Kirchweih 2020 Zornheim

Gockel Zornheim (c) Andrea Keber
Gockel Zornheim
Datum:
So 30. Aug 2020
Von:
Pfr, Hubert Hilsbos

Liebe Gemeinde,

wir haben heute einen seltenen Gast unter uns. Sonst ist er nicht sehr weit von uns entfernt; dafür aber sehr hoch auf den höchsten Punkt von Zornheim gesetzt auf das Kreuz und Kirchturmspitze unserer Kirche St. Bartholomäus, die in diesem Jahr 125 Jahre alt ist.

Vor etwas mehr als zwei Wochen wurden die restaurierten Ziffernblätter der Turmuhr wieder angebracht. Bei dieser Gelegenheit sollte auch der Gockel wieder geradegerichtet werden – er war im Laufe der Zeit etwas schief gewor-den – und dabei hat man festgestellt, dass er defekt ist und repariert werden musste.

So kam der Kirchturmhahn nach über 36 Jahren wieder herunter – und steht nun hier und schaut uns – zunächst etwas „betrebbelt“ – an. Für ihn und uns eine ganz neue Perspektive – fast Auge in Auge.

Aber, er wäre nicht der Kirchenhahn von Zornheim wenn er nicht die Gelegenheit nutzen würde uns jetzt etwas zu sagen, das mehr ist als ein morgendlicher Weckruf mit einem kräftigen „Kickeriki“!

„Liebe Zornheimer Artgenossen, … Hähne und Hühner …, - Entschuldigung, es heißt ja Gemeinde,

wisst ihr eigentlich was da für ein Knochenjob ist, da oben in luftiger Höhe, über 43 Meter vom sicheren Boden entfernt. Gut, dass ich schwindelfrei bin. Und will mich auch gar nicht beklagen, denn der Ausblick von da oben ist grandios, die Perspektive ist unbeschreiblich. Es ist so ähnlich wie wenn man in die Berge fährt und von oben alles betrachten kann. Da werden Zusammenhänge sichtbar, … was scheinbar wichtig ist, wird klein und unscheinbarer; irgendwie relativiert sich alles und bekommt seine richtige Bedeutung und Stellenwert. - Nicht schlecht sage ich Euch: So ein Blick verändert vieles!

Ihr wisst, dass ich von Natur aus ein Frühaufsteher bin. Ich liebe den Morgen; noch bevor es richtig hell wird, werde ich lebendig. Ich begrüße mit meinem Morgenschrei die Sonne und das Licht und sage: Zornheimer, es wird langsam Zeit aufzustehen; auf und raus – ein neuer Tag beginnt. Und es ist doch wie ein Geschenk, wenn ich mit einem neuen Tag auch neu anfangen kann.

Ich bin da auf der Kirchturmspitze, weil ich noch mehr sagen will: Jeder neuer Tag, jedes Morgenrot und frühes Sonnenlicht ist ein Zeichen dafür, dass es Gott gut mit uns meint, dass er jeden Tag die Sonne aufgehen lässt und dass Angst, Finsternis und Dunkelheit in unserem Leben nicht das letzte Wort haben.

Ich habe es sogar bis in die Bibel geschafft. Ihr habt es gerade noch gehört, das mit dem Petrus, der Jesus dreimal verleugnet hat und dann krähte der Hahn. Wahrscheinlich war es damals schon dämmrig und dann ist mein Weckruf auch ein Mahnschrei, der einen Überlegen lässt und ins Grübeln bringt: Was mache ich gerade? Ist das richtig oder sollte ich doch umkehren, … etwas anderes machen, mich anders entscheiden. Was ist wichtig und wesentlich? Worauf kommt es jetzt an? Was muss ich auch lassen? – Ja mein Weckruf ist manchmal auch ein Aufrüttler, der zum Nachdenken anregt … und gleichzeitig erinnert er daran, dass Jesus uns liebevoll anschaut – wie damals den Petrus, der ihn gerade verleugnet hat. - Der Petrus jedenfalls hat dann noch die Kurve noch bekommen …

Auch wenn es mitunter etwas windig ist, habe ich einen ganz besonderen Platz – nicht nur von der Höhe her, sondern ich sitze immerhin auf der Kreuzspitze. Das ist mein Platz; den verlasse ich nur ganz selten, weil ich in jede Windrichtung hinausschreien möchte, was das Wichtigste ist: Jesus sein Leben mit den Menschen und für die Menschen, - besonders die, die arm dran sind, … dass sein Tod am Kreuz nicht der absolute Endpunkt war, sondern Ostern ist der neue Anfang Gottes, … Und jeden Sonntag, das kann ich immer gut hören, wird ein kleines Osterfest in der Kirche gefeiert, damit die Erinnerung nicht verloren geht woher das Leben kommt, was im Leben trägt und wer ein Anker ist in den Stürmen und Wirren der Zeiten.

Ich kann Euch sagen, das Kreuz trägt und hält und zeigt die wichtigsten Lebensrichtungen an: Nach oben zum Himmel und zu Gott - und nach links und rechts … Jesus fasst das kurz zusammen uns sagt, dass alles wirkliche und echte Leben mit Gottes- und Nächstenliebe zu tun hat.

So, jetzt habe ich erstmal genug gesagt. – Ich bleibe noch bisschen bei Euch, denn mir wurde versprochen, dass ich mein Gefieder etwas richten und erneuern kann; damit ich nicht mehr so blass aussehe, sondern weithin zu sehen bin, wenn die Sonne mich anstrahlt. …

Nee, stolz bin ich nicht; eher selbstbewusst: Denn ich bin immerhin der Kirchturmgockel von Zornheim.“

Amen.