Kath. Pfarreien Herz-Jesu und St. Thomas Morus Obertshausen

von 1803 - 1910: Von der Säkularisation bis Aufbau der Herz-Jesu-Kirche

 

Napoleon

Napoleon

Die Säkularisation 1803 brachte eine völlig neue Ordnung. Napoleon brachte die "Segnungen der französischen Revolution" nach Deutschland: Die Kirchen wurden enteignet. Nach dem Reichsdeputationshaupschluss, der dies regelte und gleichzeitig zur Auflösung des "Hl. römische Reichs deutscher Nation" beitrug, galt für die Besitztümer des Bistums Mainz die vom Üblichen abweichende Regel, dass die rechtsrheinischen (Rest-)Gebiete des Bistums Mainz dem Fürstentum Aschaffenburg übertragen wurde. Gleichzeitig wurde der letzte Bischof von Mainz Karl Theodor von Dahlberg Kur-Erzkanzler. Die Gebiete östlich des Rheins und südlich des Mains (bist fast zum Neckar) wurden in der Provinz Starkenburg zusammengefasst, eine der drei Provinzen des Großherzogtums Hessen. Die Verwaltung Heusenstamms und damit auch Obertshausens wurde weltlich nach Isenburg übertragen, die Selbständigkeit der Schönborns war dahin. Kirchlich blieb alles beim Alten, Aschaffenburg war zuständig. Nur die weltlichen Regeln änderten sich: Wenn der Heusenstammer Pfarrer Hilfe aus Frankfurt brauchte, musste er sich das behördlich genehmigen lassen. Die Versorgung von Obertshausen war somit gefährdet.

Ein Flüchtlingspfarrer aus Lothringen, der im Rahmen der französischen Revolution fliehen musste, fand Unterschlupf beim Schultheis in Obertshausen und konnte dem Pfarrer von 1796 bis 1798 Hilfe leisten. Er starb dann leider und wurde in Obertshausen beerdigt. Die Säkularisation hatte aber auch etwas Gutes. Wegen der Auflösung des Klosters Ilbenstadt kamen zwei Mönche nach Heusenstamm und konnten den Pfarrer bis 1818 unterstützen.

 

Karl Theodor von Dahlberg

Karl Theodor von Dahlberg

Nach den Befreiungskriegen und der endgültigen Verbannung Napoleons nach St. Helena kam die Neuordnung des Wiener Kongresses zum Zuge. Auf dem Wiener Kongress 1815 wurden die Gebietsgrenzen erneut verschoben oder aufgehoben. Durch die Zirkumskriptionsbulle Provida solersque wurden 1821 die Bistumsgrenzen Deutschlands neu geordnet, den politischen Grenzen angepasst und damit das größte Bistum Mainz des alten Reiches auf einen Bruchteil geschrumpft.  Die Herrschaft der Schönborns endete und das Amt gehörte dem Landratsbezirk Seligenstadt. Das Großherzogtum Hessen (die Provinzen Oberhessen und Starkenburg) wurde um Rheinhessen vergrößert und bildete das Bistum Mainz. Diese Gebietsaufteilung hat sich kirchlich bis heute im Wesentlichen gehalten inklusive der Exklave Bad Wimpfen. 1820 bekam das Gebilde die Verfassung einer konstitutionellen Monarchie. Regierungssitz war Darmstadt. Bistumssitz war und ist Mainz. Aschaffenburg gehörte nicht mehr zu Mainz und wurde Bayern zugeordnet. Obertshausen/Hausen war Filiale von Heusenstamm.

Die Folgen der politischen Umschichtungen führten in der Regel zu einer Verbesserung des wirtschaftlichen Lebens. Obertshausen erlebte offensichtlich ein Wachstum. Der Friedhof um die Nikolauskirche wurde zu klein und deshalb erweitert. Zum Häuser Weg (heute Bahnhofstrasse) wurde ein Ausgang gebaut. 1823 erhielt Obertshausen den Lehrer Johannes Hindelang, den ersten Lehrer für Obertshausen mit Seminarausbildung. Dieser wirkte 47 Jahre segensreich für Schule und Kirche. der Kreis Offenbach bekam 1832 die Hoheit über das Amt.  1840 machte der Pfarrer von Heusenstamm den ersten Versuch zur Einrichtung einer ordentlichen Pfarrstelle in Obertshausen. Der Versuch scheiterte, weil die reicheren Bürger befürchteten, dazu Geld hergeben zu müssen. Das staatliche und kirchliche Recht sah das so vor. Der Pfarrer musste ja irgend wovon seine Ausgaben bestreiten und ein Kirchenvermögen als Dotation (Pfarrpfründe, Benefizium) in Obertshausen gab es nicht. Die waren bekanntermaßen durch die Säkularisation so wie so arg dezimiert worden, wenn es sie gab.  Insofern lassen sich die Bedenken der Obertshausener "Reichen" durchaus nachvollziehen.

Durch die Säkularisation Napoleons erlitt die deutsche Kirche einen bitteren Einschnitt in die Vermögensverhältnisse. Durch die bis dahin herrschende feudale Gesellschaftsstruktur bedingt, hatte auch die Kirche neben dem Adel eine Vermögensanhäufung riesigen Ausmaßes. Vorwiegend waren das Grund- und Bodenbesitz und Gebäude aller Art (Grundbesitz ca. 25 % des Reichsgebietes, Portugal hat das noch heute!).

Diese Vermögen dienten hauptsächlich zur Unterhaltung der verschiedensten Aufgabe der Kirche, wie Seelsorge und Caritas aber auch politische Aufgaben, die Kirchenfürsten hatten ja auch hoheitliche Funktionen. Aus diesem Grunde wurden schon früh die Vermögen in Sondervermögen aufgeteilt: Die "mensa episcopalis" (heute "Bischöflicher Stuhl") für die religösen Zwecke und ein Sondervermögen für die politischen. Sonst hätten Kriege theologische Belange hart treffen können. Die Vermögen hatten auch einen Stiftungscharakter, was eine Zweckbestimmung und Ewigkeitswert vorsah. 

Die Ideen der französischen Revolution sahen das etwas anders, die caritativen Aufgaben waren durchaus anerkannt, aber was machten denn nur die kontemplativen Orden anderes als "Geld verplempern", von der Kirchenführung mit ihrer Hofhaltung ganz zu schweigen, monarchistische Strukturen waren der Revolution verhasst. Das führte zu den Verfolgungen während der Zeit unter der Herrschaft Robespierres und letztlich zur Säkularisation.

Nach der Machtübernahme der Regierung durch Napoleon besiegte Bonaparte zunächst Österreich und Deutschland und besetzte die linksrheinischen Gebiete. Den Adeligen, die damit ihre Besitztümer dort verloren, empfahl er, sich an den Kirchengütern in Deutschland schadlos zu halten. Der Reichsdeputationshauptschluss war dann die juristische Waffe dazu. In der Folge war das deutsche Reich vollkommen umgekrempelt und die Kirche faktisch entmachtet. Neue Vereinbarungen zwischen Staat und Kirchen, damit diese ihre Aufgaben erfüllen konnte, dauerten zwei Jahrzehnte und die vermögensrechtlichen Folgen sind bis heute ein staatskirchenrechtliches Problem ersten Ranges.

1845 wurde der spätere Prof. Dr. theol. et phil. Peter Bruder geboren. Er kümmerte sich Zeit seines Lebens um "sein" Obertshausen, obwohl er hier nie amtlich tätig war. Er betrieb letztlich die Einrichtung einer Pfarrstelle für Obertshausen. 1858 wurde von der Base von Dr. Bruder an der Heusenstammer Strasse die kleine Kapelle gestiftet. Die Zivilgemeinde beteiligte sich mit 100 Gulden. Das Kreuz an der Bahnhofstrasse (vor dem Hotel "Zur Post") wurde im gleichen Jahr errichtet. Wegen der Zunahme der Einwohnerzahl in Obertshausen wurde 1870 am Rembrücker Weg der Neue Friedhof eingerichtet (jetzt Alter Friedhof). Nach der Einweihung 1876 werden die Beerdigungen auf dem Friedhof rund um die Nikolauskirche eingestellt.

Zwischen 1871 und 1878 gab es die Auseinandersetzungen zwischen Papst Pius IX. und der deutschen Regierung unter Otto von Bismarck, die als Kulturkampf in die Geschichte eingingen. Der Staat wollte die strikte Trennung von Kirche und Staat und setzte sich für die Zivilehe ein. Die Kirche wollte ihren Einfluss in Öffentlichkeit und Politik durchsetzen und setzte sich für ein Primat der Kirche über Staat und Wissenschaft ein. Der Protestant Bismarck zog alle legislativen Register (Kanzelparagraph, Zivilehe, Brotkorbgesetz) und seitens der katholischen Minderheit (!) wurde die Zentrumspartei gegründet. Priester durften sich in Predigten nicht mehr zu Staatsthemen äußern, da sie dann bestraft werden konnten (saftige Geldbussen und / oder bis zu 2 Jahre Festungshaft). Parallel entwickelte sich die Industrie immer mehr und damit wuchsen auch einige Probleme wie die Verelendung. Die soziale Frage stand im Mittelpunkt aller interessierten Kreise. Die katholische Kirche griff dies auf, sie hatte ja mit dem katholischen Gesellenverein (jetzt Kolpingverein) schon gute Erfahrung bei der Eindämmung der sozialen Folgen der Industrialisierung gemacht. Der Mainzer Bischof von Ketteler wurde wegen seiner Predigten zu diesem Thema zu 2 Jahren Festungshaft verurteilt. Der Kulturkampf hörte 1878 auf, als Bismarck die Sozialistengesetze durchsetzen wollte und dies ohne Hilfe der Zentrumspartei nicht schaffen konnte. Erst 1887 wurde der Kampf (seitens der Kirche einseitig) offiziell für beendet erklärt.

1856 weilte Bischof Ketteler zur Firmung in Hausen. Die Kapelle in Hausen war in einem sehr schlechten Zustand und der Bischof mahnte die Hausener: „Christus muss immer noch in einem Stall wohnen - nämlich in Hausen hinter der Sonne". Innerhalb zwei Jahre war die "Kapell" wiederhergestellt, war aber schon damals viel zu klein für Hausen. 1896 wird der Bau einer neuen Kirche beschlossen, die 1899 fertig ist. Aus Erparnisgründen hat man die Pläne der fast baugleichen Kirchen in Dietesheim und Hainhausen benutzt, St. Josef ist also ein Serienprodukt. 1901 wurde die Kirche dem Hl. Josef geweiht. Die "Kapell" wurde 1899 abgerissen.

Bei den politischen Umständen verwundert es nicht, daß man bei der Sammlung eines Pfarrbesoldungskapitals (Pfarrpfründe) in Obertshausen sehr vorsichtig wurde. Die Satzung der ersten Schenkungsurkunde über 300 Mark (von Dr. Bruder) versucht jeden staatlichen Zugriff auf das Kapital zu unterbinden. Allein ein Pfarrer genügte zu der Zeit nicht, weil Obertshausen mittlerweile mit 700 Katholiken gesegnet ist und Kirchenraum benötigt. So wird 1890 ein Kirchenbauverein gegründet. 1896 wurde die Rodgaubahn Offenbach - Reinheim mit dem Obertshäuser Bahnhof eröffnet. Obertshausen wuchs damit immens. 1903 hatte Obertshausen 1500 Katholiken. Dr. Bruder schreibt eine Eingabe nach Mainz, das eine Pfarrkuratie genehmigen sollte. Er schildert die Situation in düstersten Farben, aber wie sie ist. 1904 wird das Kapital des Kirchenbauvereins zum Pfarrbesoldungskapital zugeschlagen und beträgt 15.850 Mark. 1904 genehmigt der Großherzog Ernst Ludwig von Hessen die Gründung der Pfarrei (zum Dekanat Offenbach gehörig) und ab Januar 1905 ist die Pfarrei kanonisch durch Bischof Kirstein eingerichtet. Am 30. Mai kommt der erste Pfarrer Michael Eich nach Obertshausen. Er wohnte zunächst in einem ihm zur Verfügung gestellten Haus.

1908, das Kirchlein für 300 bis 400 Einwohner gebaut, platzte aus allen Nähten und zeigte auch einige Baumängel. Außerdem lief der Vertrag über die Ersatzwohnung des Pfarrers ab und das Versprechen der Gemeinde zum Bau eines Pfarrhauses war noch nicht eingelöst. Ein Brief an das Kreisamt Offenbach wurde abgeschickt mit der Bitte, die Gemeinde an das Versprechen zu erinnern, und mit dem Wunsch einen Kredit von 50 - 60.000 Mark zu genehmigen, der zum Bau der Kirche ausreiche. 1910 hatte Obertshausen 1852 Einwohner. 

Johannes Lötz