Schmuckband Kreuzgang

Dennoch Vertrauen

Sa 10. Aug 2019
Pfr. em. Kurt Sohns

Die Dichterin Hilde Domin hat in einem Gedicht die Situation vieler Menschen, die nach einer Heimat suchen, beschrieben. Sie selbst musste, um ihr Leben zu retten, Hitler-Deutschland verlassen, damals ein Land, in dem die Menschenrechte mit Füßen getreten wurden. Sie hat erlebt, was es bedeutet, schutzlos einer Mörder-Regierung ausgeliefert zu sein.

Das Gedicht beginnt: „Lange wurdest du um die türelosen // Mauern der Stadt gejagt. – Du fliehst und streust // die verwirrten Namen der Dinge //  hinter dich.“ Das Bild von den türelosen Mauern lässt an die Menschen denken, die mitleidlos ihre Türen verschlossen halten. Diese Verweigerung jeder Solidarität lässt am Mensch-sein der Menschen zweifeln.

Heute können Wahlen gewonnen oder verloren werden, je nachdem, wie die Parteien dazu stehen, denen, die auf der Flucht sind, mit Zuneigung oder Ablehnung zu begegnen. Die Solidarität wird auch denen verweigert, die fürchten oder es schon erleben, dass es für sie keine menschenfreundliche Wohnung gibt. Das Recht auf eine solche Wohnung muss als einforderbares Menschenrecht in unser Grund-gesetz aufgenommen werden.

In dem Buch von Konstantin Wecker und Bernard Glassmann «Es geht ums Tun und nicht ums Siegen. – Engagement zwischen Wut und Zärtlichkeit» heißt es: „Wenn Sie sich dafür entscheiden, den Ausgegrenzten beizustehen, werden Sie unweigerlich mit Leid konfrontiert“. Doch das sollte uns nicht abschrecken, denn auch das gilt: „Wenn Sie anderen Menschen beistehen und dies in einer Haltung der inneren Präsenz tun, dann werden Sie unweigerlich tiefe Erfüllung und menschliche Ganzheitlichkeit erfahren. Sie legen Zeugnis ab von der Freude und dem Leid um Sie herum und tragen damit zur Verminderung des Leidens in der Welt bei. Es gibt viele Möglichkeiten, innere Präsenz und Gelassenheit auszubilden; Meditation und Gebet können uns dabei entscheidend unterstützen. Indem wir die Einheit des Lebens und unsere Verbindung mit dem Göttlichen erfahren, erfahren wir die Vollkommenheit der Welt, wie sie ist, und erhalten zugleich die Kraft, sie durch aktives Handeln lebenswerter für alle Menschen zu machen“.

Diese Worte von Bernard Glassman sind voller Kraft, weil sie auf die Quelle der Kraft hinweisen, ohne die wir uns hilflos erfahren würden angesichts der zerstörenden Kräfte in der Welt. In ähnlicher Weise beruft sich und ermutigt uns der Verfasser des Kolosser-Briefs auf die Verbindung mit dem Messias: „Auf das hin mühe ich mich und kämpfe seiner Wirkmacht entsprechend, die mit Kraft in mir wirkmächtig ist“.

Den Worten von Hilde Domin, mit denen sie das Problem des Ausgesetzt-seins wahrnehmbar machen will, entspricht eine Stelle aus dem Matthäus-Evangeliums (9,36), in der deutlich wird, dass Jesus das Ausgesetzt-sein von vielen Menschen wahrnimmt: „Als er die Scharen sah, ward ihm weh um sie, weil sie geschunden waren und preisgegeben wie Schafe, die keinen Hirten haben“. (Leider wird dieses Bibel-Wort in vielen Übersetzungen verharmlost wiedergegeben.)

Die Dichterin Hilde Domin spricht in der Darstellung des bedrohten Menschen nicht ihr letztes Wort. Sie umfasst es mit den Worten: „Vertrauen, dieses schwerste ABC“. Damit erinnert sie daran, dass wir Lernende zu sein haben, für uns selbst: dass wir trotz mancher Enttäuschungen die Welt und die Menschen nicht für schlecht erklären, und für die Menschen: die es schwer haben, an das Gute im Menschen zu glauben.

Als Kinder hatten wir wahrscheinlich Mühe, das ABC in der Schule zu lernen. Später ging es darum, das ABC der Literatur, das ABC des Zeitung-Lesens und vor allem das ABC der Sprache in der Begegnung mit den verschiedensten Menschen zu lernen.

Martin Buber hat in seiner Besinnung über das erzieherische Verhältnis auf die Kinder hingewiesen, die die Ansprache der Mutter brauchen. „Im Angesicht der einsamen Nacht, die einzudringen droht, liegen sie bewahrt und behütet, unverwundbar, im silbernen Panzerhemd des Vertrauens“. Dann folgt eine wunderbare Beschreibung von der Notwendigkeit des Menschen, der da sein muss, damit Vertrauen zur Welt durch diesen Menschen, durch diese Menschen  ermöglicht wird.

„Vertrauen, Vertrauen zur Welt, weil es diesen Menschen gibt – das ist das innerlichste Werk des erzieherischen Verhältnisses. Weil es diesen Menschen gibt, kann der Widersinn nicht die wahre Wahrheit sein, so hart er einen bedrängt. Weil es diesen Menschen gibt, ist gewiss in der Finsternis das Licht, im Schrecken das Heil und in der Stumpfheit der Mitlebenden die große Liebe verborgen.“