Schmuckband Kreuzgang

Camino descalzo – barfuß nach Santiago

Camino_6 (c) Pfr. Fillauer
Camino_6
Datum:
Di. 7. Juni 2022
Von:
Marion Bauer

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – das kann ich auch über meinen fünften Camino sagen. Mit der stets neuen erwartungsvollen Spannung bin ich am Himmelfahrtstag in Frankfurt gestartet, um dann von Santiago aus nach einer dreistündigen Busfahrt den Ausgangsort Sarria (Lugo) zu erreichen. Wie wird es diesmal werden, immerhin nach zweijähriger Zwangspause, und diesmal (wieder) allein. Alle Bedenken überwindend und Erwartungen übertreffend war dann der Camino, der Weg der Wege. Täglicher Start zwischen 6.30 und  7 Uhr, nicht nur der Temperaturen wegen, sondern auch um die Stille des frühen morgens zu genießen. D.h. 5 Uhr Aufstehen, Bad, Brevier, Packen und los. Die erste Etappe war immer eine Zeit der Innerlichkeit mit mir selbst und dem Herrn. Natürlich wurde ich dann ständig angesprochen: Ein Pfarrer, der dazu noch ohne Schuhe „Descalzo“ unterwegs ist, das war schon einen Einmaligkeit. Unzählige Gespräche weltweit um den gesamten Globus – und ebenso viele Kontakte, die aus Fremden Freunde, eben Caminobrüder machen. Warum gehst Du so? Nun – Bodenständigkeit, Sensibilität für das Auftreten, Erdverbundenheit, in den Spuren Jesu. Das sorgte für immenses Gesprächspotential, schaffte aber auch unendliches Vertrauen. Irgendwie kam diesmal das Wort des amtierenden Papstes, die Hirten müssten den „Stallgeruch der Schafe“ kennen, an. Nach ca. 2 ½ – 3 Stunden die erste Stärkung bei Orangensaft, dann weiter. Geleitet wird man neben der Pilgerschar von Steinen, die Weg und Entfernung anzeigen. Mittags der 100-km-Stein bis Santiago. Am Nachmittag bei inzwischen glühender Sonne erreichte ich Portomarin, dort wieder Begegnungen, Messe im Zimmer (leider sind die meisten Kirchen zu). Am nächsten Morgen im Nebel Start in den zweiten Tag, mit Station bei einem alten Hospital, und zur Mittagszeit wurde es richtig heiß. Erschöpft kam ich in Palas da Rei um 16 Uhr an. Am Sonntagmorgen 6.30 Uhr Start in den längsten 30 km Pilgertag, zugegeben immer mit ein wenig Bange, denn der Weg ist steinig. Bekannte Gebäude und Orte, besonders aber auch bekannte Stimmen waren Meilensteine. Am späten Vormittag, nach neugebauter Brücke, Furelos, ein Kapellchen mit den schönsten Kreuz des Camino – leider wieder zu. Auch in der Stadt Melide sind alle Kirchen geschlossen, bis auf eine uralte Marienkirche. Dort feiere ich spontan die Hl. Messe, und danach ist die Kirche brechend voll! Und damit – Halbzeit des Camino! Durch Eukalyptuswälder geht der Weg zu einem Kirchlein mit einer uralten Jakobusstatue; dann  setzt etwas Wind ein. Am Spätnachmittag im nächsten Ort kurze Pause, Gespräch mit Pilgern, die hier übernachten, und noch 4 km, bis 18 Uhr. Abendessen ist verdient. Am nächsten Tag sind es fast ebensoviele Kilometer. In der Mittagszeit erreiche ich das Ziel; viele Gruppen, die mich zum Essen einladen wollen, aber nach einem Kaffee geht es weiter. Und das war neu: Die sonst überlaufen Strecke nach wunderbaren Wäldern ist diesmal verlassen, Ich bin fast allein, Ein Kontrast auf diesem Stück zu früheren Wegen. Am Stadtrand das obligatorische Foto am Grenzstein, dann am Flughafen vorbei zur Unterkunft. Nach Messe im Zimmer und Essen ebenda die letzte Nacht unterwegs. Dann Dienstag, Mariä Heimsuchung in der Weltkirche, sind morgens auch noch nicht viele unterwegs. Wehmut und Abschiedsschmerz stellt sich bereits jetzt ein. Erst waren es die Bedenken, kannst Du, sollst Du, willst Du pilgern… mit allen Bedenken, wirst Du es schaffen…  und dann kurz vor dem Ziel will man gar nicht ankommen! Camino des Lebens-Weges. Früher als sonst, 9 Uhr, der erste Blick auf die Kathedrale vom Monte de Gozo.  Und dann – Abstieg und Einlaufen, mit unzähligen die vorher hier gingen und nachher noch kommen. Jubel bei manchem Wiedersehen, Man kennt sich. Und pünktlich um 11 Uhr laufe ich auf den Platz vor der Kathedrale ein . Und mit mir kommt ein Platzregen,  Dennoch, langes, stilles Gebet, TeDeum, Deo Gratias, und auch diesmal wieder weint nicht nur der Himmel. Nach Zimmerbezug und Trockenlegen hole ich meine Compostela, die Pilgerurkunde, gehe in die Kathedrale, durch die Porta Sancta (denn es ist Heiliges Jahr). In meiner Stammkneipe werde ich um 15 Uhr mit der Nationalhymne begrüßt.  Zum Pilgeramt am Abend herzlichster Willkommensgruß in der Sakristei. Man ist nicht unbekannt. Und dann: Das Weihrauchfass, der Botafumeiro, wird schwingen, und ich lege kräftig ein! Himmel!

Und der Nachmittag, der Abend, der nächste Tag? Fiesta, Beichte, täglich Messe und Gebet, jeden Tag lange am Apostelgrab, dort lege ich auch alle Fürbittzettel ab, die ich den ganzen Weg mitgetragen habe. Und dann vor allem: Begegnungen noch und nöcher. mit Menschen aus aller Herren Länder. Und da ist der Caminio am Ziel: So stelle ich mir den Himmel vor: Das bleibende Wiedersehen mit allen, die auf dem Lebens-Weg mit mir unter-wegs waren. Von Santiago müssen wir alle wieder aufbrechen, unsere Wege gehen. Aber – mit dem Ziel und der Perspektive, dass wir alle uns dereinst im Himmel am Ziel aller unserer Wege wiedersehen werden. Das ist meine feste Überzeugung.

Doch – war das nicht am Sonntag ein Satz in der Lesung: Ich sehe den Himmel offen…!

Und für die „Zwischenzeit“ bleibt meine Botschaft dieses Camino: Du lenkst alle meine Schritte!

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