Karfreitag

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Cruzifixus, um 1520, Kreuzigungsgruppe St. Ignaz, Mainz (c) Kelsterbach
Cruzifixus, um 1520, Kreuzigungsgruppe St. Ignaz, Mainz
So 5. Apr 2020
Pfr. Berbner

Der Gekreuzigte fordert heraus, der Auferstandene lädt ein

 

In unserem Land werden Kreuze abgehängt. Manchmal wird dabei argumentiert, dass der Anblick des Angenagelten und Gequälten unzumutbar sei. Interessant: In einer Zeit, in der Horror- und Katastrophenfilme immer brutaler werden und darin jede Menge Blut fließt, erschaudern hier zarte Seelen.

Aufmerksamkeit erregte auch ein sonderbares Bild bei Sabine, von der ich heute erzählen möchte:

Beim Versteckspiel in der Wohnung der Freundin entdeckte Sabine mitten im Suchen über dem Bett ihrer Freundin Nicole ein seltsames, eingerahmtes Bild: etwas Blaugraues mit schwarzbraunen Rändern und einem Loch in der Mitte.

Sie nahm gerade das komische Etwas von der Wand, um es sich genauer anzusehen, da stand schon Nicole neben ihr, riss ihr mit hochrotem Kopf das Bild aus der Hand und sagte ärgerlich: „Lass meine Sachen in Ruh – das geht dich nichts an!“

Aber auch Sabine war nicht auf den Mund gefallen: „So ein blöder, alter Lappen an der Wand, was soll das?“

Die schönste Zankerei war im Gange, als Nicoles Mutter von der Arbeit nach Hause kam. Mit einem Blick sah sie, was geschehen war. „Kommt“, sagte sie, „vertragt euch. Sabine kann ja nicht wissen, worüber sie lacht. Nicht wahr, Nicole, wir wollen es ihr erzählen.“ So erfuhr Sabine die Geschichte des sonderbaren Bildes:

Als Nicole drei Jahre alt gewesen war, waren die Eltern eines Abends ins Theater gegangen. Als sie heimkamen, schlugen ihnen aus den Fenstern ihrer Wohnung Flammen und Rauchwolken entgegen. Viele Leute drängten sich unten auf der Straße. Auch die Feuerwehr war schon da. Es war ein schreckliches Durcheinander und Rufen und Laufen und Gedränge gewesen.

Aber Nicoles Mutter hatte das alles gar nicht wahrgenommen. „Mein Kind“, hatte sie immer nur wieder gerufen, „mein Kind – es ist in der Wohnung!“ Mit Gewalt hatte man sie festgehalten, als sie in das brennende Haus laufen wollte. Da hatte ein junger Feuerwehrmann die lange Brandleiter an das Fenster gelegt, war flink hinaufgeklettert und in der Glut verschwunden, ehe die Leute recht begriffen, was da vor ihren Augen geschah. Totenstill hatten sie auf einmal dagestanden und zu dem Fenster hinaufgeschaut. Würde er es schaffen? Würde er das Kind retten?

Da tauchte er am Fenster auf. In den Armen hielt er ein Bündel – es war Nicole! Mit letzter Kraft kam er von der Leiter herunter. Er brach zusammen. Zwei Tage später starb er an der Rauchvergiftung im Krankenhaus – Nicole aber lebte.

Frau Hofer schob Sabine das Bild hin. „Sieh“, sagte sie, „das ist ein Stück von dem Rock, den er trug. Die Ränder sind versengt, und ein Loch ist hineingebrannt. Aber jetzt wirst du verstehen, warum das Bild kostbarer ist als alle anderen, die wir besitzen, und warum es über Nicoles Bett hängt.“

„Ja“, sagte Sabine still, „jetzt verstehe ich. Wenn er nicht sein Leben eingesetzt hätte, wäre Nicole tot.“ Und ganz vorsichtig hängte sie das kostbare Bild wieder an den Nagel, von dem sie es vorhin abgenommen hatte.

(H.O. Knackstedt/H.G. Koitz/M. Lorentz in: Willi Hoffsümmer, „Es freu sich, was sich freuen kann“ S.36-38)

 

Die Leute, die das Kruzifix abgehängt sehen möchten, wissen vielleicht gar nicht, was es für uns bedeutet: Da nimmt einer freiwillig Leid und Folter auf sich, um mit dem Kreuz eine Brücke über den letzten Abgrund zu legen, der uns noch von Gott und seiner Herrlichkeit trennte.

Über diese Brücke können jetzt alle Menschen guten Willens gehen, um in den Garten zu kommen, in dem keine Bomben mehr explodieren, keine Seele hungern muss und wir uns endlich ohne Ängste bewegen können.

Wie wäre es mit einem Kompromissvorschlag?

Es gibt auch Darstellungen mit Jesus am Kreuz, die ihn nicht als Sterbenden zeigen, sondern bereits seine Auferstehung andeuten, indem er uns in aufrechter Haltung seine Arme so entgegenhält, dass wir gerne seine Umarmung annehmen. Wenn wir die beiden Balken des Kreuzes wegnähmen, stände er da, wie der Engel ihn den Frauen verkündete:

„Er ist nicht mehr hier. Er ist auferstanden!“ (Mt 28,6)

 

Jesus

 

Ostern ohne Karfreitag ist eine Illusion,

Karfreitag ohne Ostern eine Katastrophe.

(Franz Böckle)