkt' werden kann. Das ist meine österliche Hoffnung und dafür werde ich weiter be­ten und arbeiten. Ich möchte damit deutlich machen: Ich bin bereit, persönlich Verantwortung zu tragen, nicht nur für eigene mögliche Fehler, sondern für die Institution Kirche, die ich seit Jahrzehn­ten mitgestalte und mitpräge.“

 

Trotz ehrlichem Respekt vor dieser Entscheidung: sie kommt spät.

Sexualisierte Gewalt gegen Kinder wurde auch in der katholischen Kirche über Jahrzehnte begangen und über Jahrzehnte vertuscht. Das Vertuschen hat es erst möglich gemacht, dass aus Tätern Serien­täter werden konnten. Seit Mitte der 1990er Jahre wurden diese Verbrechen in der Öffentlichkeit be­kannt und ermutigten viele Betroffene, sich zu outen. Im Laufe der folgenden Jahre wurde so das Ausmaß dieser Perversion immer deutlicher. Was nur zu erahnen ist sind die Folgen der Gewalt bei den Betroffenen, die über Jahrzehnte hinweg von diesen Erlebnissen erdrückt wurden mit allen kör­perlichen und seelischen Folgen.

Trotz Beteuerungen der Institution Kirche, bereits vieles gegen solche Auswüchse getan und für die Zukunft unmöglich gemacht zu haben, empfinden Menschen ein stark ausgeprägtes Misstrauen ge­genüber der Kirche und ihren Amtsträgern. Viele haben sich zurückgezogen oder aus der Kirche ver­abschiedet.

Der Umgang mit dieser Schande in der Öffentlichkeit wird von denen dominiert, die trotz besseren Wissens anfangs nur scheibchenweise Stellung bezogen haben. Es wurde beteuert, Verantwortung zu übernehmen, aber nicht in letzter Konsequenz entsprechend gehandelt. Jeder Vertuscher kennt sein Handeln, aber erst einem Gutachten folgten Konsequenzen. Mal ganz abgesehen davon, mit welcher Rhetorik man sich schuldig bekennt oder Schuld zurückweist. Da wird Punkt und Komma gezählt, aber oft nicht menschlich reagiert. Diese Haltung fand ihre Fortsetzung im Umgang mit den Betroffe­nen und Beiräten in einigen Bistümern und gipfelte in den Ereignissen des Kölner Gutachtenspeckta­kels und den Äußerungen von Bischoff Ackermann, der Opfer als Aktivisten bezeichnete, die sich nicht Zielführend an der Aufarbeitung beteiligen könnten.

Wie viel Porzellan tatsächlich zerschlagen wurde machte neben den zahlreichen Kirchenaustritten zuletzt ein Besuch des Kölner Kardinals in einer Düsseldorfer Gemeinde deutlich. In den Augen vieler Gläubigen hat er keine gute Figur in der Sache abgeliefert. Ihm wurde adäquat eines Fouls im Fußball die rote Karte gezeigt.

Kardinal Marx sprach in seinen Ausführungen von einem *toten Punkt*, an dem sich die Kirche aktu­ell befindet, der aber auch zu einem Wendepunkt werden könnte. Keinen Deut besser hätte er den Zustand einer Kirche beschreiben können, die es durch Versagen erst ermöglicht hat, dass über Jahr­zehnte hinweg anvertraute Kinder und Jugendliche gedemütigt, missbraucht und geschunden wur­den.

Wie Sie wünsche auch ich mir, dass aus dem aktuellen Zustand ein Wendepunkt wird. Wenn sich je­doch der bisherige Verlauf nicht ändert, sind Zweifel berechtigt. Bevor nicht alle Verantwortlichen benannt und die ganze Schande konsequent - notfalls auch gerichtlich - aufgearbeitet wurde, wird es keinen Wendepunkt geben.

Im Markusevangelium am Sonntag wurden die Jesu Worte gesprochen: „Wenn ein Reich oder eine Familie gespalten sind, können sie keinen Bestand haben.“