Kath. Pfarreien Herz-Jesu und St. Thomas Morus Obertshausen

Neobarock und Jugendstil in der Herz Jesu Kirche

In Laufe der Jahrhunderte etablierten sich für kürzere oder längere Zeiten gewisse Ansichten in der Frage, wie Gegenstände aussehen sollten (Design). Das betraf in erster Linie die Kunst. Architekten galten schon immer als Künstler unter den Baumeistern und lernen dies ja auch in ihrer Ausbildung. So sind Kunstrichtungen in den verschiedenen Epochen in Bauten zu finden. Der Kölner Dom wurde zwar über Jahrhunderte gebaut (1248 begonnen, 1530 Baustopp 1842 Weiterbau, 1880 vollendet), behielt aber den gotischen Stil, da man sich an die ursprünglichen Pläne hielt. Bei anderen Bauten änderten sich auch die Stile im Laufe der Zeiten. Die Herz Jesu Kirche wurde Ende des 19. Jahrhunderts konzipiert. Der Bau fand in der Zeit des Jugendstils statt. Davor gab eine Zeit der Besinnung auf die alten Werte des Barocks, was als Neobarock bezeichnet wird.


In der Zeit Napoleons nach 1800 herrschte als Kunststil die Klassik. Sie besticht durch klare gerade Linien in der Senkrechten und Waagerechten. Eingänge benutzten die schnörkellosen Säulen aus der römischen Zeit mit wenigen Schmuckelementen. Es war die nachrevolutionäre Zeit, in der der Vernunft der Vortritt gelassen wurde. Parallel entwickelte sich dazu der Nazarenerstil, eine Malweise die vorwiegend im religiösen Bereich zu finden ist. Realistisch gemalte Menschen mit markanten Farben häufig in Pastelltönen, die Menschen mit ernsten Mienen herrschen bei diesem Malstil vor. Dieser Stil ist bis ins 20.Jahrhundert zu finden, zuletzt etwas verkommen insbesondere bei Heiligenbildchen und sonstigen Devotionalien.

Spitzweg 'Der arme Poet'

Spitzweg "Der arme Poet"

Mit der Verbannung Napoleons wurde eine neu Form der Ausdrucksweise im Leben gesucht und gefunden, das Biedermeier. Rückzug aus den großen Geschehnissen, Rückbesinnung auf die eigene Person bestimmten diese Zeit. Spitzwegs armer Poet ist eines der bekanntesten Werke dieser Zeit. Romantik und Impressionismus sind die wichtigsten Stile dieser Zeit. Aber diese Zeit der Rückbesinnung ging vorbei und man wollte wieder etwas nach Außen darstellen. In der Kunst entwickelte sich der Expressionismus und in der Architektur besann man sich auf die Werte alter Kunstrichtungen wie dem Barock. Öffentliche Gebäude wurden dementsprechend ausgestattet: Säulen, Kapitelle und Friese wurden mit Schmuckwerk überhäuft, das war der Neobarock (1840 – 1900).


Etwa 1880 besann man sich wieder auf andere Werte. Schmuck war zwar schön, aber er erfüllte keinen Zweck außer der Schönheit. Schönheit

erster Motorwagen von Carl Benz

erster Motorwagen von Carl Benz

und Funktion sollten in einen Einklang gebracht werden. Es war die Zeit der großen Erfindungen und Entdeckungen, die Zeit der industriellen Umwandlungen. Neue Geräte kamen auf den Markt und wollten designt sein. Entsprechend der Funktion wurden Gegenstände in ihre Form gebracht. Dabei wurde nicht vergessen, dass Verzierungen das Aussehen aus der Schnödheit in die Schönheit bringen konnte. Wenn die Funktion eine gewisse Kantigkeit produzierte, konnten möglichst runde Linienverläufe diese erheblich herabmildern. Damit war der Jugendstil geboren, der bis 1920 zu finden ist.

So wurde vor der Erfindung des Autos die Kutsche als Fortbewegungsmittel benutzt. Das erste Auto sah eher wie eine Kutsche aus (siehe links). Die technischen Vorgaben erforderten aber bald eine stärkere Betonung der Funktion. So wurde der Motor nach vorne gesetzt über die Vorderräder und das Getriebe erforderte auch genügend Platz im Motorraum. So entstand die heutige Form der Autos. Allerdings blieb es bei den Kutschennamen wie Limousine und Cabriolet für die speziellen Formen der Autos.

Fuldaer Dom Bauzeit 1704-1712 barocker Stil

Fuldaer Dom Bauzeit 1704-1712 barocker Stil

Otto Normalverbraucher kann mit diesen Stilrichtungen wenig anfangen, deswegen ist es angebracht, diese Stilrichtungen durch Beispiele zu erklären. Hier sehen sie ein rein barockes Bauwerk, den Fuldaer Dom. Jedes Stück Mauerwerk, welches sonst frei bliebe, wurde mit eine Figur oder einem Ornament versehen. Dadurch wird die ansonsten strenge Linienführung des Mauerwerks aufgelockert und überall wird damit ein markanter Punkt zum Verweilen des Auges geschaffen. Es gibt bestimmt bessere Beispiele barocker Pracht als dieses, aber die wesentlichen Elemente sind hier gut erkennbar.

In Frankfurt in der Ulmenstraße 20 steht der Livingstonsche Pferdestall, eine ehemalige Remise für Pferde und Kutschen des Frankfurter Geschäftsmannes Marks John Livingston. Heute ist darin ein Restaurant mit Bürgerhausräumen eingerichtet worden und

 

Livingstonscher Pferdestall (Neobarock 1880 errichtet)

Livingstonscher Pferdestall (Neobarock 1880 errichtet)

konnte damit vor dem Abriss gerettet werden. 1880 wurde es inmitten des Frankfurter Westends von dem Architekten Carl Ludwig Schmidt im Stil barocker Feudalarchitektur entworfen und gebaut. Trotz der zweigeschossigen Bauweise diente es dem genannten Zweck. Die zweite Etage konnte mit einem eigens zum Kutschentransport  errichteten Aufzug für die Unterbringung der Kutschen verwendet werden. Außen ist der Bau mit barocken Verzierungen versehen, ist aber von der Bauzeit her kein Barock, sondern Neobarock, hier an einer „profanen“ Remise.

An Kirchen ist Neobarock nicht leicht zu erkennen, häufig fehlt das barocke Gepränge. Durch die Säkularisation Anfang des 19. Jhd. fehlte den Kirchen das Geld dafür. So sind nur die äußeren Formen barock. Beispiel dafür ist die Kirche von Eichenau bei Fürstenfeldbruck, die der Herz Jesu Kirche sehr ähnelt. Mittelschiff, Apsis und der Turm sind von der Form her

 

Kath. Pfarrkirche Eichenau bei Fürstenfeldbruck

Kath. Pfarrkirche Eichenau bei Fürstenfeldbruck

fast identisch. Solche Kirchen findet man im schwäbischen Barockwinkel (etwa Kreis Günzburg) zuhauf, dann aber als echter Barock. Entscheidend ist also beim Neobarock die barocke  Form und das Baujahr.


Nach dem Barock setzte die Zeit des Rokoko ein. Das war die Zeit von W. A. Mozart. Häufig wurde eine Kirche im Barock konzipiert, aber erst im Rokoko fertiggestellt, was hier und da dazu führte, dass plötzlich neben dem Barock Rokoko-Stilelemente auftauchten, ein schönes Beispiel ist Vierzehnheiligen bei Lichtenfels in Oberfranken mit einer barocken Fassade und einer Rokoko-Innenausstattung. Dieses Schicksal betrifft auch neobarocke Kirchen. Der Folgestil des Jugendstils machte sich in neobarocken Kirchen breit, so auch in der Herz Jesu Kirche. Besonders schön ist das bei den Fenstern zu sehen. Die Oberlichter im Mittelschiff sind reiner Jugendstil!

 

Oberlicht Mittelschiff Herz Jesu Kirche (Jugendstil)

Oberlicht Mittelschiff Herz Jesu Kirche (Jugendstil)

Der Fensteroberrand ist zwar barock geschwungen, aber das findet man im Jugendstil durchaus, Der Fensterrahmen ist durch einen Scheinrahmen im Fensterglas verstärkt; die Funktion des Rahmens wird also besonders betont. Im Fenster ist scheinbar ein zweites Fenster eingelassen mit einer Art Wappenschild oben mit den Chi-Rho-Zeichen und einem jugendstil-typischen floralen Behang in etwas geschwungener Form.


Wer jetzt noch nichts mit Jugendstil anfangen kann, sei nach Darmstadt verwiesen. Dort wurde 1899 vom damaligen Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein (Hessen-Darmstadt) eine Künstlerkolonie ins Leben gerufen. Dort sollten zeitgenössische Künstler neuzeitliche

 

Hochzeitsturm und Ausstellungsgebäude Mathildenhöhe (Jugendstil)

Hochzeitsturm und Ausstellungsgebäude Mathildenhöhe (Jugendstil)

Bau- und Wohnformen entwickeln und diese auch gleichzeitig verwirklichen. Die Künstler gehörten ausnahmslos dem Jugendstil an. Nach anfänglichen Problemen –die erste Ausstellung endete mit einem finanziellen Fiasko – verließen einige Künstler die Kolonie. Trotz aller Widrigkeiten wurde aber weitergeplant und auch gebaut. Weitere Ausstellungen folgten mit mehr oder weniger Aufsehen und mit dem Ersten Weltkrieg und nach der Abdankung des Großherzogs wurde die Kolonie aufgelöst. Heute ist die Kolonie trotz der Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg noch immer vorhanden und auch wieder neu belebt. Auf der Mathildenhöhe steht der Hochzeitsturm mit der Ausstellungshalle, alles Jugendstilgebäude, ebenso wie diverse Wohnhäuser, die zusammen ein bedeutendes Kulturerbe Darmstadts darstellen. Es lohnt sich ein Besuch!

Die Herz Jesu Kirche ist sicherlich kein architektonisches Musterbeispiel einer Kirche. Sie hat aber Charme und wenn man etwas an ihr kratzt, tuen sich plötzlich Welten auf. Man muss nur richtig hinschauen. So ist die Kirche allein nicht vollständig, man muss das Pfarrhaus mit der Kirche sehen, das ist ein Ensemble, da das Pfarrhaus den gleichen Stil hat wie die Kirche. Das Dach inklusive des Dachfensters werden hier dupliziert. Der Fotograph könnte verzweifeln, wenn er nur die Kirche ablichten will. Mit dem Pfarrhaus ist das kein Problem, als wenn das so gewollt wäre.

Johannes Lötz 4.6.2012