„Hier ist auch Theologie“. Über das Sortiment einer Buchhandlung

Ein Freitag im Dezember. Zuerst die Zugfahrt nach München durch zart verschneite Landschaften, dann der Besuch bei meiner Patentante im Pflegeheim, den ich mit einem nostalgischen Spaziergang vom Stachus zum Christlkindlmarkt auf dem Marienplatz abschließen möchte. Vor Jahrzehnten fuhren wir mit der Familie regelmäßig im Advent nach München, um die alleinstehende Tante zu besuchen und gemeinsam auf dem Münchener Christkindlmarkt Krippenfiguren, Holzmodel und Kunsthandwerk zu bestaunen und zu begehren. In meiner schwäbischen Heimatstadt gab es damals weder einen Weihnachtsmarkt noch eine Buchhandlung in den Dimensionen des neu konzipierten Hugendubel am Marienplatz. Beides, Christkindlmarkt und Buchhandlung, waren der Inbegriff von Großstadt.

Mit dem festen Vorsatz, eine theologische Reiselektüre zu erstehen, steuere ich diesmal die Buchhandlung an. Wie inzwischen fast überall, so gibt es auch bei Hugendubel keine Regale, die mit „Theologie“ überschrieben wären. Stattdessen „Religion & Philosophie“, „Entspannung & Spriritualität“ sowie „glauben.leben“. In dieser Rubrik sind die aktuellen Aufreger zu sex and the Church auf Augenhöhe platziert: Frédéric Martels „Sodom“, Hubert Wolfs Zölibatsbuch. Nicht fehlen dürfen Kirchenkritik (Stefan Jürgens, Ausgeheuchelt) und als Kontrapunkt dazu die alternative Lebensweisheit des Klosters (Peter Seewalds Schule der Mönche). Immerhin findet sich in dieser Auswahl auch ein genuin theologisches Buch zur Entstehung der Bibel (Konrad Schmid und Jens Schröter). Ansonsten füllt Lebenshilfe von Ralf Dobelli über Anselm Grün bis hin zu Margot Käßmann dieses Regal. Eine Buchhändlerin, die neue Ware einsortiert, frage ich spontan nach theologischen Büchern. „Hier ist auch Theologie“, antwortet sie mir. Und demütig ahne ich, dass sie recht hat. Genau diese offenkundig gut verkäuflichen Lektüren greifen Hoffnungen, Träume und Sehnsüchte von Menschen nach einem guten Leben auf, und genau deshalb sind sie theologisch relevant.

Dennoch ist mir schnell klar, dass ich in dieser Abteilung nicht die akademische Reiselektüre finden werde, die ich mir eigentlich vorgestellt hatte. Die drei Regale „Zeitgeschehen“ mit ihrer auffällig größeren Buntheit ziehen mich an. Schon ein kursorischer Blick über die Titel offenbart: Säkularisierung hin oder her, das Zeitgeschehen ist ohne Religion nicht zu haben. Muslimische Frauen und deutsch-polnische Feministinnen setzen sich mit ihren religiösen Traditionen auseinander. Die kulturpolitische Zeitschrift „Kursbuch“, einst ein linkes Projekt, widmet die 196. Ausgabe ganz der Religion; die 200. Ausgabe des Kursbuchs nimmt Revolte und Maria 2.0 in den Blick. Soziologen wählen theologisch anmutende Titel wie „Resonanz“, „Unverfügbarkeit“ oder „Die letzte Stunde der Wahrheit“ für ihre Veröffentlichungen; sie befassen sich mit den biblischen Schöpfungserzählungen und dem Verhalten von Menschen in Kirchengebäuden. Ganz offenkundig ist im Zeitgeschehen viel Religion drin, vielleicht sogar Theologie.

Warum ich im Januar über ein Erlebnis im Advent schreibe? Weil mich die Aussage „hier ist auch Theologie“ im Jahr 2020 als Herausforderung begleiten soll: Von welchen Lebensträumen und Hoffnungen erzählen die aktuellen Bestseller und Ratgeber in Buchhandlungen, die Essays in Zeitschriften oder die Sinnsprüche auf Postkarten in Lifestyleläden? Welche Theologie, welche Pastoral nimmt diese Gesprächsfäden auf? Und welche Theologie braucht das Zeitgeschehen? Ich wünsche mir, dass wir in unseren Gemeinden, in unserem Bistum auf dem Pastoralen Weg und in der deutschen Ortskirche auf dem Synodalen Weg gemeinsam über diese Fragen nachdenken.

Regina Heyder

Buchhandlung (c) Pixabay