Schmuckband Kreuzgang

Das Wunder der Begegnung

Fr 5. Jul 2019
Pfr. em. Kurt Sohns

Wenn sich zwei begegnen und jeder will bekommen, geht jeder mit leeren Händen.

Doch wenn sich zwei begegnen, um dem anderen etwas zu geben, dann sind beide beschenkt und gehen nicht leer aus der Begegnung heraus.

Unbekannter Verfasser

Das Fest, das die Kirche am 2. Juli feiert, hat einen Namen, der nichts Erfreuliches erwarten lässt. Wenn einzelne Menschen oder Gruppen oder Völker von einem schweren Unglück betroffen sind, sprechen wir von Heimsuchung. Auch das Verb «heimsuchen» hatte ursprünglich diese negative Bedeutung, wurde später aber auch gebraucht, um eine freundliche Begegnung zu beschreiben. In diesem Sinn ist das Fest «Mariä Heimsuchung» zu verstehen. So haben es wohl auch die gesehen, die am Dienstag in einer für den Werktag großen Zahl zur Eucharistiefeier kamen.

Ich vermute, jeder/jede von uns hat sich schon die Frage gestellt: Was geschieht da, wenn ich einem Menschen begegne? Wird der andere durch mich glücklich oder bedrückt? Wird er in der Begegnung mit mir ärmer oder reicher? Wie wichtig es ist, uns dieser Frage zu stellen, erleben wir ja, wenn wir aus einer Begegnung enttäuscht und leer kommen, oder wenn wir den Eindruck haben, die oder der Andere ist leer von uns weggegangen.

Am Fest «Mariä Heimsuchung» hören wir im Evangelium von einer Begegnung, die ungemein befruchtend ist. Da wird von Maria erzählt, die aus der Begegnung mit Gottes Botschaft das Wort Gottes so tief in sich einlassen konnte, dass es in ihr Mensch wurde. Das Wort Gottes wuchs in ihr immer mehr: „Mir geschehe nach deinem Wort!“ (Lk 1,38).

In der Begegnung Marias mit Elisabeth, ihrer Verwandten, ist es nicht nur ihre eigene Wirklichkeit, die sie mitteilt. Weil sie Trägerin von Gottes Wirklichkeit ist, wird ihre Begegnung fruchtbar sein. Elisabeth gibt Zeugnis von dieser Fruchtbarkeit. Sie ist schwanger und berichtet von der Bewegung des Kindes in ihrem Schoß beim Gruß Marias. Sie tut das von Heiligem Geist erfüllt. Die Fruchtbarkeit der Begegnung ist eine Fruchtbarkeit im Geist Gottes.

Das wird man von jeder Begegnung sagen können: Wenn sie fruchtbar ist, dann hat sie etwas mit Gottes Geist zu tun. Fruchtbar ist eine Begegnung, wenn sie den Menschen aus einer Enge befreit –, wenn sie Freude in ihm aufstrahlen lässt –, wenn sie ihn nicht klein hält durch Angst-Machen und Einflößen von Schuldgefühlen.

Zeichen einer guten Begegnung ist es, wenn ein Mensch dabei frei wird, Gott zu preisen –, wenn er die Welt nicht nur als ein Faktum ansieht, sondern als Schöpfung Gottes, der seine Sonne aufgehen lässt über Bösen und Guten und regnen lässt auf Gerechte und Ungerechte (Mt 5,45). Das zeigt, dass gute Begegnung mit Liebe zu tun hat. Wo die Liebe nicht ist, da wird der Mensch unfähig zum Schöpferischen. Da hält er sich an die Spielregeln des Verwaltens und Kontrollierens, des Misstrauens, des Missmuts. Wie viele Begegnungen sind dadurch geprägt und machen ein Leben arm und verkümmert.

Eine gute Begegnung lässt Spielraum für jeden der Partner. Im Evangelium von Mariä Heimsuchung ist es darin zum Ausdruck gebracht, dass Elisabeth und Maria durch die je andere von Lebendigkeit erfüllt werden. Das Preislied Marias, das Magnifikat, ist eine Reaktion auf das, was sie durch Elisabeth hört.

Im ersten Wort des Lobgesangs Marias wird noch einmal ausgesagt, was die Begegnung mit Maria für Elisabeth so wertvoll macht. Maria bekennt: „Groß macht meine Seele den Herrn, und es jubelt meine Seele über Gott, meinen Heiland“ (Lk 1,46). „Darauf setze all dein Bemühen, dass Gott in dir groß werde“ –, verlangt der Mystiker Meister Eckehart. Er weiß, wie das wichtig ist nicht nur für den einzelnen Menschen, für sich selbst, sondern auch für die Begegnung, damit der andere nicht leer bleibt. Das Wort Gottes, das Maria in sich aufgenommen hatte, konnte in ihr wachsen und zunehmen und durch sie für andere fruchtbar werden.

Unsere Bitte in unserem Beten könnte es sein, dass auch in uns Gottes Wort groß werde, damit wir in der Begegnung einander zur Entfaltung des Lebens beitragen. Das Wunder der Begegnung von Maria und Elisabeth lässt sich beschreiben mit dem indischen Begegnungs-Gruß: «Das Göttliche in mir grüßt das Göttliche in Dir».