Schmuckband Kreuzgang

Bald wird mein Heil kommen

Datum:
Mi. 1. Dez. 2021
Von:
Pfr. em. Kurt Sohns

Dieses ermutigende Wort durfte der Prophet Jesaja dem Volk sagen. Wir dürfen es auch für uns gesprochen verstehen. Es wäre verhängnisvoll, könnten wir uns nicht mehr von Gott ange-sprochen erfahren. Das ist eine wichtige Aussage für einen Bußgottesdienst, für eine Buß-besinnung. Zu einer Bußbesinnung gehört ja nicht nur das Nachdenken über unsere Schuld, sondern auch und eigentlich noch viel mehr das Nachdenken über Gottes Verhalten zu uns. Oft ist es so, dass sich der Mensch vor allem von sich her beschreibt, von dem, was ihm misslungen ist. Die Gefahr dabei ist, dass das Handeln Gottes dann nur noch als Reaktion auf unser Handeln, auf unsere Leistung oder unser Versagen empfunden wird.

Die entscheidende Aussage über unser Leben aber besteht darin, dass Gott uns nahe sein will. So wie es in den prophetischen Worten von Jesaja anklingt: „Nahe ist mein Heil, dass es komme“. Die erste Versicherung Gottes in dieser Verheißung „Nahe ist mein Heil“ ist auch für uns keine Selbstverständlichkeit. Mit dem Verstand sagen wir vielleicht: Ja, so ist es. Doch ob wir es spüren? Ob wir Seine Nähe wollen? In manchen Gedichten von Rainer Maria Rilke ist die Sehnsucht nach Gottes Nähe und das Ahnen dieser Nähe zu spüren. Beim Hören dieser Worte kann sich uns die Frage stellen: Wie ist es mit meiner Sehnsucht nach der Nähe Gottes? Rilke sagt zu Gott in einem Gedicht: „Nur eine schmale Wand ist zwischen uns“. Er spricht Gott an: „Du, Nachbar Gott“. Und er bekennt und bittet: „Ich horche immer. Gieb ein kleines Zeichen“.

Die Ergänzung der Verheißung Gottes „Nahe ist mein Heil“ lautet: „dass es komme“. In diesen Worten spricht sich die Sehnsucht Gottes aus. Nach dem Zeugnis der Schrift dürfen wir von der Sehnsucht Gottes sprechen. Und wir sollten der Sehnsucht Gottes nicht die Erklärung unserer Unwürdigkeit entgegensetzen. Besser ist es, in uns die Sehnsucht nach Gott zu suchen, statt uns vorschnell damit abzufinden, sie sei nicht da. Der Jesuiten-Pater Peter Lippert reflektiert in seinem Buch <Der Mensch Job redet mit Gott> in einer Besinnung, dass er Gott so wenig entgegenkommt. „Du findest meine Türe immer wieder verschlossen. Dann stehst Du vor meiner Türe und musst anklopfen; es ist niemand da, der Dir entgegen fliegt wie einem lange und liebend Erwarteten.“ Trotz dieser Erfahrung resigniert er nicht. Er traut Gott so viel zu, dass er zu Ihm sagen kann: „Obwohl ich ohnmächtig bin und nichts tun kann, um Dich zu sammeln und würdig aufzubewahren, bringe ich es auch nicht fertig, Dich zu bitten, dass du Deine Liebe aufhören lassest. Nein, das wäre nicht zu ertragen… Und so flehe ich Dich traurig vor lauter Seligkeit an: Erlaube mir, Dich weiter zu empfangen – auch wenn Du verlorengehst in mir. Ich möchte gern glauben, dass schon etwas getan sei, wenn ich Dich nur in mich aufnehme“. Was ist wichtiger für uns, die wir im Advent leben und uns auf Weihnachten vorbereiten, als die Bitte an Gott, dass unsere Sehnsucht nach Ihm wächst.


Kurt Sohns